Endlich hab ich ein schönes Bild von mir und meinem Tourenrad.

Die Fotografin und gute Freundin Annelena hat mich und mein Fahrrad heute in Schöneberg abgelichtet. Danke dafür, es hat Spaß gemacht. Die Bilder sind einfach toll geworden!

 

Wanaka

Nachdem wir aufgestanden sind, checke ich erstmal mein Bankkonto. Doch zu meinem Bedauern ist der Transfer weder bei mir noch bei Janina eingegangen. Mist, wie sollen wir nun an Geld rankommen? Wir haben weder was zu essen für morgen, noch ist die nächste Nacht für den Campground bezahlt. Na toll! Als ich die Wäsche sortiere, fällt mir auf, dass die Ölflecken aus meinen Klamotten trotz des Waschens in der Maschine nicht rausgegangen sind. Das nervt mich tierisch. Zum Frühstück brauchen wir unsere letzten Reserven auf. Wir sortieren die Fahrradtaschen und machen uns dann auf in die Stadt. Unsere letzte Hoffnung ist dass wir am Automaten irgendwie vielleicht doch schon Geld abheben können. Und zu unserer großen Freude, spuckt uns diesmal der Automat wirklich Geld aus. „Ich raste aus! Wie geil ist das denn bitte! Der Tag ist gerettet!“ Wir schlendern gemütlich durch die Stadt, essen einen Kiwi-Burger, der laut Donald noch besser sein soll als der Fergburger und gönnen uns ein Eis. Das kommt aber nicht im Entferntesten an das Eis von Patagonia ran. Das „New World“ Schild erinnert uns an unseren nicht vorhandenen Lebensmittelvorrat und so kaufen wir erstmal wieder richtig ein. Ach wie kann das Leben mit Geld schön sein! Wir laufen mit vollen Taschen zurück und sind beide total müde und träge. Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit ankommen, verstauen wir den Einkauf und bringen unsere Räder wieder etwas auf Vordermann. Ich mache den Reifenwechsel und öle meine Kette. Wir laufen zur Rezeption und bezahlen für die nächste Nacht. Das Mädel beneidet uns um unsere Radtour, das ist ihr großer Traum. Und sie fragt Janina „What parfume do you use? You smell so good!“ Janina schaut etwas überrascht „I don’t wear perfum“ und fügt dann mit einem Grinsen hinzu  „Its my individual scent!“ Das Mädchen läuft rot an, ihr scheint es unangenehm zu sein. Doch als Janina und ich anfangen zu lachen, lacht sie mit uns über die Situation. Wir albern noch ein bisschen rum, bis wir uns verabschieden. Zum Abendessen gibt es endlich mal wieder Nudeln mit Hackfleisch und Tomatensoße, so lecker! Auf der Terrasse schreiben wir Postkarten an die Warmshower Leute und unserer Familie. Mein Blick schweift immer wieder auf die vom Abendlicht vergoldeten Berge – großartiger Moment. Mit vollem Magen kriechen wir in unser Zelt.

Wanaka | Milfordsounds 

Heute schlafen wir mal aus. Als wir aufstehen ist auf dem Campingplatz schon einiges los. Alle sind am zusammenpacken und checken nacheinander aus. Wie ist das schön mal nicht sofort alles reisefertig zu machen. Wir frühstücken ausgiebig, checken kurz mails und drehen ein kleines Geburtstagsvideo für unsere Freundin Charlotte in Berlin. Dabei bekommen wir einen Lachflash nach dem anderen und so dauert es eine Weile, bis wir das Video tatsächlich senden können. Der Plan für heute ist in der Stadt einen neuen Reifen für Marjam zu besorgen und uns nochmal nach dem Fly-Cruise-Fly Angebot nach Milfordsound zu erkundigen. Denn so richtig haben wir uns von der Vorstellung noch nicht verabschiedet. Also auf ins Zentrum von Wanaka, das direkt am wunderschönen See gelegen ist. Nachdem wir einen neuen Reifen für Marjams Rad gekauft haben geht es ein Haus weiter zur Isite. Auch von hier ist ein Flug zu den Fjorden von Milfordsound möglich und zwar schon heute Mittag. Die Dame empfiehlt uns nachher nochmal bei ihnen vorbeizukommen, um zu erfragen, ob wir heute wirklich fliegen können. Wegen des Wetters sei es möglich, dass der Flug spontan abgesagt wird. Na das kennen wir ja schon aus Queenstown. Also schlendern wir noch ein bisschen am See entlang und laufen zur Bank. Zu meinem Schreck ist bei mir keine Geldabhebung möglich. Ich versuche es noch zweimal, aber der Automat spuckt einfach nichts raus. „Scheiße, dann ist der Transfer von gestern wohl immer noch nicht eingegangen. Komisch, das braucht doch eigentlich nur einen Tag! Ok dann musst du halt abheben“ Marjam versucht es, aber auch bei ihr will der Automat nichts auszahlen. „So ne Scheiße, das Geld von Juicy ist wohl auch noch nicht da. Mann ey, hätten wir mal drauf bestanden es bar zurückzubekommen!“ Wir sind beide mega enttäuscht und überfordert zugleich. Wir haben die Hoffnung, dass es an dem Automaten liegt. Uns ist es etwas unangenehm als wir zur Isite laufen und der Dame unsere Situation erklären. Sie ist sehr verständnisvoll und lässt es uns nochmal per Kartenzahlung versuchen, doch auch das funktioniert nicht. Wir sind verwirrt, bis die Dame uns darauf aufmerksam macht, dass in Deutschland noch Sonntag ist. Übers Wochenende wird der Transfer ja nicht bearbeitet. Na toll! Es schaut so aus, als müssten wir auf den Flug verzichten. Und das Traurige ist, dass heute der Flug wegen des guten Wetters tatsächlich stattgefunden hätte. Etwas bedröppelt verabschieden wir uns. Die letzte Hoffnung, dass Morgen das Geld da sein könnte und das Wetter gut bleibt, lassen wir uns nicht nehmen. Plötzlich hören wir ein lautes Rufen und die Isite-Dame kommt uns hinterhergerannt. Sie erzählt uns mit einem Grinsen, dass sie gerade mit der Fluggesellschaft telefoniert hat und die bereit wären das Geld auch ein paar Tage später abzubuchen. Der Fahrer hole uns hier um eins ab. Wir können unseren Ohren nicht trauen, wie geil ist das denn! Wir bedanken uns tausendmal und sind voller Vorfreude! Wir können es kaum erwarten Neuseeland von oben zu sehen – von wegen es sollte nicht sein! Mit dem bisschen Bargeld, was wir noch haben kaufen wir uns noch etwas beim Bäcker und dann steht Jack schon an der Straße und holt uns mit seinem Truck ab. Wir essen im Auto unser Mittagessen und quatschen mit dem Piloten Jack, der schätzungsweise etwas älter ist als wir. Am kleinen Flughafen ankommen lernen wir Ross kennen, unser Pilot. Wir klären mit der Empfangsdame die Geldgeschichte. Es scheint alles zu klappen. Jack erzählt uns etwas über die bevorstehende Flugroute und wünscht uns einen guten Flug. Wir sind nicht die Einzigen, es begleitet uns noch ein australisches Ehepaar. Also laufen wir zusammen zu unserer Maschine. So langsam werde ich aufgeregt. Marjam und ich sitzen nebeneinander, es folgt ein Sicherheitscheck und dann ziehen wir alle unsere Kopfhörer auf. Ich schaue zu meiner Schwester, zwinkere ihr zu und strecke den Daumen in die Luft. Sie schaut aus, wie ich mich gerade fühle: Sie strahlt über das ganze Gesicht und sieht einfach nur glücklich aus. Und los gehts! Der Abflug ist ganz anders als in einem normalen Flugzeug, es wackelt kontinuierlich und man hört durchgehend das Brummgeräusch des Motors, es fühlt sich so an als würden wir in der Luft stehen. Als wir immer höher steigen und Jack und der Flugplatz allmählich zu kleinen Spielzeugfiguren werden, realisiere ich erst, dass wir tatsächlich fliegen. Eine Stunde brauchen wir auf dem Luftweg zu unserem Ziel. Wir überfliegen den Wanaka See. Unter uns erstrecken sich die Berge und Täler, es ist einfach atemberaubend! Wir fliegen Richtung Westen, sehen den Mount Cook über die Wolken ragen und schauen auf beeindruckende Gletscher herunter. Die Wolken werden gen Westen immer dichter, es hat hier einen jährlichen Niederschlagswert von weit über 2500mm (vs. Hessen 1000mm/Jahr). Und als wir in die Fjordlandschaft hineinfliegen, komme ich mir wahrhaftig vor wie in einer Herr der Ringe Kulisse. Ich schaue auf den Fjord, und sehe kleine Pünktchen, die sich fortbewegen. Sind das Delfine, wahrscheinlich irre ich mich.  „Welcome to Milford Sound“ sagt Ross und der Motor summt ein letztes mal, bevor er verstummt. Wir steigen aus, es ist ein komplett anderes Klima hier im Westen. Extrem heiß und feucht, ich komme mir vor wie in einem Gewächshaus. Es ist komisch mal eine Strecke nicht aus eigener Muskelkraft zurückgelegt zu haben. Wir laufen zum Hafen, wo schon unser Boot auf uns wartet, was im Vergleich zu den restlichen Booten viel kleiner ist. Ich traue meinen Augen kaum, ich hatte Recht, es sind tatsächlich Delfine, die in der Nähe des Ufers ihre Kreise ziehen. Es sind keine Dusky Delfine wie an der Ostküste, sondern echte Flipper! Es sei wirklich selten hier Delfine zu sehen, dass hatte uns Jack vorhin noch gesagt. Was sind wir für Glückspilze, so ein schöner Moment. Die Bootstour ist ebenfalls beeidruckend. Wir bewundern riesige Wasserfälle, vergoldete Steinmauern und faulenzende Seelöwen, während wir uns mit  Kaffee und Tee aufwärmen. Als wir immer weiter auf das offene Meer hinausfahren, wird uns beiden wieder etwas flau im Magen. Wir freuen uns, als das Boot kehrt macht und zurück Richtung Festland fährt. Ross steht schon da und wartet auf uns, er ist etwas nervös wegen des Wetters. Es nieselt und er hat sich bereits eine andere Route überlegt. Die Kajakfahrer werden immer kleiner, bis sie nur noch kleine gelbe Pünktchen sind und dann sind wir auch schon wieder in den Bergen, die sich uns von oben in ihrer vollen Pracht zeigen. Ross fliegt diesmal sehr nah an ihnen entlang. Die scharfen Kanten, die unterschiedlichen Grautöne und die Flussbetten sind beeindruckend. Und dann erspähe ich schon den Wanaka See. Wir landen und sind erschöpft von den vier Stunden Sightseeing, die einfach wunderbar und so bereichernd waren. Zwei andere Australier sitzen im Zimmer und warten auf Ross. Als sie uns vier sehen steigt ihre Vorfreude, denn wir alle haben ein großes Lächeln auf dem Gesicht. Jack fährt uns wieder zurück in die Stadt. „Guess what, Jack? We saw Dolphins today. It was wonderful! We are so happy!“ Jack kann es gar nicht glauben und freut sich riesig für uns. Wir sind beide k. o. und fahren direkt zum Zeltplatz. Wir waschen Wäsche, kochen und essen zu Abend. Wir ziehen uns wieder in unser Zelt zurück, da die Holländer wieder am skypen sind. Als wir in unseren Schlafsäcken liegen und am Blog schreiben macht es plötzlich „knacks“. „Was war das?“ fragt mich Marjam „Keine Ahnung, klang wie eien Zeltstange…“ Also leuchten wir mit unserer Stirnlampe auf das Zelt. Die eine Stange ist tatsächlich gebrochen und das Zelt ist komplett schief. Es dauert eine ganze Weile, bis wir die Stange ausgetauscht haben. Was für ein Tag!

 

Queenstown | Wanaka

Die Nacht war furchtbar laut, Gegröle und Musik von irgendwelchen Campern bis in die Morgenstunden. Wir nutzen die schön gepflegten Duschen und essen zum Frühstück Weetbix. Bevor es los geht hüpfen wir schnell noch in 4Square, der auch Sonntags auf hat. Ich verstaue die ganzen Sachen in meine eh schon viel zu vollen Taschen, was mich nervt. Bevor ich Janina anzicken kann, spricht uns eine Frau an. Sie ist sportlich bekleidet und super interessiert an unserer Route. Wir sind beide nicht so gesprächig und erzählen nur das Nötigste. Das Stück zur State Highway 6 schieben wir und diskutieren ob  wir über Arrowtown fahren sollen. Wir entscheiden uns dagegen und radeln los Richtung Wanaka. Als wir kurz hinter der Kreuzung sind ruft Janina „Marjaaam, ich glaub du hast nen Platten!“ Sie hat recht, ich hab mich schon gewundert, warum es sich so komisch fährt die letzten Meter. Wir halten am Straßenrand an. Das Loch ist riesig und mein Hinterreifen ist extrem abgefahren. Ich tausche sicherheitshalber das Hinterrad mit dem Vorderrad. Dann geht es weiter: wieder am spiegelglatten Hayes See vorbei, in dem sich die rot gelb gefärbten Herbstbäume in spiegeln. Von Weitem sehen wir die Crownrange Road, die sich in Serpentinen hochschlängelt. Auf gehts! Die erste Strecke schaffen wir beide, Janina steigt irgendwann ab und schiebt. Da ich das Schieben durch mein schweres Gepäck als lästig empfinde, zwinge ich mich weiter zu fahren. Irgendwann halte ich in einer Kurve an und warte auf Janina. Die sitzt zu meiner Bewunderung wieder auf dem Rad und strampelt mir entgegen. Zwei Radreisende kommen uns entgegen gerollt, sie muntern uns auf. Langsam aber sicher nähern wir uns dem Lookout. Der Blick übers Tal ist wunderschön und wir können Queenstown von hier oben sehen. Es geht nicht ganz so steil weiter. Tom hatte schon in Dunedin über unser Vorhaben gelacht. Er ist die Strecke mit dem Rad andersherum gefahren, von Wanaka nach Queenstown und das hat ihm schon gereicht. Die Strecke die wir fahren hat er mit dem Auto zurückgelegt und er versichert uns: „Wenn ihr denkt, ihr habt es geschafft, dann fahrt ihr um die Kurve und es ist noch lange kein Ende in Sicht.“ Den Satz habe ich die ganze Zeit im Kopf. Janina und ich haben irgendwann kein Bock mehr und machen mitten am Straßenrand Pause. Wir essen unsere Stullen und sind dabei die Attraktion des Tages. Und dann geht es frisch gestärkt weiter. Und wie Tom uns versprochen hat, wird der Berg wieder steiler. „Komm schon Marjam, die Kurve noch, dann ist es geschafft.“ denke ich mir, den Blick geradeaus gerichtet, wo der Berg ein Ende zu haben scheint. Aber von wegen. Hier ist nur ein weiterer Aussichtspunkt, wie Tom gesagt hat schlängelt sich die Straße weiter den Berg hoch. Janina kommt schnaufend den Berg hochgeschoben. Ein Rennradler fährt an ihr vorbei. Ich beneide ihn, zu gern würde ich mit ihm das Rad tauschen. Wir genießen erneut den Ausblick. Dann machen wir uns schnell weiter, damit wir nicht auskühlen. Das Wasser wird immer weniger, ich fahre weiter. Als es zu steil wird, muss auch ich schieben, mein Vorderrad hebt ständig ab durch das schwere Gepäck und ich habe keinen Halt mehr. Janina schiebt und fährt abwechselnd. Neben mir am Straßenrand entdecke ich einen kleinen Wasserfall. Ich fülle unsere Flaschen auf -Quellwasser ist doch das Beste! Die letzen Meter und wir haben es geschafft; wir haben die 1100m bezwungen! Wir sind mega stolz und machen ein paar Fotos mit dem Stativ und Selbstauslöser. Ein neuseeländischer Rennradler beobachtet uns und freut sich mit uns. Er ist die andere Seite hochgeradelt, unsere Seite ist er bisher immer nur runter gefahren. Wir schnacken kurz und nachdem er seine Banane gegessen hat fährt er wieder nach Wanaka runter. Wir ziehen und warm an und dann rollen auch wir die langersehnte Abfahrt entlang. Die ersten 4km sind relativ steil, danach ist die Strecke bis nach Wanaka sehr angenehm zu fahren. Die Landschaft ist atemberaubend – noch besser als in Herr der Ringe. Ich kann mich gar nicht satt sehen und so merke ich den vor mir liegenden kleinen Hügel viel zu spät. Ich schalte viel zu schnell, die  Kette springt raus und wie eine Verrückte trete ich ohne Kette in die Pedale, bis ich umfalle. Das muss wohl ein ziemlich witziges Bild gewesen sein, denn Janina prustet los. Lachend und japsend vergleicht sie mich mit Tom (von Tom und Jerry) ich werd angesteckt. Wir lachen noch eine Weile, bevor wir durch die wunderschöne Herbstlandschaft weiterfahren. Wir sind umgeben von Bergen, Adler ziehen über uns ihre Kreise und die Stille der Natur ist wunderbar. Neben uns erstreckt sich der berühmte BH-Zaun. An dem Zaun hängen unzählige BH´s. Wir haben leider keinen BH über, sonst hätten wir definitiv auch einen hingehängt. Als wir in Wanaka ankommen, wissen wir dass der Ort mit zu unseren Neuseeland-Lieblingsorten gehören wird. Wir fahren zum Aspiring Campground, den hat uns Donald empfohlen. Wir buchen 2 Nächte, die haben hier freies Wlan und sogar einen Spa-Bereich mit Sauna. Wir bauen das Zelt auf und kochen. In der Küche sitzt eine holländische Familie, die sich so benehmen als seien sie alleine. Sie skypen mit unterschiedlichsten Leuten, denen sie allen das Gleiche erzählen, in einer Lautstärke, die Kopfschmerzen verursacht. Wir kommen uns vor, als säßen wir in deren Wohnzimmer. Wir ziehen uns in unser Zelt zurück, schreiben Mails und noch etwas am Blog bevor wir einschlafen.

Queenstown

Der Wecker klingelt. Wir sind beide todmüde. Unsere Zeltnachbarn haben noch bis morgens Radau gemacht. Stillschweigend und noch halb schlafend packen wir unsere Sachen zusammen. Als Marjam das Zelt aufmacht, bestätigt sich unsere Annahme  –  es nieselt. Sie geht raus und sucht eine Stelle an der man Handyempfang hat. Kurze Zeit später kommt sie wieder reingekrochen. Aufgrund des Wetters finden heute keine Flüge statt. Etwas enttäuscht sind wir schon. Es sollte wohl nicht sein und so bekommen wir wenigstens das Geld zurück. Wir legen uns nochmal kurz hin und warten den Regen ab. Ich habe meine Regel bekommen und bin demnach etwas knätschi. Gegen neun packen wir unsere Sachen zusammen , trinken nen Käffchen und fahren Richtung Stadt. Marjam schafft sogar die steile Strecke hoch, die wir gestern mit vollgezogenen Bremsen runtergefahren sind. Ich schiebe. Oben angekommen japst Marjam nach Luft und wir machen nen kleinen Freudentanz, dass sie nicht absteigen musste. Rechts von uns liegt der See und wir treten fröhlich in die Pedale und überholen ein grünes Auto, das an einer Parkbucht gehalten hat. Zwei Jungs stehen daneben, der eine springt mit seiner Kamera aufs Auto und versucht das perfektes Bild einzufangen. Lustige Situation.In der zweiten Parkbucht spielt sich komplett die gleiche Situation nochmals ab. Ich bin verwirrt, bis ich merke, dass es das gleiche Auto ist, was uns überholt haben muss. Marjam und Ich fahren grinsend vorbei. Wir speichern den atemberaubenden Ausblick nicht auf unserer Speicherkarte sondern in unserem Gedächtnis. Zufällig ist in der Stadt gerade Markt. Wir schlendern rüber und sehen einen Stand mit gepressten Bier-/Weinflaschen, die zu Uhren zweckverfremdet worden sind. Tolle Idee. Der Stand gehört einem Deutschen, er ist vor ein paar Jahren aus Heidelberg hierhergezogen. Wir holen bei Juicy unser Geld zurück. Sie können es uns dummerweise nicht bar geben sondern nur auf die Karte zurück buchen. Da wir uns entschieden haben heute einen Pausentag einzulegen schlendern wir zu einem Zeltplatz im Zentrum von Queenstwon. Der ist zwar recht teuer, aber sehr schön gelegen und sauber. Er ist fast schon mit einem Hotel vergleichbar. Wir bauen das Zelt auf und essen noch zu Mittag, dann geht es wieder in die Stadt. Wir kaufen uns eine kleine Bierflaschen-Uhr und laufen zur Library um mal wieder Online zu gehen. Doch die hat kein Wifi und so laufen wir zurück ins Zentrum. Patagonia steht heute wieder auf dem Programm.  Es ist definitiv das beste Eis was wir je gegessen haben, das muss man ausnutzen! Wir nutzen hier den freien Internetzugang und checken unsere Mails. Ich bin etwas überfordert. Einige Mails aus Marburg sind im Postfach und es ist super komisch wieder an den Uni-Alltag zu denken. Deshalb verdränge ich den Gedanken schnell wieder und wir gehen zum Zeltplatz. Wir schreiben den Leuten, die wir in Neuseeland kennengelernt haben, hören dabei Rodrigo y Gabriela und machen uns einen schönen Abend. Antonio schreibt uns direkt zurück, wir freuen uns von ihm zu hören! Mit „Orion“ im Ohr schlafen wir ein.

Gibbson | Queenstown

Wir stehen früh auf und packen alles zusammen. Wir sind schneller geworden. Die Sonne scheint und schweren Herzens verabschieden wir uns von dem traumhaften Ort und schieben unsere Räder zur Straße hoch. Es bleibt wie gestern hügelig und ich spüre meine Beine. Gestern hatte ich Mitleid mit Janina und habe meine kleinsten Gänge nicht genutzt. Das macht sich jetzt bemerkbar. Von Janina bekomme ich wie erwartet null Mitgefühl. „Hää warum fährst du denn in den hohen Gängen, hat dich ja keiner gezwungen. Jetzt siehst du mal was ich jeden Tag leiste“ „Ich wollte halt nett sein. Dafür bist du mittlerweile fitter von uns beiden. Ich würd das nicht durchhalten“ – damit hab ich sie! Und tatsächlich, Janina schmunzelt. Wir treten in die Pedale , noch ist der Gegenwind erträglich. Als wir ein Fahrradschild sehen, biegen wir ab und folgen dem  Fahrradweg, es ist deutlich weniger Verkehr hier. Das „steil“-Schild taucht vor uns auf und Janina steigt ohne zu zögern vom Rad ab und schiebt, ich schließ mich ihr kurze Zeit später an. Gutgelaunt schieben wir den Berg hoch und freuen uns schon auf die Abfahrt. Die zieht sich in die Länge und ich hör von hinten ein genervtes „Ohh näähh, das müssen wir morgen alles wieder hoch…“. Ich seh Janina genau vor mir wie sieh hinter mir die Augen verdreht und muss lachen. Aber sie hat recht. Queenstwon ist umgeben von Bergen und da unser nächsten Ziel Wanaka heißt müssen wir tatsächlich alles wieder hoch. Aber das verdränge ich schnell wieder. Wir rollen in Queenstown ein. Ich muss sau nötig auf Toilette und so stoppen wir bei der ersten Gelegenheit. Queenstown ist tatsächlich so, wie wir von allen gehört haben: Zwar wunderschön am See gelegen, aber die Outdoor-Erlebnis-Party-Stadt schlechthin mit sehr vielen Touristen und Backpacker. Da wir wieder Hunger haben, machen wir uns auf die Suche nach dem weltberühmten Burgerladen- dem Fergburger. Das ist einfacher als gedacht, denn davor ist eine mega lange Schlange. Wir stellen uns dazu, das Wasser läuft mir im Mund zusammen. So einen riesen Burger habe ich das letzte Mal in Amerika gesehen. „Ok ich beiß jetzt rein…! Wow, megaaaa lecker! Wirklich richtig gut! Endlich mal keine Nudeln, Reis oder Porridge!!!“ Janina hat recht, der ist wirklich verdammt lecker. Da heute unser „Verwöhntag“ ist, machen wir uns nach einer kleinen Verdauungspause direkt auf den Weg zu einer Eisdiele. Antonio hat uns seinen absoluten Lieblingseisladen in Queenstown empfohlen, Patagonia. Und das ist so lecker, dass Janina und ich doch jeder zwei Kugeln verdrücken, eh wir uns auf die Wiese legen und fast platzen. Eins halten wir fest, müssten wir wählen, würden wir uns definitv für das Patagonia Eis entscheiden, sorry Fergburger.

Ein Schild steht auf dem Bürgersteig:  Flug nach Milfordsound für 400$. Janina und ich diskutieren, ob wir uns das leisten wollen und können. Und wie immer, wenn wir uns bei so etwas entscheiden müssen, überwiegt nicht die Vernunft. Wir überzeugen und Gegenseitig von dem tollen einmaligen Erlebnis – und das Geld ist ja nur Geld. Also wird gebucht. Wie aufregend. Wir freuen uns schon wie kleine Kinder auf den Flug! Wir kaufen noch Lebensmittel ein und machen uns auf den Weg zum DOC Campingplatz, der 8km außerhalb von Queenstown gelegen ist. Obwohl die Strecke direkt am See gelegen ist, geht sie rauf und runter. Zum Glück strotzen wir so von der Burger- und Eis-Energie. Der Zeltplatz ist sehr groß und wir finden einen schönen Platz, wo wir uns breit machen können. Auch hier ist der Boden wieder stein hart und wir haben Mühe unsere Heringe in den Boden zu bekommen.  Das Abendlicht beleuchtet den Wakatipu See und die Berge. Wunerschön! Ich denke an die Serie Top of the Lake, die hier spielt. Damals, als wir sie angeschaut haben, kam mir Neuseeland so unreal vor. Jetzt sitzen wir hier und machen uns auf unserem kleinen Kocher Lachs mit Nudeln, unfassbar! Zum Nachtisch gibt es Mango. Janina ruft Juicy an wegen dem Rücktransport vom Flughafen. Damit es ja gerecht bleibt, darf ich morgen früh anrufen um zu checken, ob wir fliegen dürfen (wetterbedingt) – tja, das ist unser Zwillingsdasein und gerade liebe ich es!

Clyde | Gibbston

Wir starten heute früh in den Tag. Die Nacht war zum Glück nicht ganz so kalt und so machen wir uns ausgeschlafen auf den Weg. Ein Einwohner hilft uns weiter, als wir unbeholfen an einer Kreuzung stehen. Er empfiehlt uns die längere aber dafür flachere Steigung. Der Ausblick ist atemberaubend. Ein glitzernder tiefblauer See liegt vor uns als wir die Abfahrt runter düsen. „Ich raste aus, hier ist ein freier Campingplatz. Manno, direkt am See“ „Ernsthaft? Siehste wären wir gestern einfach noch weiter gefahren, das hätte sich sowas von gelohnt“. Wir treten in die Pedale Richtung Cromwell, der Gegenwind macht uns heute wieder zu schaffen. Es ist zu dem hügelig, aber die Berge und die Natur sind überwältigend. Wir machen am lookout point eine Pause und verdrücken einen Müsliriegel, den Blick über Cromwell und dem See. Wir wollen heute noch nach Queenstown. Cromwell ist ein kleines Örtchen, und berühmt für seine Früchte. Ein riesengroßer Pfirsich mit der Aufschrift Welcome heißt uns am Ortsanfang willkommen. Vor der kommenden Strecke  hat uns Tori schon gewarnt, sie ist super kurvig und hügelig. Und sie sollte recht behalten. Der türkis-blaue Fluss, der sich neben uns durch die Natur schlängelt ist ein kleiner Trost. Irgendwann wird der starke Seitenwind zum Gegenwind. Ich fahre hinter Marjam, neben mir erstreckt sich ein riesiger Steinfels. Ich halte an und sammele zur Erinnerung ein paar kleine, dunkelrote Steinchen. Der Wind wird immer heftiger und so entscheiden wir uns dafür in Gibbson eine Pause zu machen. Auf einem Privatgrundstück unter einem Baum packen wir unsere Essensachen aus. Auf der Suche nach einem Zeltplatz für heute Abend finden wir zufällig heraus, dass es hier in der Nähe einen freien Campingplatz geben soll. Das Geld ist wie immer knapp und so entscheiden wir uns hier zu bleiben und erst morgen weiter nach Queenstown zu fahren. Der Campingplatz liegt versteckt hinter einer Weinplantage an einem türkis blauen Fluss. Ein kleiner paradiesisch idyllischer Ort, der von Bergen umgeben ist. Wir sind überwältigt! Die Sonne scheint und ich bin rundum glücklich, was braucht man mehr? Wir bauen das pitschnasse Zelt auf und lassen es in der Sonne trocknen. Im Fluss waschen wir unsere Wäsche und springen anschließend selber rein. Es ist arschkalt, aber ein wahnsinniges Gefühl – Freiheit, Glück, völlige Zufriedenheit. Noch nie war ich in so einem sauberen, türkis-blauen Fluss baden. Ich hänge die Wäsche auf, während Marjam uns Reis mit Karotten kocht und einen Kakao zubereitet. Mittlerweile sind wir nicht mehr die Einzigen. Wir sitzen noch eine Weile draußen und bewundern den Sternenhimmel. Neben uns flitzen Hasen umher. Irgendwann sind wir so müde, dass wir in unser Zelt kriechen und beide glücklich einschlafen.

Rainfurly | Clyde

Es war eine unruhige Nacht für uns beide. Geweckt werden wir von der Eiseskälte, dem Blöken der Schafe und dem Vogelgezwitscher. Als ich aus dem Zelt luke, ist alles mit einer Schicht Frost belegt, die Wiese, das Zelt und unsere Räder. Eine große Überwindung sich jetzt aus dem halbwegs warmen Schlafsack zu quälen und die Sachen zusammenzupacken. Die einzige Motivation ist das unfassbare Morgenlicht, dass nach und nach die Wiese vergoldet. Janina fängt an die Taschen auf die Straße zu tragen, das blöken wird immer lauter und es kommt eine ganze Herde Schafe auf sie zu. „Ach da kommt bestimmt gleich ein Bauer, der sie irgendwohin treibt“ ruf ich ihr zu. Ich räume das Zelt weiter aus. Aber ich habe mich getäuscht, die Schafe sind allein unterwegs und schauen uns neugierig an. Die Szene erinnert mich etwas an das Buch „Glenkill, ein Schafskrimi“. Unsere Finger sind kalt und das Einräumen des nass-frostigen Zeltes verschlimmert die Situation. Wie Eiszapfen fühlen sich meine Finger an und die Handschuhe nützen leider überhaupt nichts. Wir fahren los. Der kalte Fahrtwind lässt meine Finger schließlich fast taub werden. Mit Tränen in den Augen entscheiden wir uns einstimmig erstmal etwas zu schieben, bis es sich etwas aufgewärmt hat. Wir halten schließlich in einem kleinen Dörfchen an, frühstücken und kaufen uns einen Kaffee zum aufwärmen. Eine zehner Truppe von Damen unterschiedlichen Alters machen bei uns stopp, sie sind seid drei Tagen unterwegs – eine geführte Fahrradtour für Rentner. Ein kurzer Smalltalk und auf gehts nach Rainfurly. Dort nutzen wir die Gelegenheit und kaufen das Nötigste ein. Am Wegrand pflücken wir noch paar Äpfel, die Wasserflaschen werden aufgefüllt und weiter gehts. Der Otago Rail Trail ist sehr befahren; viele Radfahrer kommen uns entgegen, meistens Familien und ältere Radler. Manche sind auch auf dem Tandem unterwegs. Wir kommen mit dem Grüßen gar nicht hinterher. „Wow, you`re seriously touring!!!“ ruft eine ältere Frau und schaut unseren vollbepackten Rädern bewundernswert hinterher. Wir müssen lachen. Nach einiger Zeit haben wir den Schotterweg wieder ganz für uns allein. Die Landschaft die wir durchqueren ist vergleichbar mit einer Spielzeugeisenbahn-Landschaft. Wir fahren an stillgelegten Schienen vorbei, über lange Brücken und durch dunkle Tunnel. Felsbrocken überall, majestätisch und kraftvoll stehen sie dort – „der Fels in der Brandung“ wird oft mit einem Augenzwinkern zu uns gesagt. In dieser Naturschönheit bekommt der Satz eine ganz neue Bedeutung. Wir fahren an Alexandra vorbei bis nach Clyde. Ich werde auf den letzten 10km von einem Fiech gestochen. Völlig erschöpft machen wir uns auf die Suche nach einem Campingplatz. Eine kostenlose Campingmöglichkeit liegt noch paar Kilometer entfernt. Dort angekommen, merken wir schnell, dass der wohl nicht mehr existiert, denn wir werden von einem kläffenden Hund verjagt. Janina und ich sind nur noch genervt. Wir steigen wieder auf unsere Räder und fahren zurück nach Clyde. Der Campingplatz kostet uns dort 17 Dollar pro Nase und er ist noch nicht einmal besonders schön. Als ich dann die Küchentasche öffne und sehe dass die Ölflasche ausgelaufen ist, platzt mir der Kragen. Janina hilft mir geduldig die Schweinerei zu entsorgen. Ein heißer Kakao beruhigt meine Nerven und wir planen den morgigen Tag. Janina zieht sich ihre ganzen warmen Schichten an und ich packe mein Silk-Inlay aus. Nochmal Nachts so zu frieren wie gestern muss nicht sein. Wir müssen unbedingt noch einen Zweiten kaufen, denn „winter is coming!“

Middlemarch | Otago

Wir wachen von unserem Handywecker auf, den wir uns für das gemeinsame Frühstück mit Preston und Tori gestellt haben. Ich schaue Marjam an, die hat ihre Äuglein zu und rührt sich nicht. „Komm lass aufstehen, die warten doch auf uns“ „Mhhhhh, es regnet aber, lass noch nen bisschen abwarten“ „Gut wenn du meinst, aber wenn ich mich jetzt wieder hinlege, schlaf ich auch wieder…“ Wir schlafen also beide noch bis neun. Der Regen ist tatsächlich weniger geworden und so packen wir unseren Kram zusammen und gehen ins Haus. Tori winkt uns, sie hat uns Frühstück stehen gelassen und so genießen wir ein leckeres Kiwi-Frühstück, während die beiden telefonieren, organisieren und den Tag besprechen. Es will einfach nicht aufhören zu regnen und da Marjam und ich sehr an dem Alltag von den beiden neuseeländischen Farmern interessiert sind, bleiben wir noch. Eigentlich wollten wir nach dem Frühstück direkt weiter radeln. Tori zeigt uns den Hof. Wir sammeln frisch gelegte, noch warme, Eier und schauen uns den Scher-Stall von innen an. Jeder von uns bekommt eine Erinnerungs – bzw. Glückslocke geschenkt. Bei den Traktoren begrüßen uns schon die vier Farmer-Hunde, die vor Freude völlig ausrasten. Sie haben einen sehr stark ausgeprägten Beschützer Instinkt und hätten uns wohl gestern kläffend vom Hof gejagt, hätte Preston sie nicht vorher schon eingesperrt. Preston gesellt sich zu uns. Jetzt steht das Schafefüttern auf dem Tagesprogramm und wir dürfen mit! Wir wechseln uns ab, so kann jeder mal mit im Traktor sitzen, während der andere das Spektakel von außen beobachtet. Eine lustige Szene: Die Schafe stehen muxsmäuschenstill auf ihrer Wiese und fixieren den Traktor. Als die Futterballen hinter dem Traktor runterfallen, kommen alle blökend und freudig angerannt. Die sonst so scheuen Tiere, scheinen plötzlich wie verwandelt. Während wir warten, erzählt Tori mir etwas von den neuseeländischen Vögeln und der Natur Neuseelands. Dabei lerne ich endlich den Namen des Vogels, der uns schon die ganze Reise lang mit seinen Rufen belustigt teilweise aber auch nervt: der spur-winges plover. Von der Ferne beobachten wir Marjam, die versucht das große, sperrige Tor zu schließen, wobei sie kläglich scheitert. Sobald der eine Torflügel geschlossen ist und sie zum Anderen rennt um auch das zu schließen, weht der Wind die bereits geschlossene Tür wieder auf. Eine Wettrennen gegen den Wind. Erst mit Prestons Hilfe schafft sie es. Tori kommentiert das Schauspiel und lacht sich neben mir kaputt. Ich bin die Nächste, wir tuckern über das Feld und die Schafe kommen blökend hinter uns her. Preston schwärmt über seine Arbeit, das ständige draußen sein, die Nähe zur Natur und die Bewegung wolle er unter keinen Umständen missen. Als wir ins Haus kommen, steigt uns der leckere Mittagessensgeruch in die Nase, Tori hat gekocht. Es gibt Stake mit Kartoffeln nach neuseeländischer Art. Dabei erzählen wir etwas von unserer Route und uns wird das erste Mal der Floh ins Ohr gesetzt mit einem kleinen Flugzeug nach Milfordsound zu den Fjorden zu fliegen. Die Hopes Familie hatte es letztes Jahr geplant, leider musste es wegen des Wetters abgesagt werden. Die Idee lässt und nicht los: Neuseelands Schönheit von oben betrachten – ein einmaliges Erlebnis! Zumal wir die fabelhaften paradiesischen Bilder aus dem Dokumentarfilm Neuseeland von Oben life sehen würden. Aber es hat auch seinen Preis. Deshalb verabschieden wir uns schnell wieder von dem Gedanken. Tori rät uns davon ab den abgelegenen Weg von Queenstown nach Te Auno zu fahren, das sei nur Pampa – ein Privatgrundstück wahrscheinlich und dort ist weit und breit nichts, das sei viel zu gefährlich. Und dann bieten die Beiden an uns und die Räder mit ihrem Truck nach Middlemarch zu fahren. So sparen wir uns 20km, könnten direkt am Ottago Central Trail starten und bekämen noch die Gelegenheit ihre Kühe zu sehen, die dort in der Nähe weiden. Das nehmen wir natürlich gerne an. Bevor es losgeht, dürfen wir die Schafe noch eine Runde knuddeln, soweit wie sie es zulassen und dann wird gepackt. Im Auto rast die Natur für unseren Geschmack viel zu schnell an uns vorbei. Wir überholen eine Truppe Radreisende und ich bereuen es fast schon im Auto zu sitzen. Wir machen halt bei den Kühen, die vor sich hin kauen und darauf warten, vom Schlachter abgeholt zu werden. In dem kleinen und unspektakulären Örtchen angekommen, verabschieden wir uns voneinander, “ Habt ihr alles?“ Ja!“ Wir winken. Doch prompt hält das Auto wieder an und Tori kommt raus, in der Hand hält sie Marjams Handy. Lachend trennen sich unsere Wege. Typisch Marjam, vergisst sie ihr Handy!

Und dann gehts los Richtung Hyde/Rainfurly die Schotterpiste entlang umgeben von Natur und Stille – keine Autos die uns überholen, was ist das schön! An den Schotter müssen wir uns beide noch etwas gewöhnen aber bevor wir meckern können, zeigt sich uns ein unglaubliches Naturbild: tiefhängende Wolken, Sonnenstrahlen und ein wunderschöner Regenbogen, unter dem eine Schafherde versammelt ist. Was für ein großartiger Moment! Unsere angefangene Diskussion über das Zwillingsdasein geben wir bald auf, weil wir beide keine Lust haben auf einen Streit. Unser Wissen über die Schafsorten können wir anwenden, als eine kleine Herde neben uns herrennt bzw. vor uns flüchtet. Wir erkennen sofort; das sind Merino Schafe, die ersten, die wir in Neuseeland von der Nähe aus sehen! Ca. zehn Kilometer vor Rainfurly wird es wieder dunkel und wir halten Ausschau nach einem Schlafplatz. Preston und Tori haben uns erzählt, dass das Wildcampen in Otago nicht verboten sei und so suchen wir uns guten Gewissens einen schönen Platz, der nicht eingezäunt ist. Das Zelt ist noch nass und die Müdigkeit besiegt den Hunger, so dass wir relativ schnell einschlafen.

Dunedin | Middlemarch

Nick verlässt das Haus mit seinem Mountainbike um 5:30 Uhr. Die Tür fällt zu und ich bin sehr froh mich umzudrehen und weiterschlafen zu können. Er fährt heute auch nach Middlemarch, allerdings mit dem Auto. Er beradelt mit seinem Kumpel dann vor Ort die Berge. Wir frühstücken gemütlich und packen unser Zeug ein zweites Mal zusammen. Die Wäsche von Tom und Antonio wurde wieder nicht geschleudert. Bevor wir losfahren versuchen sie es noch ein zweites Mal, aber auch ohne Erfolg. Für uns ist es dann soweit: Wir machen uns mit all dem Gepäck wieder auf den Weg. Die beiden Männer begleiten uns noch zum Octagon ins Stadtzentrum. Wir müssen nochmal zur Bank. Da Janina die zuständige für unsere Finanzen ist, flitzt sie schnell mit Tom zusammen zum nächsten Schalter. Antonio und ich gehen schonmal auf die Suche nach einem Café für ein letztes gemeinsames Zusammensitzen. Kurze Zeit später kommen die Anderen wieder. Tom ist etwas genervt. Es hat kein einziger Bankschalter offen, da heute Public Holiday Tag in Otago ist. Zum Glück reicht uns der Automat und so hat Janina das benötigte Bargeld. Bei Tom ist das komplizierter, er leiht sich das Geld von Antonio. Wir schlürfen ein Kaffee, danach wird jeder seines Weges gehen. Tom fährt morgen mit dem Bus nach Christchurch. Antonio bleibt erstmal in Dunedin. Sein Plan ist es in ein paar Tagen Richtung Süden zu den Hanmer Springs zu fahren. Wir drücken uns zum Abschied. Ein bisschen sentimental bin ich schon. Es war wirklich eine super schöne und vertraute Zeit mit den beiden Männern und wir bereuen keine Minute den Umweg gemacht zu haben! Hoffentlich sieht man sich eines Tages mal wieder, wo auch immer! Ja und dann sind wir wieder zu zweit. Wir schieben unsere Räder über einen Berg aus der Stadt raus. Antonios Navigation vermissen wir jetzt schon. So folgen wir der Googlemaps Strecke durch ein kleinen schönen verträumten Stadtpark, der etwas dschungelartiges an sich hat. Plötzlich stehen wir auf einem Trampelpfad und sind umgeben von Feldern. Der Weg ist leider Fahrraduntauglich, aber trotzdem wunderschön. Wir genießen die Zweisamkeit, quatschen über die letzten Tage und sind einfach nur glücklich. Gelbe wunderschöne Blumen blühen auf den Feldern und am Horizont erscheint ein großer wunderschöner Berg. Wir genießen den Anblick, bis die Stille von meinen Worten unterbrochen wird: „Scheiße Janina, wo ist denn mein Handy?“ „Keine Ahnung, ich habs nicht!“ Och nöö, dann ist mir das rausgefallen, oben hatte ich es doch noch. Da hab ich ein Bild gemacht“ „Marjam, schau doch erstmal richtig nach. Bitte!“ „Hab ich schon, da ist es nicht…“ Ja also ich warte hier, hab keinen Bock nochmal alles zurück zu laufen“ „Ok, dann bis später.“ Ich mach mich auf den Weg. Sowas dummes, ich hoffe ich finde es wieder! Das wäre wirklich scheiße! Plötzlich schreit Janina von hinten“ Maaaarjaaaammm Marjaaaaaaam! Komm halt wieder zurück, ich habs gefunden. Wo hast du denn bitte gesucht? Es lag direkt hier an der Seite!“. Pseudostress tut doch auch ab und zu gut. Wir lachen. Das ist typisch wir. In Mosgiel angekommen, steigen wir wieder auf unsere Räder und fahren weiter. Nick hat uns schon vor der heutigen Strecke gewarnt. Die soll wohl wirklich hügelig und bergig sein. Wir halten am Straßenrand, legen eine Essenspause ein und pflücken Äpfel für das morgige Frühstück. Wir beoabchten die Autos in der Hoffnung vielleicht Nick zu sehen, die müssten jetzt wieder auf dem Heimweg sein. Und tatsächlich, in dem einen Auto erkennen wir ihn!  Ich glaub zwar nicht, dass er uns erkannt hat, aber wir freuen uns nen Ast ab. Was für ein Zufall! Als es dann weiter geht, kommt der versprochen Berg. Es ist sehr warm, Janina fährt ein paar Meter hinter mir und ich kann ihre schlechte Laune in meinem Rücken spüren. Sie meckert vor sich hin, steigt ab und schiebt. Ich quäle mich den Berg hoch und warte auf dem Gipfel auf sie. Doch leider war’s das noch lange nicht…es kommt ein steiler Anstieg nach dem Anderen. Das verbessert Janinas Stimmung überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil, sie wird richtig pissig und zusätzlich bekommen wir noch ein Zeitproblem, da es langsam anfängt zu dämmern. Das Abendlicht ist atemberaubend schön und es gibt Momente, wo ich Janina mit meiner Euphorie anstecken kann. So eine Landschaft habe ich noch nie gesehen! Doch spätestens beim nächsten Berg ist die Laune wieder dahin. Ich bin mittlerweile auch total Tod und habe keine Kraft mehr. Wir haben die Strecke von 80km wirklich unterschätzt. Es geht tatsächlich nur bergauf und es gibt kaum lange Abfahrten. Ich warte gerade mal wieder auf Janina, fange die wunderschöne Umgebung mit meiner Kamera ein und genieße das tolle Licht, als sie wütend angestrampelt kommt. „Ich dachte du wartest immer oben! Mann! Ich hab dich nicht mehr gesehen und oben standest du auch nicht. Ich dachte wirklich, dir ist was passiert und hab mich hier in einem Affentempo hochgequält!!! So ne Scheiße, ich kann nicht mehr. Hab mir mega die Sorgen gemacht!“ „Uups das tut mir leid, ich wollte halt noch ein Foto machen“ „Jaja….sei du mal froh mit deiner Übersetzung! Ist doch Kacke alles!!! Wie ist denn jetzt der Plan, fahren wir jetzt weiter? Es sind ja noch 30km und es wird dunkel, falls dir das noch nicht aufgefallen ist!“ sagt Janina angepisst. „Man, ich weiß Janina! Jetzt reiß dich mal wieder zusammen. Wir können ja auch Ausschau halten nach einer Campingplatzmöglichkeit, aber hier ist alles eingezäunt. Oder wir fahren halt bis nach Middlemarch zum Campingplatz“. Wir einigen uns auf Letzteres, in der Hoffnung, dass es jetzt eher bergab gehen wird. Plötzlich wird Janina von einem Auto eingeholt, es fährt langsamer. Das Fenster wird runtergekurbelt und ich höre Janina reden. Ich bekomme nicht ganz so viel mit, weil ich zu weit weg bin. Janina schreit mir zu: Es sind noch locker 25km bis nach Middlemarch und es kommen noch zwei weitere Berge, wie eben. Ich fahre zu Ihr und dem Auto, das immer noch neben ihr herfährt. Im Auto sitzen drei Jungs. Ihre Mutter bietet uns an bei Ihnen zu übernachten, denn vor Dunkelheit würden wir niemals unser Ziel erreichen. Sie erklärt uns den Weg und ruft ihren Mann an. Mit dem Handy am Ohr fährt sie an uns vorbei, wendet und fährt Richtung Dunedin. Komisch! Wir sind verunsichert. Haben wir sie richtig verstanden? Aber eine andere Option haben wir nicht uns so versuchen wir uns an die Wegbeschreibung der Frau zu erinnern. Wir biegen rechts auf einen Trampelpfad ab, genießen den Sonnenuntergang über den Feldern und fahren an hunderten Schafen vorbei. Die preschen von uns weg, als wären wir der Feind. Am Ende des Weges steht ein wunderschönes Haus – einsam und allein, umgeben von Feldern. Es brennt Licht. Durchs Fenster sehen wir einen Mann, der gerade abspült. Wir klingeln und erklären ihm die Situation. Er weiß schon Bescheid, seine Frau hat ihn also erreicht. Preston zeigt uns das Bad und bietet uns an im Haus zu schlafen. Uns ist die Situation ohne hin schon etwas unangenehm. Die Gastfreundlichkeit überfordert uns etwas und wir lehnen dankend ab. Ihr Garten ist wunderschön, tausend mal schöner als jeder Campingplatz! So schlagen wir dort unser Zelt auf. Die Katze findet das klasse, springt ständig drauf und genießt unsere Aufmerksamkeit. Es ist mittlerweile stockduster und wir sind so dankbar über das nette Angebot der Kiwi-Familie. Die Vorstellung jetzt noch auf dem Radel zu sitzen ist nicht so prickelnd. Als wir zu Preston ins Haus gehen, ist er mitten in einer Telefonkonferenz. Er zeigt uns in Zeichensprache wo wir Tee und Kaffee finden. Das warme Getränk ist nach dem anstrengenden Tag genau das Richtige. Als Preston fertig telefoniert hat, unterhalten wir uns und fragen ihn über seine Farmarbeit aus. Wirklich spannend! Er erklärt uns, dass seine Frau Tori die Kinder wieder zur Boarding School nach Dunedin gebracht hat. Als sie zurück kommt und uns am Essenstisch sieht, fängt sie an zu lachen, schüttelt immer wieder den Kopf und sagt “ When I saw you guys, I thought ‚O my gosh, that are two crazy german girls, for sure!‘ And am i right?“ Wir lachen! „Yes, good guess, we are from Germany.“. Wir sind überrascht. Tori erzählt uns, dass sie hier viele Fahrradtouristen sehen und sie mittlerweile ein ganz gutes Gespür dafür hat. Wir sind aber wohl mit die Einzigen, die sie zu sich eingeladen haben. Haben wir ein Glück! Sie ist eine super sympathische Frau und die beiden betreiben zu zweit die große Farm. Als sie hört, dass wir im Zelt schlafen wollen, wirft sie ihrem Mann einen bösen Blick zu und  versucht uns zu überreden im Wohnzimmer zu schlafen. Ihre Farm liegt auf ca. 600 Höhenmeter und es wird Nachts wohl richtig kalt. Trotzdem lehnen wir mit den Worten „We love our tent…“ dankend ab. Tori schaut ungläubig. Als sie einen neuen Überredungsversuch starten möchte wird sie von Preston unterbrochen: „Let the girls sleep where they want to, Tori“. Süß, diese Situation wäre bei Mama und Johannes genauso abgelaufen. Wir schmunzeln. Dann fallen wir erschöpft in unser Zelt. Wir kuscheln uns in unsere Schlafsäcke, reden noch kurz über das wunderbare Hope-Paar (ihr Nachnamen ist Hope), bevor wir in einen tiefen Schlaf fallen.

Peninsula Dunedin

Wir wachen auf und gesellen uns zum Frühstück zu den Männern in die Küche. Tom fährt zum Radladen in die Stadt, Antonio wäscht die Wäsche und wir packen unser Zeug zusammen. Die Waschmaschine scheint kaputt zu sein, denn sie schleudert nicht mehr. Also wird die triefend nasse Wäsche in den Garten gehängt, bevor Antonio, Nick und wir uns auf die Räder schwingen, um Tom in der Stadt zu treffen. Heute ist ein Tagesausflug zur Peninsula geplant. Nick gibt mit seinem Rennrad ein ordentliches Tempo an. Ohne das schwere Gepäck fühlen Marjam und ich uns etwas unsicher und wackelig auf den Rädern, aber trotzdem ein cooles Gefühl mal so leicht unterwegs zu sein. Toms Rad ist repariert und so fahren wir zu fünft Richtung Peninsula. Es ist sehr windig und wir entscheiden uns erst die Berge zu fahren, um dann mit Rückenwind die Küste zurückzurasen. Es ist atemberaubend schön — paradiesisch! Die Berge lassen sich super gut überwinden, es macht richtig Spaß ohne Gepäck zu fahren und der Ausblick von Oben ist wunderschön! Bin ich froh, dass wir uns dazu entschieden haben mitzukommen. Nick sieht meine Übersetzung, lacht sich kaputt und schüttelt den Kopf: „Did you really climbe the hills with those gears? Unbelievable…the gears from my roadbike are even lower!“ Ach, das tut gut etwas Anerkennung für die quälenden Bergfahrten der letzten Wochen zu bekommen. In Porto Bello trinken wir noch einen Eiskaffee und Nick fährt das Liegerad Probe. Mit etwas Rückenwind und ca 35-40km/h geht es an der Küste entlang zurück in die Stadt. Es ist großartig mal wieder etwas schneller unterwegs zu sein. In der Stadt angekommen trennen sich unsere Wege. Nick und Antonio gehen noch zu einem Gemeinschaftsgarten, Tom macht sich auf in die Bibliothek und Marjam und ich treffen uns spontan mit Philipp, dem Schweizer aus dem Norden. Er wartet hier auf seinen Bus nach Christchurch. Es ist wirklich nett ihn wiederzusehen und sich über die letzten Wochen auszutauschen. Nach dem Bibliotheksbesuch überkommt Marjam der Hunger. Jetzt heißt es schnell was zu Essen finden, bevor die schlechte Laune ausbricht. Zufällig treffen wir auf Antonio. Er ist schon wieder zurück und versucht uns davon zu überzeugen, doch noch eine Nacht länger zu bleiben. Mit dem Gedanken hatte ich schon gespielt und auch Marjam scheint nicht abgeneigt zu sein. Tom gesellt sich zu uns ins Café, in dem wir gegessen haben und wir warten gemeinsam auf Antonio, der nochmal los ist, um was zu erledigen.

Und dann gehts los; „Auf los gehts los“ – Toms Lieblingssatz auf Deutsch. Wir wollen Bier kaufen, doch kein kleiner Supermarkt weit und breit verkauft Bier. In einem Alkohol- und Spirituosen Laden werden wir fündig, kaufen Mac-Golds und chillern uns auf eine Wiesen am Bahnhof. Die Sonne scheint, wir quatschen und ich beobachte eine Akrobaten-Truppe vom Cirque du Soleil, die Werbung für ihre Show macht. Ich denke an unsere Juxirkuszeit im Jugendalter zurück mit all den Auftritten und den Fahrten. Dunedin wäre ein wunderbarer Auftrittsort gewesen!

Ich genieße den Moment. Die vierer Kombi funktioniert super, wir haben ne menge Spaß und trotz der kurzen Zeit fühle ich mich in Dunedin schon richtig wohl! Tja und dann heißt es den Berg zu Nicks Haus hoch strampeln. Aber es geht definitiv einfacherer als gestern, so ganz ohne Gepäck! Nick steht schon in der Küche und kocht. Er stellt uns seine Mitbewohner vor – Pete und James – und freut sich, dass er sich Marjams und meinen Namen gemerkt hat. Wir sind beide schwer beeindruckt, bis er zugibt Antonio kurz davor gefragt zu haben. Wir dürfen zum Glück noch eine Nacht hier übernachten. Nach dem großartigen Tag heute haben wir uns nämlich dazu entschlossen erst morgen nach Middlemarch zu fahren. Entscheidungen zu treffen ist definitiv nicht unsere Zwillingsstärke, daran müssen wir unbedingt noch arbeiten! Wir helfen beim Gemüse schnippeln. Das Bier ist leer, aber so richtig Lust hat keiner in der Stadt Neues zu holen. Wenn bloß dieser Berg nicht wäre…Josch und Marcus sind noch surfen und zu unserem Glück bringen die beiden welches mit. Das Ofengemüse mit Kamaru und Kartoffeln, ist super lecker und zum Nachtisch gibt es natürlich Apple and Rhabarber Crumble mit HokeyPokey Eis. Was will man mehr! Wir lassen den Abend ausklingen: Youtube Videos von Radreisenden werden miteinander geteilt, Antonio klimpert auf der Gitarre und Tom zeigt uns seinen Blog. Wir schauen ein Video, indem sich über die deutsche Sprache lustig gemacht wird. Marjam und Ich können darüber auch nur lachen. Im Anschluss reden wir über Sprachgewohnheiten und Akzente und Antonio regt sich gespielt über das Wort „genau“ auf. Das würde wirklich jeder Deutsche ständig sagen und für ihn mache das Wort überhaupt gar keinen Sinn. Na das werde ich zurück in Deutschland mal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Wir hören zum Abschluss Rodrigo y Gabriela – ein mexikanisches Gitarrenduo, das uns Antonio und Tom gezeigt haben und die einfach nur wahnsinn sind! – und dann gehen alle ins Bett. Marjam und ich waschen noch ab, das Mindeste was wir im Gegenzug für die Gastfreundschaft und das leckere Essen heute machen können! Und dann kuscheln auch wir uns in unser Zelt…

Warrington | Dunedin

Der Plan für heute ist um neun loszufahren. Janina ist schon eher wach, sie packt schon alle Sachen und verschwindet dann. Irgendwann raff ich mich auch auf und packe noch den Rest zusammen. Die Sonne strahlt über den Dünen, die uns vom Meer trennen. Janina kommt gutgelaunt vom Meer zurück, sie hat den Sonnenaufgang am Strand beobachtet. Wir setzen Wasser auf für den Kaffe und fangen an zu frühstücken. Bald schon gesellen sich die Männer dazu. Das Geschirr wird abgewaschen, die Zähne geputzt und dann geht es los Richtung Dunedin. Nur knapp 50km liegen heute vor uns, ein Katzensprung! Wir folgen wieder der kleine roten Fahne von Antonios Liegerad und fahren zusammen die Beach Road weiter die irgendwann auf die große SH1 mündet. Den lauten Autoverkehr sind wir gar nicht mehr gewohnt aber nichts desto trotz ist die Strecke angenehm zu fahren. Wir kreuzen ein Schild mit der Aufschrift „scenic route“. Laut Toms Radkarte müssten wir hier aber mal wieder einen sehr steilen Berg hoch, deshalb fahren wir weiter die Straße entlang. Doch schon bald stoßen wir auf die Autobahn, und ein „Fahrrad verboten“ Schild taucht mit ihr auf. Wir zögern. Tom hat keine Lust auf den Berg und möchte trotzdem auf der Straße weiter fahren. Antonio will nicht mit der Polizei aneinander geraten und den Verkehr vermeiden, er zieht deshalb die scenic route vor. Wir diskutieren eine Weile, Janina und ich schließen uns Antonio an. Uns kommt ein Rennradler entgegen, auch er empfiehlt uns den „Naturweg“. Der Berg sei zwar hoch, aber mit mäßigem Anstieg und um einiges schöner. Es gibt zwei Wege, die nach Dunedin führen, einmal einen Schotterweg und einen Asphaltierten. Wir entscheiden uns für den Letzteren und Tom schließt sich uns doch noch an. Wir haben ja Zeit. So fahren wir langsam aber stetig die scenic road hoch, vorbei an grasenden Schafen durch einen wunderschönen, dichten Wald. Das Licht und die Wolken sind magisch, Vögel zwitschern und die Strecke durch den Wald ist trotz Anstieg ein einziger Genuss. Kurz bevor wir die Spitze erreicht haben warten wir mit Tom auf Antonio und kommen mit einem Waldarbeiter ins Gespräch. Robert Redford`s Doppelgänger schätzt uns jünger, als wir sind. Er scheint beruhigt, dass wir unseren großen Bruder dabei haben. Wir drei schmunzeln bis Tom die Situation aufklärt und sich als der französische Bekannte vorstellt. Der Arbeiter hat selber zwei Töchter und ist sehr interessiert daran, was denn unsere Mutter von unserer Fahrradtour am anderen Ende der Welt halten würde. Als Antonio uns eingeholt hat, verabschiedet er uns mit den Worten „say greetings to your mom and take care of yourself“ und wir strampeln weiter den Berg hinauf eigehüllt in eine riesige Wolke. Was für ein Gefühl. Die Sonnenstrahlen fallen auf den vernebelten Wald und mit diesem Anblick geht es bergabwärts Richtung Dunedin. Wir erreichen die Stadt aus dem Norden und Antonio leitet uns mit seinem Navi in das Stadtzenrum zum Oktagon. Das Wetter ist bombastisch und so chillen wir uns erstmal auf eine Bank, genießen die Sonne und nutzen das freie WiFi. Die Stadt ist voll von gutgelaunten Menschen. Das liegt wohl an dem schönen Sonnentag, denn Dunedin ist bekannt für seine vielen Regentage. Heute ist Markt in der Nähe des Bahnhofs und jeder schlendert in seinem Tempo darüber. Als Janina und ich zu unseren Fahrrädern kommen, sind die Männer von einer Menschengruppe umgeben. Es stellt sich heraus, dass der Eine ebenfalls ein Warmshower Gastgeber ist, aber schon andere Fahrradreisende aufgenommen hat. Wir setzen uns alle zuammen auf die Wiese. “ Are those bikes from you?“ fragt er uns und zeigt auf unsere Fahrräder, die an einem Baum lehnen. Wir bejahen die Frage und bekommen die Antwort:  „Wow…sexiest bikes ever“;). Wir lachen, das müssen wir Matthias erzählen, denke ich mir! Ein weiterer Plausch folgt, doch irgendwann bekommen wir hunger und wir verabschieden uns von der Truppe. Wieder zu viert suchen wir nach etwas zu Mittag, es gibt Mushroomburger. Gesättigt fahren wir zum Radladen. Tom hat sich eine neue Felge dorthin schicken lassen. Das Fahrrad Archibald ist abgegeben und wir gehen in die Stadt auf der Suche nach einem leckeren Eis, bei dem Wetter ein Muss! Irgendwann landen wir bei einem kleinen Chinesenladen. Das Eis könnte zwar besser sein, aber es erfüllt seinen Job. Janina und ich schließen unser Rad an und laufen mit Tom durch die Einkaufsstraße, Antonio fährt mit seinem Liegerad nebenher. Wir durchstöbern die Outdoorläden und Antonio leistet sich eine neue Hose. Seine alte Tourenhose hatte schon ein auffällig großes Loch im Schritt, etwas unvorteilhaft bei einem Liegerad… Er freut sich wie ein Honigkuchenpferd über die neue Stretchhose. Archibald wird abgeholt und alle zusammen fahren wir zur steilsten Straße der Welt, die Baldwin Street mit einer max. Steigung von 35%. Wirklich beeindruckend. Die Männer versuchen hochzufahren, Tom und Archibald scheitern schon relativ früh, da das Vorderrad immer abhebt. Antonio kommt erstaunlich weit nach oben, irgendwann ist es ihm dann doch zu gefährlich und er fährt wieder runter. Janina und mir reicht das hochlaufen, es ist unglaublich steil!

Bei Pack’n Save besorgen wir noch Lebensmittel für das Abendessen, ein kurzer Plausch mit einer Studentin aus Dundedin und dann geht es zu Nick unserem Warmschowerhost. Wie soll es anders sein, er wohnt natürlich auf einem Berg. Janina und ich schieben unsere Räder hoch. Im Garten legen wir unsere Sachen ab. Nick begrüßt uns. Er ist Mitte 20 und ein sehr höflicher und netter Gastgeber. Mit drei anderen Männern wohnt er in einem wunderschön eingerichteten und erstaunlich sauberen Haus. In dem kleinen Garten bauen wir die Zelte auf. Dicht an dicht stehen sie wie eine Mauer vor dem Haus. Tom kocht für uns alle Ratatoui und Marjam hilft Nick bei den Vorbereitungen für das Apple Crumble. Ein wirkliches Festessen heute! Und zum Nachtisch gibt es zum Apple Crumble das bekannte neuseeländische Hokey Pokey Eis. Wir unterhalten uns über Gott und die Welt, doch wir sind alle etwas müde. Wir gehen in unsere Zelte. Janina und ich bequatschen noch unsere Route. Wir wollen morgen Abend weiter fahren – 20km nach Mosgiel.

Kakanui | Warrington

Wir sind nicht die Ersten, die das Zelt zusammenpacken. Die Reisetruppe ist schon dabei die Sachen in den Bus zu räumen. Mich stresst das. Wir wollten heute richtig früh los und die Ersten sein, die den Zeltplatz verlassen! Marjam merkt, dass die Stimmung kippen könnte und schlägt vor abseits von der Aufbruchstimmung zu frühstücken. Gesagt getan. Wir finden einen wunderschönen Frühstücksplatz mit Blick auf das Meer. Der Topf steht wackelig auf einem großen Stein und kurze Zeit später kippt das heiße Wasser mit samt dem Topf um. Der Auslöser für eine Runde Angezicke. Marjam holt neues Wasser. Mit dem Instant Kaffee im Magen können wir dann doch noch gutgelaunt in den Tag starten. Wir wollen heute zu den Moeraki Boulders –  große, kugelförmige Konkretionen am Strand. Wenn man einer Legende der Maori glaubt, so handelt es sich bei den Moeraki Boulders um versteinerte Körbe, sogenannte Kaihinaki, in denen Lebensmittel transportiert wurden. Durch einen Schiffbruch, der gerade mit einer Ladung Kaihinakis unterwegs war, gelangten die Körbe ins Meer und wurden ans Ufer getrieben, wo sie zu Stein wurden. Wir sind gespannt!

In Hamden kaufen wir noch schnell ein Brot und überlegen, ob wir hier noch eine Überweisung machen können. Da weit und breit keine Möglichkeit zu sehen ist, stürzen wir uns in die nächste Diskussion: wo lang müssen wir jetzt und was ist das Tagesziel für heute? Doch wir werden von einem freundlichen „Hallo“ unterbrochen. Es lacht uns ein gutaussehender Radreisender von der Seite an. Unsere kleine Auseinandersetzung ist schnell vergessen und wir kommen mit Tom, einem Franzosen, ins Gespräch. Er wartet gerade auf seinen Kumpel und so halten wir den klassischen Radreise-Smalltalk. Wir tauschen uns über die Routen aus. Tom hat im Süden gestartet, den Norden fährt er noch. Er bittet uns etwas von unserer Nordroute und den Highlights zu berichten, im Gegenzug bekommen wir auch einen Cookie. Das ist doch mal ein Deal. Wir setzen uns an den Tisch vor dem Supermarkt, wo Toms Freund – Antonio aus Spanien, ein Weltenbummler – mit einem Tee in der Hand zu uns stößt. Er fährt ein Liegerad und ist stolz wie Bolle. Marjam setzt sich gleich mal rein und strahlt übers ganze Gesicht. Das muss wirklich gemütlich sein. Ich zeige Tom unsere Lieblingsorte im Norden und Marjam lauscht den Abenteuergeschichten von Antonio. Er ist schon einige Jahre mit dem Fahrrad in der Welt unterwegs, mit dem Liegerad aber erst ein Jahr! Antonio ist das zweite Mal in Neuseeland und hat Tom in Australien kennengelernt. Nachdem uns die beiden wertvolle Tips für den Süden gegeben haben, ist es an der Zeit wieder aufs Rad zu steigen. Wir Vier schauen uns fragend an, wo lang gehts jetzt? Es stellt sich heraus, dass wir bis zu den Boulders gemeinsam fahren können, denn die beiden Männer wollen Richtung Dunedin. Also auf gehts! Es ist zum einen das Liegerad von Antonio, zum anderen die Tatsache, dass wir zu viert unterwegs sind, warum wir noch mehr Aufmerksamkeit auf uns ziehen als sonst. Autos hupen, die Insassen winken uns zu und ein Feuerwehrmann lässt sogar die Sirene für uns heulen. Antonio antwortet mit seiner Fahrradhupe und wir lachen.

Die nächste Kreuzung müssen wir links. Wir verabschieden uns von den Beiden. Eine Weile stehen wir noch nebeneinander rum, richtig los kommen wir voneinander nicht. Antonio entscheidet sich spontan uns zu begleiten. Tom ist sich nicht ganz so sicher. Er möchte heute gen Nachmittag sein Tagesziel erreichen und befürchtet durch den Abstecher Zeit zu verlieren. Marjam, Antonio und ich reden auf ihn ein und schließlich entscheidet er sich doch mitzukommen. Gut gelaunt biegen wir alle samt in die Straße zum Strand ab. Ich kann meinen Augen kaum glauben, der Italiener Goffredo kommt uns entgegen geradelt! Wir halten mitten auf der Kreuzung. Was das für ein herrliches Bild sein muss: fünf fröhliche, sich unterhaltende Radreisende auf einem Haufen, die die Kreuzung versperren. Der Autofahrer, der an uns vorbei fahren möchte hupt und zieht eine grimmige Miene. Goffredo knipst mit seinem Handy wieder heiter vor sich hin.

„Wow, you are traveling light!“ staunt Tom und Goffredo antwortet mit seinem gebrochenen Englisch „How old are you, 30? I am twice your age and carry half of your luggage. That makes it fair, doesn’t it? But seriously, with what are your Paniers filled with?“ fragt Goffredo mit einem gespielt schockierten Blick. „You know, i am a Frenchman, we need good food and good wine“ schäkert Tom.

Goffredo versichert uns, dass es durchaus möglich ist am Strand mit dem Fahrrad langzufahren, bevor er sich von uns verabschiedet. Er möchte heute noch bis nach Dunedin. Die zufälligen Begegnungen mit ihm auf der Südinsel find ich klasse! Und es soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir ihn treffen.

Die Moeraki Boulders sind beeindruckend und sehr lohnenswert. Wir füllen im Restaurant noch schnell unsere Wasserflaschen auf, während Antonio Fragen zu seinem Liegerad beantwortet. Und los gehts! Zu viert fahren wir im schnellem Tempo die Hügel rauf und runter. Antonio übernimmt die Navigation und fährt die meiste Zeit vorne. An das Radeln zu Viert könnt ich mich glatt gewöhnen. Mal was anderes! Irgendwann stoppt Antonio, er holt sich bei einem Kiosk seinen Neuseelandlieblingsriegel. Wir nutzen die Gelegenheit und gehen in eine kleine Bibliothek, um eine Überweisung zu machen. Tom schreibt dem Warmshowerhost in Dunedin, ob er noch zwei weitere Personen aufnehmen könnte. Marjam und ich wollen eigentlich über Palmerston zurück ins Landesinnere. Der Plan war auf die Stadt Dunedin zu verzichten, denn da soll es laut Donald nur Regnen. Durch die nette Begegnung mit den Männern, spielen wir nun mit dem Gedanken Dunedin doch noch mitzunehmen. Marjam und ich sind heute sehr unentscheidungsfreudig und so stellen wir unsere Entscheidung minütlich in Frage. Aber bevor wir uns endgültig entscheiden müssen, machen wir erstmal eine gemeinsame Mittagspause an einem Spielplatz und bekommen von den Beiden noch ein leckeres Knoblauchtoast spendiert. Tom und Antonio werden heute in Warrington auf einem freien Campingplatz übernachten, morgen fahren sie dann weiter nach Dunedin. Das hört sich eigentlich ziemlich gut an und wir sparen Geld! Doch den Umweg können wir uns zeitlich eigentlich nicht leisten. Nun zeigt sich wieder unser Zwillingsdasein: Wir besprechen die Vor- und Nachteile, aber jeder versucht die Entscheidung dem anderen zu überlassen. Nach langem Hin und Her, entscheiden wir uns für die Spontanität. Genau davon lebt doch solch eine Reise. Wir müssen zwar dafür auf was anderes verzichten, aber es fühlt sich verdammt gut an genau das zu tun, worauf man in der Minute und Sekunde Lust hat. Ich denke darüber nach, dass wir uns die Freiheit, die einem auf solch einer Reise geschenkt wird, durch das ständige Pläne schmieden und das Einhalten des Zeitplanes selber wieder nehmen. Ich bin über die Erkenntnis sehr froh. Wir fahren also mit den Beiden mit, heute nach Warrington, morgen nach Dunedin. Schön, dass wir uns heute noch nicht verabschieden müssen. Antonio übernimmt die Navigation und wir entfernen uns von der befahrenen Straße. Es ist traumhaft schön und mal wieder hügelig. Ein großer Berg taucht vor uns auf. Tom hat ihn vorhin schon erwähnt. Es wird steiler und steiler.

Ich gebe irgendwann auf, schiebe und beobachte Marjam wie sie mit voller Kraft in die Pedale tritt. Antonio und Tom sind einige Meter vor uns und treten in ihrem leichtesten Gang fast drei mal so oft wie Marjam. Ach man, was würde ich dafür geben mit ihnen zu tauschen. Als die Steigung etwas abnimmt, steig ich wieder auf. Die beiden Männer feuern uns von oben an. Das motiviert. Oben angekommen sind wir vom Ausblick überwältigt: Unter uns liegen wunderschöne Buchten und das Meer leuchtet in einem tiefen Blau. So einen Moment mit anderen teilen zu können ist großartig! Die Jacken werden angezogen und mit Vorfreude auf die Abfahrt steigen wir auf unsere Räder. Antonio rast mit seinem schnellen Liegerad den Berg hinunter, wir drei kommen kaum hinterher. Schneller als gedacht strampeln wir den nächsten Berg hoch. Wir fahren an den Bahnschienen entlang und kommen im kleinen Örtchen Warrington an. Hier irgendwo muss der Campingplatz sein. Ein Stück fahren wir noch bis wir auf einen großen Platz kommen mit einem Spielplatz und öffentlichen Toiletten. Es ist erst halb fünf. So früh haben Marjam und ich lange nicht mehr unser Tagesziel erreicht. Wir machen uns auf die Suche, wo wir unser Zelte aufschlagen können. Hinter dem Spielplatz ist eine große Wiese. Da steht zwar noch kein einziges Zelt und auch sonst ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen, aber die Beschreibung passt. Wir bauen die Zelte auf und machen uns über unser großes Dreimannzelt lustig. Antonios Einmannzelt sieht im Vergleich wirklich klein aus. Der Strand ist direkt um die Ecke, wir sammeln Muscheln und beobachten die Kitesurfer. Der Campingplatz hat sich gefüllt und neben unserem Zelt steht ein Auto, das auf dem Dach ein Zelt hat, welches man mit einer Leiter erreicht. Lustig, so was haben wir alle noch nie gesehen. Als es dämmert gehen wir mit Kochausrüstung zum Spielplatz. Dort gibt es einen Tisch und Bänke, perfekt zum Abendessen! Wir kochen unsere Instant Nudeln mit Tomatensoße und Tom kocht für sich und Antonio Zwiebelsuppe, Reis und Bohnen. Das riecht ziemlich gut und sieht verdammt lecker aus. Wir kriegen nen Löffel ab. Zwiebelsuppe steht danach auch in unserem Radreisekochbuch und bekommt vier Sterne! Bonobo läuft im Hintergrund, wir quatschen und beobachten den Sternenhimmel, unfassbar dieser Blick. Alle vier starren wir schweigsam hinauf und können den Blick nicht abwenden. Es ist verrückt, obwohl wir die beiden erst einen Tag kennen, fühlt es sich so vertraut an. Wir haben vorhin definitiv die richtige Entscheidung getroffen. Ich freue mich schon auf den morgigen Tag!

Oamaru | Kakanui

Es gibt heute zum ersten Mal Rührei zum Frühstück, super lecker! Gestärkt und ausgeschlafen packen wir unsere Sachen zusammen. Wir beobachten unsere Zeltnachbarn: ein französisches schwules Pärchen, die ihr Zelt putzen und zusammenpacken, dann eine andere Radreisende, die ihre gesamten Sachen in ihre Radtaschen packt und sich dann erstmal eine Kippe anzündet und ein älteres Ehepaar im Campervan. Der Mann verfolgt gespannt unseren Packvorgang. Irgendwann kommt er dann zu uns. Janina ist nicht so interessiert an Smalltalk und so übernehme ich das Gespräch. Er ist Neuseeländer und findet die Radtour und das ganz Gepäck ziemlich beeindruckend für uns kleine Mädels. Er fahre auch gerne Fahrrad, aber ohne Gepäck mache ihm das mehr Spaß. Er redet und erzählt aus seinem Leben und seine Reiseträume. Irgendwann muss ich ihn behutsam abbrechen, da wir weiter packen wollen. Wir verabschieden uns und wünschen und gegenseitig viel Spaß!
Die Sachen sind gepackt und wir schieben unsere Räder von dem Campingplatz Gelände. Die paar Kilometer in die Stadt laufen wir und kommen durch den schönen Stadtgarten Oamarus zum Elektroladen. Dort kaufen wir uns erstmal ein Aufladekabel bevor es dann zum nächsten Punkt geht, der iSite. Wir wollen endlich mal die ganzen Züge buchen: Vom Süden in den Norden nach Auckland. Das klappt einwandfrei. Für die Termine, die wir uns rausgesucht haben, gibt es noch freie Plätze. Wir kaufen noch einen Ring, Postkarten und setzen uns zum Abschluss auf das Hochrad, was im Laden steht. In Oamaru sieh man davon einige! Es tut gut alle Erledigungen abgehakt zu haben. Wir schlendern durch die Stadt. Es ist wirklich paradiesisch hier. Ich kann gar nicht aufhören Bilder zu machen. Wunderschöne alte Häuschen, Hochräder, interessante Kunstgalerien, viele Steampunk Geschäfte und wir sehen einige Leute, die in altertümlichen Kleidern unterwegs ist! Der Hafen ist umgeben von ziemlich steilen Straßen. Und wen sehen wir da, den Goffredo! Er fährt auf eine dieser steilen Straßen und wird immer kleiner. Wir erkennen ihn an seinem knall orangen Rucksack, den er immer auf hat. Schade, er ist zu schnell, als dass wir ihn rufen könnten.
Auch hier sind die anderen Touristen begeistert von unseren Rädern und dem Gepäck, wir sind die Fotoattraktion schlecht hin. Soviel Aufmerksamkeit sind wir nicht gewöhnt und auf den Schreck gönnen wir uns erst einmal ein Marshmellow Eis. Oamaru  gefällt mir wirklich sehr gut. Wir schauen einem Steinhauer über die Schulter. Ich bin fasziniert von seinen Arbeiten. Es gibt hier viel zu entdecken. Wir entscheiden uns zur Library zu gehen und dort unsere Handys aufzuladen. Wir beantworten Mails und schreiben am Blog weiter. Wir pumpen unsere Reifen auf, bevor wir uns auf die Suche nach etwas essbarem machen. Wir landen wieder am Hafen. Dort empfiehlt uns eine Frau das Portside direkt am Hafen mit Meerblick. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem wunderschönen Spielplatz am Meer vorbei. Ich kann nicht widerstehen und schaukle auf der wie ein Hochrad aussehenden Schaukel. Das macht spaß! Das Restaurant ist komplett leer, es ist auch noch sehr früh. Wir können von unserem Platz aus die Hafenmole sehen, die von tausenden Pinguinen besetzt ist. Es ist toll ihnen zuzuschauen. Das Essen ist hier leider dementsprechend teuer. Ein bisschen bereuen wir es schon fast, denn eigentlich hätten wir wie sonst einfach Brot oder Reis essen können. Aber der die Antipasti, die wir uns bestellt haben und der leckere Nachtisch waren schon sehr lecker! Mittlerweile ist es halb sechs, wir wollen noch ein bisschen radeln. Also machen wir uns auf den Weg zum Nächstliegenden freien Campingplatz. Ich bin für die Navigation zuständig und wähle die Beachroad aus, in der Hoffnung, die wäre etwas flacher und hätte die schönere Aussicht. Dem war leider nicht so. Janina ist bei jedem Hügel total genervt. „Du hast ja die einfacherer Übersetzung, für dich ist das mit den Hügeln ja nicht schlimm. Du kommst sie ja so oder so hoch.“ meckert sie vor sich hin. Ich versuche sie aufzuheitern, aber vergeblich. Wir kaufen noch Tomaten am Straßenrand und sind kurz darauf im kleinen Örtchen Kakanui. Hier soll es einen freien Campingplatz geben. Nachdem wir uns erstmal etwas verfahren haben, finden wir ihn schließlich auch. Es ist eine gute Idee hier zu bleiben. Janinas Laune bessert sich sofort und der Campingspot ist wunderschön! Demnach ist er auch recht voll. Viele Autos stehen hier und auch ein Flying Kiwi Bus macht sich auf dem Platz breit. Die Reisetruppe fährt wohl auch ab und zu Fahrrad, denn auf dem Anhänger des Busses sind ca. 30 Räder gestapelt. Auch sie Zelten hier und es macht Spaß die junge Truppe zu beobachten. Zum Essen und Bier schlürfen setzen wir uns etwas abseits. Wir genießen den Blick aufs Meer, den Wind, der uns durch die Haare weht, und das kalte Bier. Wir teilen uns eine Abendzigarette und ziehen abwechselnd genüsslich daran. Ein Moment, der rundum perfekt ist!

Twizel | Oamaru

Wir wachen früh auf, denn auf dem Campingplatz ist schon einiges los. Einige unserer Nachbarn sind schon losgefahren, andere packen zusammen und wieder andere schlafen noch. Wir duschen ausgiebig, endlich mal wieder nach einigen Tagen ohne und frühstücken. Dabei unterhalten wir uns noch mit zwei deutschen Mädels, die etwas jünger sind als wir. Sie sind schon ein ganzes Jahr hier in Neuseeland, arbeiten und reisen. Die Wäsche und das nasse Zelt werden zumindest kurz aufgehängt, während wir die Sachen zusammenpacken. Als wir schon fast fertig sind, kommt ein deutscher Vater mit seinem 1 1/2-jährigen Sohn zu uns. Er fragt uns ob wir vor zwei Tagen am Lake Tekapo waren, denn sie hätten uns dort und auch am Mount Cook gesehen. Und wir erinnern uns an die zwei deutschen Familien mit ihren gleichaltrigen Kindern. Er ist etwas überrascht, dass wir so schnell mit dem Fahrrad sind, wie sie mit dem Auto. Wir berichten ihm von unserer Reiseart mit dem Fahrrad und er uns vom Reisen mit Kleinfamilie. Es stellt sich heraus, dass sie ebenfalls aus Berlin kommen – was für eine nette Begegnung. Auf diesem Zeltplatz waren wir die Attraktion des Morgens, lustig. so fahren wir los, erstmal Richtung Omarama. Die 30km sind schnell geschafft, denn es geht immer noch hauptsächlich bergab. Wir fahren an wunderschönen Seen vorbei, dem Benmore See und Otamatata See mit traumhafter umliegender Landschaft. Als wir dann doch wieder einen Berg hinauf strampeln, hupt ein Camper, es ist die Kleinfamilie. Wie süß! Leider ist seit heute unser Handyladegerät kaputt gegangen und unsere Handys haben beide keinen Akku mehr. Aber noch ist alles schön ausgeschildert und wir brauchen uns um die Navigation keine Gedanken machen, denn der Weg den wir fahren ist ein offizieller neuseeländischer Radweg . In Otago, ist die Landschaft um einiges wilder. Wir fahren nicht mehr nur bergab, sondern müssen durchaus auch einige Hügel erklimmen. Meistens liegen links von uns die Berge und unzählige klare Seen glitzern in ihrem tiefen Blau in der Sonne. Mittags machen wir am Damm eine Mittagspause und essen unseren leckeren Aufstrich, den wir uns gestern mal gegönnt haben. Mittlerweile steht fest, wir fahren bis nach Oamaru – eine Strecke von insgesamt 140km. Jetzt liegt noch die Hälfte der Strecke vor uns. Wir begegnen noch anderen Radreisenden und sind froh, dass nicht die Strecke vor uns liegt, die hauptsächlich berghoch geht. Wir fahren wir an maorischen Wandbemahlungen, Zitrusbäumen und Rennradlern vorbei. In Duntroon kaufen wir uns noch eine Packung Eier am Straßenrand und machen eine Toilettenpause. Marjam und ich sind beide total erledigt und wollen einfach nur noch ankommen. Und trotz des guten Wetters müssen wir uns beeilen noch im Hellen anzukommen. Die letzten 30km ziehen sich unglaublich in die Länge und es ist eine Herausforderung motiviert zu bleiben. Doch die vielen Adler, die über den Himmel gleiten, helfen uns dabei. Einer setzt sich genau neben uns auf den Zaun und wirkt dabei so anmutig. Diese Tiere strahlen eine Freiheit aus, die ansteckt! Ein weiterer Motivationspunkt sind die Kilometer auf unserem Tacho. Wir erreichen heute 2000 Gesamtkilometer! Dem Sprung von 1999 auf 2000 zuzuschauen ist wirklich sehr motivierend!
Als wir endlich in Oamaru ankommen – wir sind mittlerweile 150km gefahren – halten wir noch schnell bei New World an, um noch das Nötigste einzukaufen und dann heißt es Campingplatzsuche ohne Handy und Karte. „Das kann doch nicht so schwer sein Marjam, wir fragen uns einfach durch“ „Oh Man, ich bin mega müde. Hätt ich gewusst, dass wir über 150 km fahren, wäre ich die Strecke niemals an einem Tag gefahren…“. Ich höre einen genervten Unterton raus und frage die nächste Person nach dem Zeltplatz. Doch leider wissen die Passanten nicht, wo der nächste Campingplatz liegt, geschweige denn den Weg dorthin. Da die iSite schon zu hat, besorgen wir uns eine Stadtkarte aus einem Restaurant. Zum Glück ist dort der Campingplatz eingetragen. Auf dem Weg dorthin sehen wir Goffredos Fahrrad vor einem Hotel stehen. Er muss uns wohl tatsächlich überholt haben. Unglaublich. Die Strecke Mount Cook bis nach Oamaru an einem Tag zu fahren ist für mich gerade einfach unvorstellbar! Wir erreichen den Platz in der Dämmerung. Es ist ein Holiday Park und er ist etwas teurer. Aber Hauptsache wir haben einen Schlafplatz. Wir essen gar nichts mehr außer ein paar Pflaumen und schlürfen unser wohl verdientes Feierabendbier. Neben uns bauen zwei Franzosen ihr Zelt auf. Sie sind mit dem Auto kurz nach uns angekommen. Wir beobachten die beiden Männer, bevor wir ins Zelt kriechen und vollkommen erledigt einschlafen!

Mount Cook | Twizel

Ich wache auf. Irgendetwas fehlt, es ist das Prasseln des Regens auf dem Zelt: „Oh mein Gott, Janina, der Regen hat aufgehört unsere Gebete wurden gehört!“ schreie ich Janina mit einem übertriebenen ernsten Ton ins Ohr, die verschlafen neben mir liegt. Sie lacht und schaut raus.  Der Himmel ist knall blau, die Sonnenstrahlen durchdringen den morgendlichen, keine Wolke ist am Himmel und die Berge offenbaren sich uns in ihrer Pracht. Das wir umgeben von all die Riesen sind, dessen war ich mir gestern bei unserer Ankunft gar nicht bewusst. „Da ist der Mount Cook! Wow sieht der toll aus!“ Ich knipse drauf los. Doch bald klärt uns der Zeltplatz Guide auf, dass das nicht der Mount Cook ist. Sie empfiehlt uns eine kleine Wanderung zum Kea-Point zu machen. Es dauert nur eine halbe Stunde und von dort sieht man den Mount Cook in seiner vollen Pracht. Wir wollen heute noch zurück, von daher ist eine längere Wanderung leider nicht drin. Bevor wir uns mit Stativ und Kamera auf den Weg machen hängen wir unsere pitschnassen Klamotten in die Sonne. Nicht nur Klamotten, sonder auch die Schuhe, Handtücher, ja eigentlich unsere gesamten Sachen, die wir mithaben, werden in die Sonne gelegt zum Trocknen. Das Zelt hat erstaunlich gut dicht gehalten, für den Dauerregen und das obwohl es ein Sommerzelt ist. Als all unsere Sachen über Steine, Tische und Fahrräder verteilt sind, laufen wir los. Es ist ein heißer Tag. Wir treffen eine ältere Dame, die gerade vom Aussichtspunkt kommt und uns vor schwärmt. Sie habe so viele Fotos gemacht und könne einfach nicht aufhören, der Mount Cook sehe so schön aus! Also wandern wir mit Vorfreude dorthin. Ein junger Mann spielt auf seiner Gitarre, singt dazu, und das vor der Kulisse der Berge. Das Leben scheint einfach nur wundervoll, ich bin glücklich und all meine Probleme aus dem Leben in Berlin, die sich manchmal in meine Gedanken schleichen sind komplett vergessen. Der Mount Cook ist wahnsinnig beeindruckend. Wir sind froh die Wanderung gemacht zu haben. Einen besseren Blick hätten wir uns nach dem Regentag gestern nie erträumen lassen können! Der Gletscher neben ihm, wirkt wie sein kleiner Bruder. Das Stativ wird ausgepackt und wir genießen für eine Weile den Ausblick mit Schnatterienchen, die wir auch mitgenommen haben. Die Dame hat recht gehabt, man kann nicht aufhören den Berg anzuschauen. Wir machen einige Selfies und schaffen es irgendwann den Berg hinter uns zulassen. Zurück am Zelt fangen wir an die trockenen Sachen wieder einzupacken, die noch feuchten Klamotten drehen wir um. Wir stehen direkt am Wegesrand mit unseren Fahrrädern und dem Gepäck. Ich beobachte zwei deutsche Familien und kriege ihr Gespräch mit. Sie kommen gerade von einer gemeinsamen Wanderung wieder, die beiden Frauen haben jeder ein Baby vor die Brust geschnallt und unterhalten sich über das Reisen mit kleinen Kindern. Es scheint so, als ob sie sich noch nicht so lange kennen würden. Es ist eine schöne Situation und kurz Schweifen meine Gedanken zu den Kindern. Ist es für die nicht alles der pure Stress (der weite Flug, das lange im Auto sitzen und so weiter)? Aber irgendwie toll, die Familien sehen glücklich aus und auch dir Kinder scheinen rundum zufrieden. Vielleicht ist es doch nicht so stressig, wie ich zu Beginn dachte? Ich denke noch eine Weile darüber nach, bevor mich Janina in die Realität zurück bringt. Ich soll das essen anfangen zu kochen. Es gibt Reis mit Gemüse. Gegen halb Vier brechen wir auf. Es geht vom Campingplatz runter und mit dem Mount Cook im Rücken lassen wir uns die Straße runter rollen. Von Weitem sehen wir einen Radfahrer auf uns zukommen. Ich ahne schon, wer es sein könnte und tatsächlich, es ist wieder unser Italiener der Goffredo. Was für eine schöne Überraschung. Wieder macht er beiläufig ein Foto ist total aus dem Häuschen uns zu sehen. Er ist auch gestern in dem starken Regen angekommen, konnte sich aber in seinem Hotel mit Sauna und Wellness gut aufwärmen. Ein bisschen neidisch werde ich da schon. Das wäre gestern perfekt gewesen. Heute macht er einen Pausentag. Wir sollen uns beeilen, er hat nämlich eine ähnliche Route vor wie wir und wird uns sicherlich noch überholen. Was für ein lustiger und verrückter Vogel, er will morgen doch tatsächlich über 200 km fahren.
Wir verabschieden uns und rollen am Village vorbei, bevor es dann am See entlang Richtung Twizel geht. Wir drehen uns die ganze Zeit um während wir radeln und schauen fast mehr nach hinten als auf die Straße. Der Blick der sich uns dort bietet macht mich sprachlos und überwältigt mich. Wo gestern eine graue Wand war, sehen wir den schneebedeckten Mount Cook und die ganzen anderen Berge, als seinen sie heute Morgen ist aus dem Boden gewachsen. Was bin ich froh, dass wir diese Landschaft bei so unterschiedlichen Wetterbedingungen sehen dürfen. Einzigartig, wirklich einzigartig! Viel schöner als ich es mir bei der Recherche je vorstellen konnte! Es geht jetzt hauptsächlich bergab, ab und zu müssen wir auch in die Pedale treten, aber das geht bei dem schönen Wetter fast wie von selbst. Janina ist leider das warme Mittagessen nicht ganz so gut bekommen, denn ihr ist etwas schlecht. Außerdem hat sie sich die Tage eine Brandblase am Rücken von der neuseeländischen Sonne und dem zu wenigen Eincremen zugezogen, die höllisch wehtut. Doch diese einzigartige Kulisse macht jeden Radreisenden glücklich, egal wie schlecht es ihm geht und so fahren wir zum Peterson Lookout und genießen den Blick auf den See und dem Mount Cook. Wir sind uns beide einig. Es ist fast schon zu kitschig! Das ich das mal sagen würde, hätte ich auch nie gedacht. Aber würde ich ein Bild sehen, dass so aussieht, dann wäre es mir auf jeden Fall zu kitschig. Irgendwie absurd! Die Strecke kommt mir vor, als wäre ich sie noch nie gefahren. Im Abendlicht radeln wir Richtung Twizel. Die letzten 20km lassen sich mit einem super gutem Tempo fahren, denn es geht gefühlt nur bergab. Was haben wir Glück. Wir kommen in dem kleinen Twizel an einem super süßem Campingplatz an. Dort sind wir zwar umgeben von vielen Deutschen, aber das stört uns heute nicht im Geringsten. Es wird im Ort noch schnell etwas eingekauft. Auf dem Nachhauseweg sehen wir den Mount Cook am Horizont, seine Spitze ist von der Sonne komplett in ein dunkles Rot getaucht worden. Ein perfektes Auf Wiedersehen, es war so schön! Wir essen zu Abend und gehen dann früh ins Bett.

Lake Pukaki | Mount Cook

Wir wachen beide früh auf, machen das Zelt auf und genießen den Ausblick auf den See. Ich gehe raus und tue meiner vollen Blase etwas Gutes. Erst danach werde ich auf die umliegenden, sich im See spiegelnden Berge aufmerksam. Der Himmel hat sich komplett aufgezogen. Es ist kein Wölkchen mehr zu sehen und ich betrachte in der Ferne unser heutiges Tagesziel den Mount Cook in seiner vollen Pracht. „Marjam! Schau dir das an, als wären wir an einem anderen See.“ Wir beginnen unser morgendliches Ritual. Die beiden Frauen wandern gerade los, als wir uns an den See setzen und Frühstück mit gekochtem Seewasser zubereiten, yammi. Dann wird der Moment noch mit der Kamera eingefangen und wir trällern ein Geburtstagsständchen für Lena in meine Handykamera. Als alles erledigt ist, starten wir unseren Radtag. Auf die heutige Strecke freuen wir uns beide schon sehr. Für Marjam ist es das Highlight der Tour. Das Wetter ist herrlich, wir fahren gut gelaunt am See entlang. Der Streit von gestern ist komplett vergessen, wir winken noch den beiden Wanderinnen und fahren das erste Mal durch eine riesige weiße Wolke hindurch. Unsere Klamotten sind feucht und als die Wolke hinter uns liegt ist leider auch das Wetter etwas trüber. Wir machen bei der iSite Pause um Wasser aufzufüllen und auf Toilette zu gehen. Wir werden von den anderen Touristen verwundert und beeindruckt zugleich beäugt, dies könnte auch an unseren kurzen Klamotten liegen, denn alle anderen sind fast schon winterlich bekleidet. Wir informieren uns über das Wetter. Das soll am Mt Cook leider noch schlechter sein als hier. So ein Scheiß. Es kann gut sein, dass wir den Mt Cook gar nicht aus der Nähe zu Gesicht bekommen. Manno. Marjam ist die Enttäuschung vom Gesicht abzulesen. Aber wir fahren die Strecke trotzdem, das ist jetzt sicher! Eine junge Frau spricht uns an, wir werden in ein kurzes Gespräch verwickelt und bekommen mal wieder große Anerkennung und Bewunderung für unser Unternehmen. Wir biegen rechts in die Mount Cook Road ab. Es liegen nun 64km vor uns. Die Steigung hält sich zu Beginn in Grenzen. Und so fahren gut gelaunt, umgeben von Wald und zwitschernden Vögeln erstmal vom See weg. Wir sehen einsame Grundstücke und würden die Häuser zu gerne mal von innen betrachten. Und da geht es wieder bergab. Der See zeigt sich uns wieder. Wir lassen uns von den vielen grauen Wolken nicht entmutigen. Die Strecke geht überwiegend bergauf, aber ab und zu gibt es auch Abfahrten, was sie angenehmer erscheinen lässt. Hinter uns liegt jetzt der sonnige Teil des Sees und wir schauen beim Fahrradfahren auf eine graue Wand. Der Mount Cook und seine Bergnachbarn sind komplett von Nebel und Regenwolken verschleiert. Die Berge auf der anderen Seite des Sees werden von Sonnenstrahlen, die aus einer Wolkenlücke brechen, beleuchtet. Der See glitzert und die Atmosphäre ist überwältigend. Kein anderes Wetter könnte diese Stimmung schaffen und obwohl ich weiß, dass wir heute bestimmt noch in den Regen fahren werden, ist das es mir wert!

Bei dem Gedanken an den Lachs läuft mir das Wasser im Mund zusammen und er lässt mich kräftig in die Pedale treten. Schon bald werden wir von heftigem Gegenwind überrascht. Wir dachten, wir kennen den neuseeländischen Wind, doch da haben wir uns getäuscht. Der Wind ist so stark, dass wir kurz darauf völlig erschöpft eine Pause einlegen. Am Straßenrand müssen wir aufpassen, dass unsere Sachen nicht wegfliegen. Es ist ein Kampf die Jacke anzuziehen, denn sie wird vom Wind immer wieder mit gerissen. Marjam ist genervt und selbst als wir über die Twin Bridge fahren, scheint sie das nicht aufzumuntern. Und wie ich es mir vorhin gedacht habe, fängt es zu allem Überfluss noch an zu regnen. Marjam hat ihre durchsichtige Brille verloren, so dass sie ohne fahren muss. Doch lange hält sie es nicht aus. Der Regen brennt fürchterlich auf dem Gesicht und durch das ständige Zwinkern kann sie kaum sehen. Als Notlösung leiht sie sich meine Sonnenbrille, viel besser sieht sie dadurch leider nicht – es ist viel zu dunkel. Ich fahre vor. Der Regen wird immer stärker und prasselt auf uns nieder. Wir konzentrieren uns auf die Straße, die Umgebung ist uns in dem Moment egal. Aber wir verpassen auch nichts. Von Bergen geschweige dem Mount Cook ist keine Spur. Nur die Straße ist sichtbar, alles andere eingehüllt von Regenwolken und Nebel. Treten, treten, treten – eine Runde nach der Nächsten – das ist mein einziger Gedanke. Wir kommen aufgrund des Regens, dem Gegenwind und des Anstieges nur sehr schleichend voran. Marjam fährt deutlich langsamer als ich, sie ist mit den Kräften am Ende. Ich bin davon leicht genervt. Im Regen höre ich ihr Rufen nicht, zurückschauen funktioniert durch den Regen nur bedingt und so halte ich immer an, um auf sie zu warten. Das raubt meine letzten Kräfte. Marjam wiederum ist von mir genervt. Sie kann kaum mit meinem Tempo mithalten und verliert mich immer öfter aus den Augen. Das demotiviert sie noch mehr. Wir sind bis auf unsere Unterwäsche durchweicht, in den Schuhen haben sich Pfützen gebildet und alles trieft. Langsam wird es richtig kalt. Nach einer gefühlten Ewigkeit haben wir die letzten 15km endlich geschafft. Wir kommen auf dem DOC-Campingplatz an, suchen uns eine halbwegs pfützfreie Stelle und bauen unser Zelt im strömenden Regen auf. In unserem Zustand eine echte Herausforderung. Schnell stelle ich die Sachen ins Zelt und ziehe mir dann endlich trockene Anziehsachen an. Marjam tut es mir gleich. Endlich ist uns wieder warm und so können wir das langersehnte Lachsabendessen kochen. Der Campingplatz Guide ruft uns zu, wir sollen morgen bezahlen und wenn es zu nass ist können wir uns auch in die Küche zurückziehen. Aber Marjam und ich haben für uns schon beschlossen: Wir werden das Zelt heute unter gar keinen Umständen mehr verlassen. Es ist früher Abend, wir dösen vor uns hin, schnacken ein bisschen und schnitzen an meinem Holzstück weiter. Als wir auf Toilette müssen, pinkeln wir zielsicher in eine Flasche. Wir müssen beide lachen. Was man nicht alles macht, um nach so einem Tag den Regen zu meiden. Ich rufe meine guten Freunde Kadda und Moritz an, um ihnen für ihre lange Asienreise viel Spaß zu wünschen. Sie erzählen mir von dem Malaysia Airline Flugzeug, das verschwunden ist: „Passt bloß auf euch auf. Ihr fliegt doch mit der Fluggesellschaft auch zurück!“ höre ich leise durch den Hörer sprechen, doch es wird vom lauten Regenprasseln übertönt. Wir verabschieden uns. Der kurze Deutschland Kontakt tat gut. Aber ich bin froh am anderen Ende der Welt zu sein, weg vom Unialltag, weg vom Stress und mich einfach nur auf ganz banale Dinge konzentrieren zu müssen: Wo pinkel ich hin, was esse ich, wo schlafe ich. Eingekuschelt und zufrieden schreiben wir unser Blog und machen Tagesnotizen. Wir drücken die Daumen für besseres Wetter,  denn die Vorstellung, in unsere nassen Klamotten zu hüpfen und morgen im Regen die ganze Strecke wieder zurückfahren zu müssen ohne überhaupt Neuseelands größten Berg zu sehen, ist für uns ein Horroszenario. Wir werden sehen. Trotz des lauten und penetranten Regenprasselns, schlafen ich noch vor Marjam ein.

Lake Tekapo | Lake Pukaki | Cycle Trail

Wir stehen auf, ich fang an unsere Sachen zusammenzuräumen und das Zelt einzupacken. Janina macht schweigsam mit, es scheint so als sei sie mit dem falschen Fuß aufgestanden, denn wenn sie redet höre ich einen leicht genervten Unterton raus. “ Was ist denn los, alles gut?“ „Jahhaaa, ich muss halt nur voll nötig auf Toilette.“ „Dann geh doch einfach und maul mich nicht an…“ Als wir das geregelt haben, setzen wir uns an den Tisch und frühstücken wieder unsere WeetBix. Das besondere an dem heutigen Morgen: Wir haben den Ausblick auf den See und sind für uns allein. Donald hat uns gestern noch ein Caffé im Örtchen Tekapo empfohlen. Das wollen wir uns nicht entgehen lassen und so machen wir einen Abstecher, schlürfen ein Kaffee und überlegen wie wir heute fahren wollen. Leider erfahren wir von der iSite Dame, dass der schönere Weg aufgrund von Kanalarbeiten geschlossen ist. Die Alternative: Wir müssen Straße fahren. Ich bin super gut gelaunt, die Landschaft ist Wahnsinn, die Stille und Unberührtheit der Berge beeindrucken mich sehr. „Irgendwann fahre ich diese Strecke noch einmal“ rufe ich nach hinten. Janina kann ich nicht ganz so gut anstecken mit meiner Laune, aber das wird schon. Die Berglandschaft mit den tiefhängenden grauen Wolken, dem Wind und den vereinzelten Strommasten nutzt auch ein Brautpaar als Fotomotiv. Das weiße Kleid und der Schleier flattern im Wind und die strahlende Braut post für die Kamera. Wir sehen am Himmel eine Wolke, die fast unecht wirkt. Sie ist giftblau. Janina und ich rätseln über die Ursache, kommen aber zu keinem Resultat. Schon bald liegt vor uns mal wieder eine wunderbare lange Abfahrt. Wir rollen im zügigen Tempo runter und sind beide gerührt von dem Anblick, der sich uns offenbart: Ein türkiser, spiegelglatter und glitzernder See, die umliegenden Berge sind von riesigen Wolken umhüllt und nicht zu erkennen. Leider entzieht sich der Mount Cook ebenfalls unserem Blick. Etwas betrübt über das Wetter suchen wir uns erstmal einen Pausenort, der nahe des Cycletrails „Summmit to the Sea“ liegt. Wir essen, trinken den letzten Schluck Wein und beraten uns über die kommende Route. Zwei Stunden später steht unser Plan für die letzten paar Wochen, die uns bleiben. Die Route, die einzelnen Etappen und die Zugfahrtzeiten sind geplant. Erleichtert überlegen wir nun was heute noch ansteht. Ich möchte unbedingt noch den Cycletrail fahren Richtung Valley. Ich bin während meiner Recherchen darauf gestoßen und es hört sich traumhaft an. Janina ist nicht ganz überzeugt, denn der Trail ist keine Rundfahrt, sondernden wir müssen die Strecke auf jeden Fall wieder zurück fahren. So einigen wir uns drauf, dass wir erstmal in die Richtung fahren und spontan schauen. Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit dort irgendwo wildzucampen. Wir sehen einige Camper und Zelte, die sich ebenfalls am See niedergelassen haben. Als wir ein Stück gefahren sind fängt es an zu regnen, das steigert Janinas Motivation überhaupt nicht. Als sich zusätzlich die Asphaltstraße zu einem Schotterweg verwandelt, ist ihre Laune ganz dahin. Ich spür Janinas negative Ausstrahlung und ihre schlechte Laune. „Ach man Janina so macht dass doch dann auch keinen Spaß, verdammt. Es ist so ein schöner Weg, und du verdirbst das mit deiner schlechten Laune“. „Man, ich reiß mich doch schon zusammen und sag nichts. Dieser Schotter ist super anstrengend und das müssen wir ja alles wieder zurück!“ „Ok dann warte hier auf mich, ich fahr die Strecke dann alleine“ „Spinnst du, ich lass dich doch nicht alleine bei diesem Wetter fahren. Wir haben kein Handy und ich will nicht dran Schuld sein, wenn dir irgendetwas passiert!“. So fahren wir schweigsam weiter, man spürt die dicke Luft zwischen uns. Ich mache eine Vollbremse: „Ok, dann drehen wir jetzt eben um! Man ey, das ist echt schade, weil ich mich wirklich schon die ganze Zeit auf diese Strecke gefreut habe! Und das weißt du auch!!!“ „Marjam, ist doch ok, ich fahr ja jetzt mit, was willst du denn mehr“. Ich bin schon längst umgedreht und fahr wieder Richtung Startpunkt. Janinas Worte werden von dem Regenprasseln verschluckt und ich bin auch ganz froh drum. So sauer war ich lang nicht mehr auf Janina. Paar Minuten später hat Janina mich eingeholt. Sie hat Tränen in den Augen und versucht sich zu erklären, wie fertig sie sei, dass wir halt doch zurückfahren sollen und warum ich nicht gewartet hätte…blablabla. Naja so finden wir uns beide mit der situation ab. Die zwei Wandrerinnen überholen wir ein zweites Mal und machen uns auf die Suche nach einer versteckten Campingmöglichkeit. Irgendwann schaffen wir es über die vorherige Situation zu sprechen. Wir diskutieren eine Weile und irgendwann ist der Streit zumindest grob geklärt. Wir finden eine Stelle abseits der Straße hinter ein paar Bäumen und direkt am See, die sich unserer Meinung perfekt zum Wilcampen anbietet. Es ist wunderschöner Spot und wir haben ihn ganz für uns ganz. Als wir schon in unserem Zelt sitzen und die Nudeln zubereiten, hören wir plötzlich Stimmen. Wir schauen uns erschrocken an und sehen jeweils in dem Blick des Anderen die Gedanken: Scheiße, doch nicht so ein gutes Versteck. Jetzt kommen die gleich zu uns. Janina geht raus und schaut wer das ist. „Ach es sind die zwei Frauen von eben, die bauen auch grad ihre Zelte auf.“. Beruhigt kriechen wir in unsere Schlafsäcke und genießen die Stille der Natur, bevor wir erschöpft in den Tiefschlaf fallen. So ein Streit raubt Kraft. Aber ich bin froh, dass wir darüber gesprochen haben.

Geraldine | Lake Tekapo

Ssssss macht der Reißverschluss des Nachbarzeltes. „Sind die Mädels schon wach?“, „Keine Ahnung, ich glaub nicht“ Dann an uns gerichtet: „Hallo Mädels aufstehen, ihr habt nen anstrengenden Radtag vor euch“. „Jaaa wir sind ja schon wach“ ruft Janina. An Schlaf ist jetzt nicht mehr zu denken. Also stehen wir noch etwas müde auf und machen uns fertig. Als alle Sachen zusammen gepackt sind, treffen wir uns mit Donald und Sven auf ein gemeinsames Frühstück. Es werden noch letzte Ratschläge entgegengenommen und dann die Nummern und Emailadressen ausgetauscht. Außerdem bekommen wir einen neuen Reisebegleiter für unsere letzten Wochen Neuseeland: Schnatterienchen, eine quietsch gelbe, etwas mitgenommen aussehende Badewannen Ente. Donald berichtet uns stolz, dass er diese Ente gerettet hat. Sie war an einem Pfahl angekettet und nun soll sie mit uns den anderen Teil Neuseelands erkunden und uns beschützen. Marjam und ich freuen uns total über unseren neuen gemeinsamen Talisman. Bevor wir uns verabschieden, schießen wir noch ein Gruppenfoto und wir starten alle, jeweils in entgegengesetzte Richtungen, unseren Radtag.
„Und wie hügelig ist die Strecke morgen für uns“ haben wir die Männer gefragt und waren sehr erfreut zu hören, dass sie „Ok“ sein soll. Doch wir merken schnell, dass wir unterschiedliche Definitionen von „Ok“ haben. So fahren wir keuchend einen Hügel nach dem anderen hoch und wieder runter. Ich schrei meinen Lieblingssatz nach vorne zu Marjam: „Ist ja kein Wunder, die haben beide eine viel niedrigere Gangschaltung und zusätzlich sind sie noch Männer…“ Aber das macht das Strampeln auch nicht einfacher. Wir fahren auf neu asphaltierte Straßen, die gestern bei Donald und Sven höchstwahrscheinlich noch Baustelle waren. Nach der Hälfte der Strecke machen wir eine Pause in Fairlie. Hier essen wir unser erstes Eis. Und es ist soo lecker, dass wir uns fragen, wie wir darauf den letzten Monat verzichten konnten. Dann fahren wir weiter Richtung Pass. Je näher wir dem Burkespass kommen, desto schöner und ruhiger wird die Umgebung. Ein Mann möchte grad am Straßenrand in sein Auto einsteigen. Als er uns sieht, ruft er uns zu „Good luck for you both, you can do it“. Zu unserem Erstaunen nimmt auch die Hügellandschaft etwas ab und wir kommen so relativ entspannt am Burkes Pass an, ein süßes kleines Örtchen am Fuße des Passes. Es hat ein süßes Caffée und nette kleine Läden, vor denen lustige Figuren stehen. Donald hatte uns gestern Bilder davon gezeigt. Die Berglandschaft neben uns ist atemberaubend. Drei Schafe sind aus ihrer Weide ausgebüchst und laufen im Dreiermarsch neben uns her. Ein schöner Moment. „Jetzt wirds ernst Janina“ ruf Marjam mir zu. „Ja fahr du dann mal vor, ich werd bestimmt eh wieder absteigen und schieben müssen“. So fährt Marjam los und es geht mit jeweils unserem kleinsten Gang den Berg hinauf. Der letzte Kilometer ist besonders zäh und die Steigung extrem! Ich kann Marjam sehen, sie ist jetzt kurz vorm Ziel und ich sag mir „Jetzt bloß nicht absteigen, du schaffst das!“. Die letzten Meter gehts im Schneckentempo hoch bis ich neben der überglücklichen Marjam stehe. Stolz wie Oskar geben wir uns nen Zwillings-High five und freuen uns, dass wir nicht schieben mussten! Wir genießen den Augenblick: Blumen blühen und die Luft riecht wunderbar. Nach der kurzen Verschnaufpause ziehen wir unsere Jacken an und freuen uns auf die Abfahrt. sie zieht sich in die Länge – zum Glück, denn so können wir die Berge in ihrer unterschiedlichen Gestalt und ihren Farben bestaunen. „Hey Janina, merkst du es? Wir haben das erste mal auf unserer Reise Rückenwind“ Und tatsächlich; die Grashalme wiegen sich in die richtige Richtung. Lange hält der Windmotor nicht an. Wir genießen ihn in allen Zügen, bevor wir wieder aus eigener Kraft pedallieren müssen. Die Landschaft ist unglaublich! Umgeben von Steppengras, dunkel blaue Berge die sich am Horizont aufbäumen und eine unendliche Weite machen die Strecke einzigartig. Marjam ist völlig aus dem Häuschen und ich höre sie die ganze Zeit vor sich hin murmeln, wie TOLL es hier ist! Kurze Zeit später rollen wir den Berg herunter. Der Ausblick, der sich uns jetzt zeigt ist atemberaubend: Der Tekapo See glitzert prächtig in all seinen unterschiedlichen Blautönen. Wir bereuen keine Sekunde, dass wir den Pass vom Osten aus erklommen haben, obwohl er aus dieser Richtung deutlich steiler ist. Einige Minuten stehen Marjam und ich am See, schweigsam genießt jeder für sich diesen tollen Anblick. Dann fahren wir gemütlich zum den Zeltplatz. Unser Zelt stellen wir auf einen kleinen Hügel mit Seeblick. Hier ist es ganz schön windig. Später machen wir uns auf den Weg ins Örtchen zum kleinen Supermarkt. Dort kaufen wir erstmal richtig ein: Einen Sauvignon Blanc Tortilla Chips und Schokolade – Donald hat uns wieder auf den Geschmack gebracht. Das Abendlicht ist wunderschön. Schnatterienchen sitzt hinter uns auf der Bank und ich schnitze weiter an meinem Neuseelandholz. Zu unserem Vergnügen entdecken wir direkt am See eine super lange Seilbahn, die wird erstmal ausgiebig getestet. So ein Wahnsinns Ausblick haben wir das erste Mal beim Seilbahn fahren. Was für ein Spaß! Als es dunkel wird laufen wir wieder zum Campingplatz. Wir kuscheln uns in unsere warmen Schlafsäcke, genießen den Wein und die Chips und versuchen trotz dem lauten Wind schlaf zu finden. Doch schon bald werden wir vom Regen und einem Knistern geweckt. „Janina, was ist das, hast du das auch gehört?“ „Das ist der Regen oder mal wieder ne Katze“.“Oh schaust du mal was da ist? Das kommt aus dem Vorzelt“ „Nö ich bin müde, ich schlaf! Mir ist es egal“. Ssssssss der Reißverschluss geht auf, ein kalter Luftzug zieht in das Innenzelt und Marjam ruft „Ach ne, ein Igel. Der vergreift sich grad an unserer Schokolade, der Kleine…“ Nun ist Janina auch wach und schaut sich den stachligen Dieb aus der Nähe an. Der hat irgendwann genug vom Trubel und so kriechen wir mitsamt dem Essen aus der Apsis wieder ins Innenzelt.

Glentunnel | Geraldine

Wir hängen die Schlafsäcke und das Zelt in die ersten Sonnenstrahlen zum trocknen, frühstücken und toasten das Brot schonmal vor für das heutige Mittagessen, das schmeckt deutlich leckerer als so labriges Brot und ist eine schöne Abwechslung. Die Sachen werden wieder alle zusammengepackt, als wir plötzlich einen kleinen gast bei uns haben. Ein Mädchen in ihrem rosa Schlafanzug kommt angetänzelt: ”I like your tent” ”My tent is red and it is much more bigger than yours!”. Für ihre fünf Jahre hat sie es wirklich schon drauf mit dem Smalltalk  ”It is such a nice weather today, isnt it!? I am really happy.” Ausßerdem lochert uns die Kleine mit Fragen aus “Why do you have so many panniers”, ” Where are you from?” und “How old are you” waren nur einige davon. Ein süßes Gespräch. Irgendwann schafft sie es sich von uns loszureißen und wir machen uns auf den Weg. Heute wollen wir bis nach Geraldine. Wir haben schon gehört, dass es wohl einen riesigen Berg geben soll, aber wo ein Berg ist, ist auch immer eine Abfahrt und mit der Einstellung fahren wir los. An der Ecke steht wieder der Radreisende von gestern mit seinem auseinandergebautem Rad. Ich frage, ob er Hilfe braucht. Doch sein Fahrrad ist komplett kaputt, er versucht nach Geraldine zu trampen. Er ist Neuseeländer, schon zwei Monate unterwegs und macht sammelt auf deiner Reise Spenden. Ein wenig neidisch auf uns ist er schon, denn die kommende Strecke soll besonders schön sein. Wir verabschieden uns und nach einem leichten Anstieg, genießen wir eine super lange Abfahrt, mit traumhaftem Blick auf einen türkisfarbenen Fluss und Berge am Horizont. Wir fahren an einer Gruppe von Engländern vorbei. Die sind deutlich älter als wir, vielleicht so ende fünfzig. ”Crass, die müssen nicht schieben!” schreit Marjam mir zu. „Ja wirklich cool, aber ich sag’s dir, die hatten auch eine leichtere Übersetzung!”. Mittlerweile ist es der Running Gag. Und nun sehen wir, dass die Engländer den einfacheren Weg hatten. Der Berg, den sie nämlich gerade runtergefahren sind und den wir hochmüssen, ist zwar kurz, aber hat eine enorme Steigung. Mir ist schon im Vorhinein klar, dass ich schieben werde. Nach paar Metern auf dem Rad und der Panik umzukippen ist es dann auch soweit. Und auch für Marjam ist die Steigung irgendwann zu steil, sie wird von ihrem schweren Gepäck nach hinten gezogen und kommt nicht vorwärts. Beim Schieben, werden wir von mehreren Autos überholt, die ihre Räder oben oder hinten drauf geschnallt haben und ich denke mir: “Die machen es richtig”. Am Aussichtspunkt genießen wir den wundervollen Blick auf den Fluss und das Dorf. Es ist eine Märchenlandschaft. Wir schwingen uns für das letzte Stück noch mal auf das Fahrrad und fahren auf den Gipfel. Yessa, was ist das für ein cooles Gefühl! Die nächsten Kilometer sind bis auf den Wind entspannt. Die Strecke ist flach und so kullern die Kilometer. Schon bald sind wir in Geraldine. Der Campingplatz sieht einladend aus, wir bauen unser Zelt auf und gehen noch schnell in die Stadt und machen einen Großeinkauf in dem Supermarkt. Dort begegnen wir zufälliger Weise dem trampenden Fahrradreisenden wieder. Er hat tatsächlich noch jemanden gefunden, der ihn bis nach Geraldine mitgenommen hat. Sein Fahrrad ist auch schon in der Werkstatt und nun sucht er ein Schlafplatz. Eingedeckt mit leckerem Essen, laufen wir gut gelaunt zum Zeltplatz zurück. Neben uns bauen grade zwei andere Radreisende ihr Zelt auf. Sie sehen uns kommen, lachen und fragen uns dann: “Könnt ihr deutsch?” “Ja” “Ach cool, ja wir haben uns schon jefragt ob die räder  nem pärchen oder zwei frauen jehören”. Wir quatschen kurz und als sich herausstellt, dass wir aus Berlin sind ruft der große blonde Donald völlig euphorisch “Jaaaaa, ihr seid die ersten Berliner, die ich treffe!” Er wohnt in Treptow um die Ecke des Radladens. Wie klein doch die Welt ist. Sein Fahrradkompanion, der Schwabe Sven hält sich etwas im Hintergrund. “Ja find ick ja jut, dass ihr als zwe Frauen dit uch macht. Ja wirklich, Respekt.”. Wir tauschen uns noch kurz über unsere morgigen Ziele aus. Die beiden Männer kommen gerade vom Mount Cook und sind heute den Burkes Pass gefahren, den wir morgen fahren wollen. Als wir unsere Essenssachen auspacken, lachen beide nur “Ja Schwabe, die wissen wie man isst, nicht nur mal hier ein Brot und da noch nen halben Schokoriegel. Ne find ick ja gut! Aber wenns dann die Berge hoch jeht, werdet ihr jedes Kilo noch verfluchen!” Und Donald erzählt weiter: „Ja ick nenn ihn ja den Schwaben und er mich den Preußen. Dit is ja auch auf unser Essverhalten zurückzuführen. Ich geb immer aus und der Schwabe der spart wie nen Fuchs. Aber heute hab ick ihn dazu überredet mit mir nen Eis zu essen!” Wir lachen und auch der Sven lacht über Donalds Worte. Wir haben Hunger und machen uns auf in die Küche. Während die beiden anderen duschen machen wir uns leckere Nudeln mit Thunfisch und Tomaten. Donald und Sven kommen kurze Zeit später und machen sich ein paar überbackene Nachos – genauer gesagt ist es ein riesiges Blech.Wir setzen uns raus, naschen noch etwas mit und hören uns die Abenteuergeschichten von Donald an. Es stellt sich heraus, dass Donald und Sven gar nicht zusammen reisen, sondern erst einen Tag zusammen radeln. Sie sind unabhängig exakt die gleiche Route gefahren, haben sich im Norden schon getroffen und sind sich gestern wieder begegnet. Es ist ein wirklich toller und lustiger Abend und als die Küche irgendwann schließt, gehen wir alle zu den Zelten und ins Bettchen. Plötzlich raschelt es, wir schrecken beide hoch, “Marjam was ist das?” “Keine Ahnung, lass ma nachschauen”. Als wir das Zelt aufmachen, schauen uns aus dem Vorzelt zwei riesige Augen an: Eine Katze, die sich über unsere Vorräten hermacht. Wir verscheuchen sie und verstauen das Essen neben uns bevor wir dann in einen tiefen Schlaf fallen.

Christchurch | Glentunnel

Wir werden von den feuchten Schlafsäcken und dem klammen Zelt geweckt. Es scheint die Sonne und so schlage ich Janina vor die Schlafsachen endlich mal wieder ganz trocknen zu lassen und währenddessen zu essen, Blog zu schreiben und den Tag in Ruhe zu beginnen. Gesagt getan. Zum Glück sind wir schon am Rand von Christchurch, so ersparen wir uns noch mal eine lange Stadtdurchquerung, als wir Mittags den Campingplatz verlassen. Es geht erstmal Richtung Yaldhurst, ein Stadtteil Christchurchs. Von dort nehmen wir die Old West Road, die uns am Waimakariri River fast nach Glentunnel bringen soll. Es ist ein kleiner Umweg, aber wie ich im Internet gelesen habe, soll die Straße um einiges schöner und ruhiger sein. Tatsächlich, mit ein paar Trucks sind wir mit die Einzigen auf der Straße. Es ist ein toller Tag, die Straße ist wunderbar asphaltiert, aber der Gegenwind macht uns mal wieder zu schaffen. Es ist ermüdend und kräfteraubend. Wir werden von einem Rennradler überholt, auch er kämpft mit dem Wind und einige Meter weiter, macht er kehrt und genießt den Rückenwind. Was hat der es gut! Er schreit uns noch zu wohin wir wollen, wir versuchen zu antworten, aber da ist er schon an uns vorbei. Janina und ich halten Ausschau nach einem netten Pausenplatz. Vielleicht direkt am Fluss? Die Räder lassen wir an der Straße stehen und wir laufen auf einem kleinen Trampelweg Richtung Fluss. Aber wir haben Pech, wir kommen nicht so einfach an den Fluss ran wie wir uns gedacht haben und so entscheiden wir uns für den Luxus Pausenort direkt an der Straße bei einem Stopp Schild. Na wenn das nicht passt! Ein Auto kommt, ein Jeep, das auf der Schotterpiste ordentlich Staub produziert. Als ich das Auto noch nicht gesehen habe, dachte ich für einen kurzen Moment, dass es da hinten brennt. Eine Frau steigt aus und fragt ob alles in Ordnung ist. Es ist wohl doch ein eher ungewöhnlicher Pausenort! Wir unterhalten uns kurz. Sie war in Deutschland, als die Mauer noch stand. Als wir auf die Frage, wo wir denn hin wollen, Glentunnel antworten, schaut sie uns groß an! „Da seid ihr aber auf der falschen Straße und fahrt nen großen Umweg“ sagt sie besorgt. Sie bietet uns an uns mitzunehmen und nach Glentunnel zu bringen. Wir lehnen dankend ab und versuchen ihr zu erklären, dass wir die Straße bewusst ausgesucht haben. So richtig verstehen kann sie es nicht. Sie wünscht uns noch viel Spaß und verlässt uns. Wir schauen dem Wolkenspektakel zu. Solche Wolken wie hier in Neuseeland sieht man in Deutschland nicht. Wie Zuckerwatte und Schafwolle schweben sie am Himmel und glitzern in der Sonne. Es ist einfach nur wundervoll. Gestärkt fahren wir weiter. Der Wind wird nicht weniger und wir sind beide leicht gereizt. Wir halten und ich schaue aufs Handy, um uns zu navigieren. Ich entscheide mich dafür jetzt schon links zu fahren, um vor dem Wind zu fliehen. Endlich können wirw mal wieder schnell fahren. Wir sind beide richtig gut gelaunt und ich bin einfach nur fasziniert von dem Licht, dass die Berge vergoldet und der Ruhe, die ausgestrahlt wird. Wir fahren an weidenden Kühen und Schafen vorbei. Ich kann nicht wiederstehen und halte an, um den Moment mit meiner Kamera festzuhalten. Es ist unglaublich! Janina drängelt, dass wir weiter müssen, wenn wir vor Dunkelheit ankommen wollen. Also biegen wir rechts auf die Homebrush Road ab, die uns bis nach Glentunnel führt. Wir sind umgeben von riesigen Feldern und Wiesen und so ist die Straße natürlich eine Schotterpiste. Aber die giftgrünen Felder, mit den blauen Bergen am Horizont und den wunderschönen Wolkenbildern sind eine super Entschädigung! Die Handgelenke tun schon etwas weh, als wir endlich die Hauptstraße erreichen. Ich schaue noch mal zurück und versuche mir diese beeindruckende Landschaft in mein Gedächtnis zu prägen.

Kurze Zeit später sind wir auch schon in Glentunnel. Wir biegen links zum Zelplatz. An der Ecke steht ein Mann Ein auseinande gebautes Rad liegt neben ihm auf der Wiese. Wir grüßen ihn, ob der heute noch weiter fährt? Die Dame an der Rezeption fragt uns von wo wir heute gestartet sind, ein Blickaustausch, eine kurze nachdenkliche Pause und trotzdem kommen wir nicht mehr drauf. Eieiei, das muss sich ändern, da sind wir uns einig. Wir suchen uns einen Platz aus. Als wir das Zelt aufbauen, fährt plötzlich ein Bus in unsere Richtung und stellt sich genau neben uns. Ein Typ steigt aus und labert uns an. Wir beide finden ihn etwas komisch und sind nicht ganz so begeistert, dass er direkt neben uns sein Nachtlager aufschlägt. Plötzlich kommt ein kleines Mädchen zu uns gelaufen, in einem rosa roten Pyjama und bestaunt unser Zelt. „Wow, thats a beautiful tent! Where are u coming from?“ ein kleiner Austausch und die kleine Dame kann sich nicht entscheiden welches Zelt nun schöner ist, ihres oder unseres. Wir kochen Reis unterhalten uns noch mal kurz mit dem Typen – er scheint doch ganz nett zu sein – und kriechen dann ins Zelt. Ich bin gespannt, was uns morgen erwartet!

Cheviot | Christchurch

Nachdem wir alles soweit zusammengepackt haben, springen wir unter die Dusche – das Highlight des Campingplatzes. Es ist besser als Zuhause; es stehen kuschelige Handtücher zur Verfügung und der Wasserstrahl ist schön warm und breit. Ein perfekter Start in den Tag. Dann scheuchen wir die Hühner aus der Küche, bevor wir uns ein leckeres Frühstück zubereiten und uns in das Gästebuch verewigen. Wir schwingen uns auf unsere Räder und machen uns auf den Weg Richtung Christchurch. Das Wetter ist etwas bedeckt als wir mit schleichendem Tempo den Berg hochfahren. von Nebel und tiefhängenden Wolken umhüllt, wirken die Waldberge geheimnisvoll und mysteriös. Als wir den Berg hinunter brettern, schreie ich zu Marjam: „Hä Scheiße, ich glaub mein Reifen ist platt, schau mal bitte!“ Marjam hört auf zu treten, lässt sich von mir überholen und bestätigt meine Vermutung. „Ach Meno, das hat uns grad noch gefehlt. Ist doch bescheuert jetzt.“ „Hey, das ist unser erster platter Reifen, Janina, ist doch voll gut!“
Wir packen die Taschen auf den Boden und machen uns an die Arbeit. Der Schlauch sieht übel aus, ein großer Einschnitt von einer noch größeren Scherbe – wir einigen uns auf einen Schlauchwechsel, denn flicken ist zwecklos. Marjam lacht und freut sich, dass es endlich soweit ist: Wir stehen am Straßenrand und versuchen uns zu erinnern was uns Matthias und Ronny für Tips auf den Weg mitgegeben haben. An den einen oder anderen können wir uns erinnern und so sind wir dann schneller fertig als gedacht. „Ha, das fährt sich wieder wie eine Eins. Fast noch besser als davor!“ und dann geht es gut gelaunt weiter. Die folgende Strecke ist landschaftlich nicht so spektakulär. Es sind hauptsächlich Schnellstraßen auf denen wir uns fortbewegen, was eintönig und langweilig ist. Neben uns auf der Spur fährt ein Bus, der mehrmals hupt. Die Insassen, vier junge Kerle, johlen und klatschen uns respektvoll zu. So was ist doch immer wieder motivierend! Wir fahren und fahren, bis wir an einem Autobahnschild verunsichert anhalten, überlegen und erstmal eine Pause einlegen. Da wir gut in der Zeit liegen und eine Begegnung mit der Polizei vermeiden wollen, nehmen wir den Umweg in kauf. Statt Autobahn fahren wir die kleinen Nebenstraßen, die auch um einiges schöner sind. Da ist auch schon das Ortsschild Christchurch. Doch eh wir uns darüber freuen können, fahren wir inmitten vieler lauter und nervtötender Baustellen. Das Erdbeben von 2011 ist der Stadt immer noch anzusehen. Baustellenstau und der zusätzliche Berufsverkehr machen die letzten Kilometer zum reinsten Alptraum für uns. Schlecht gelaunt versuchen wir uns in die Stadtmitte durchzuschlagen. Eine gefühlte Ewigkeit später stehen wir vor der provisorischen iSite und werden von zwei Frauen angesprochen. Wir begutachten kurz die Sehenswürdigkeiten, doch auch Marjam kann sich nicht so richtig darauf einlassen und so beschließen wir die Räder zum Campingplatz zu schieben. Christchurch muss eine sportliche Stadt sein, es kommen uns wirklich viele Jogger, Radler und Inlineskater entgegen. Außerdem merken wir nach einem halben Stündchen, dass wir lieber Marjam die Navigation überlassen sollten. Ich habe uns komplett falsch navigiert. Ein kurzer Streit und dann steigen wir doch wieder auf die Räder und fahren das letzte Stück bis zum Zeltplatz. Der liegt mitten in der Stadt, ein eingezäuntes Grundstück das aussieht wie ein Parkplatz. Da es aber der Billigste in der ganzen Stadt ist, bleiben wir und suchen uns im Camperdschungel ein geeignetes Stück freien Rasen für unser Zelt. Ich schnitzte an meinem Neuseelandholz weiter und Marjam schreibt etwas am Blog. Beide haben wir noch nicht so richtig Hunger. Außerdem ist die große steril wirkende Küche sehr uneinladend. Die Cola aus dem Automat reicht erstmal aus. Kurz bevor wir ins Bett gehen wollen, bekommen wir beide dann doch etwas Hunger. Also gehen wir mit samt den Kochutensilien in die Küche. Hier tummeln sich mal wieder viele junge Deutsche. Uns ist nicht nach Smalltalk zu mute und so essen wir schweigsam unsere Nudeln bevor wir uns in unser Zelt kuscheln.

Beach Peteka | Cheviot

Wir wachen gleichzeitig auf, Janina schaut mich erwartungsvoll an: “Und?” “Mir gehts wieder blendend!”. So können wir wie gewohnt im Zweierteam alles zusammenpacken. Wir suchen uns eine Bank, frühstücken und beobachten die anderen Deutschen, die mit dem  Campervan und Rennrädern unterwegs sind. Voller Freude auf einen ganz normalen Radtag starten wir mit etwas Nieselregen Richtung Süden. Wir kommen an einem Flugplatz vorbei, auf dem rote Motorflugzeuge stehen. Ich stelle mir Neuseeland aus der Luft vor und bekommen Sehnsucht! Gutgelaunt strampeln wir in die Pedale. Es ist etwas hügelig, aber es hält sich alles im Rahmen. Wir radeln an der Küste entlang. Meine Blicke schweifen aufs Meer und ich sehe sich bewegende schwarze Schatten. Sind das etwa Delfine? Wir halten an und schauen genauer. Tatsächlich! Ein riesen großer Delfinschwarm tummelt im Wasser in der Nähe der Küste. Wir sind beide hin und weg! Die Räder werden an den Rand gestellt und wir beobachten die akrobatischen Sprünge der Schwarzdelfine. Wahnsinn, wie hoch die springen können! Sie sind viel aktiver, als gestern. Es scheint fast so, als ob sie für uns eine Choreografie eingeübt haben. Irgendwann sind sie zu weit weg und wir schwingen uns wieder auf die Räder. Immer noch völlig begeistert zur rechten Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, fahren wir motiviert weiter. Irgendwann bin ich fertig mit den Nerven und wir entscheiden in Cheviot zu bleiben. Marjam wäre zwar gerne noch weiter gefahren, aber die Zickereien hätte sie nicht länger ertragen. Wir folgen der Ausschilderung zum Campingplatz. Es erwartet uns ein kleines, wunderschönes Grundstück mit einem Wachhund, der uns schwanzwedelnd begrüßt. Die Besitzerin ist super freundlich. Wir sind die einzigen und dürfen uns den schönsten Zeltplatz aussuchen. Die gemütliche und voll eingerichtete Küche wird zum Kochen genutzt! Auf dem Herd nebenan steht ein Topf mit Tütennudelsuppe und kurze Zeit später kommt auch der dazugehörige Koch hereinspaziert. Er kommt aus Invercargill, dem südlichsten Fleck Neuseelands. “Dort wollen wir eigentlich auch hin, schaffen es aber aus Zeitgründen leider nicht mehr” sagen wir traurig. Doch er muntert uns auf  “Es ist sowieso ein hässliches Städtchen, lohnt sich nicht und es regnet nur!”. Na wenn er das sagt. Der Kiwi hat sich hier für zwei Wochen eingemietet, da er ab morgen in der nähe Probe arbeitet. Wir versuchen uns vergeblich ins Wifi einzuloggen, bevor wir uns verabschieden und uns ins Zelt verkriechen. Hier auf dem Campingplatz leben Pferde, Hühner, Pfauen, Katzen und Hunde. Wir sind uns einig: Es ist der schönste, bestausgestattete, sauberste und freundlichste Campingplatz, auf dem wir übernachtet haben. Wir essen noch ein Nutellabrot zum Nachtisch und kuscheln uns in unsere warmen Schlafsäcke. Zum einschlafen hören wir den Klavierklängen der Besitzerin zu, sie spielt Amélie!

Kaikoura  | Peteka Beach

Der Wecker summt, ich mache ihn aus – noch einmal Schlummern! Dann schlage ich im Halbschlaf vor: “Wir können doch auch noch nach dem Delfinschwimmen unsere Sachen zusammenpacken?!” Marjam antwortet irgendetwas. Es muss wohl ein Ja gewesen sein, denn sie macht keine Anstalten aufzustehen. Um fünf Uhr schaffen wir es endlich aus unseren warmen Schlafsäcken zu kriechen. Es ist wirklich eiskalt und erst der schnelle Spaziergang zum Encounter wärmt uns etwas auf. Wir leihen uns vor Ort zwei Handtücher aus, denn unsere sind noch nass gewesen. Das ganze Team wird mit Neoprenanzügen ausgestattet, bevor wir noch ein Einweisungsvideo gezeigt bekommen. Ein Bus bringt uns zum Hafen und wir steigen auf das kleine Boot um. Wir sind ca. zehn Leute und unser Guide macht einen sehr freundlichen Eindruck. Wir setzen uns ganz nach Vorne in die Kabine, es werden die Schnorchel anprobiert und einige Sicherheitsinfos erzählt. Es ist noch stockdunkel, als wir auf das offene Meer fahren. Die Sonne geht auf. Das goldene Morgenrot färbt die schneebedeckten Berge in ein zauberhaftes rosarot und das Meer glitzert im Licht. Wir haben die Plätze gewechselt und sitzen nun ganz hinten, dort wo das Boot am wenigsten schaukelt. Uns beiden ist nämlich schon etwas schlecht. Noch während des Sonnenaufganges, sehen wir den ersten Delfinenschwarm der Sonne entgegen schwimmen. Die flossen glänzen im Morgenlicht und majestätisch gleiten sie durch das Wasser – ein magischer Moment! Das Boot steuert auf den Schwarm zu und jetzt heißt es ab ins kalte Wasser! Wir ziehen unsere Masken und Flossen an und als das Hupsignal ertönt springen wir ins Meer. Das erste Mal bin ich komplett überfordert mit der Situation und wie ich aus den Augenwinkeln sehen kann Marjam auch. Wir haben noch nie davor geschnorchelt, was das Vorwärtskommen erschwert und die wasserfeste Kamera ist uns in der Bedienung auch noch neu. Die flinken, akrobatischen Tiere sind viel schneller, als man selbst und so schwimmt man ihnen eher hinterher, anstatt man mit ihnen schwimmt. Doch das Gefühl zu wissen von den Meeressäugetieren umgeben zu sein, die einst unsere Lieblingstiere waren, ist überwältigend und bewegend. Je öfter wir ins Wasser springen, desto geübter werden wir mit dem Schnorcheln. Wir kommen den Delfinen näher und auch unter Wasser sehen wir sie – neben, unter und über uns. Ich habe sogar das Glück einen zufällig zu berühren. Jeder der Taucher versucht die Aufmerksamkeit der Tiere auf sich zu lenken, wir machen Geräusche fiepen, tauchen und versuchen uns am Delfin sein – ein lustiger Haufen. Der Guide ist genauso glücklich wie wir und strahlt übers ganze Gesicht. So viele Delfine hat er schon seit seit zwei Wochen nicht mehr gesehen, erzählt er uns. Wir duschen uns warm ab und ziehen uns um. In der Kabine liegen unsere Sachen. Hier vorne schaukelt es ziemlich doll und Marjam wird nun richtig schlecht. Die frau neben uns hat schon einen Eimer im Arm und rennt raus an die frische Luft. “Janina, kannst du mir schnell einen Eimer bringen”, doch ich bin nicht schnell genug und Marjam kotzt in ihr ausgeliehenes Handtuch. Oh je. Zu Marjams Glück hat es keiner gesehen. Sie setzt sich nach draußen neben die Frau, ihren Eimer festumschlungen. Die hat mittlerweile schon eine leicht grünliche Gesichtsfarbe bekommen. Abwechselnd beugen sie sich über ihre Eimer. Der Rest der Crew genießt die Show der Dusky Delfine, die akrobatischsten Delfine der Welt. Ich mache vom Bug aus Fotos, doch mir wird auch etwas mulmig zumute und so setzet ich mich zu den beiden Seekranken. Auch hier hat man einen super Platz zum beobachten der Delfine. Nach zwei Stunden auf dem Wasser begeben wir uns wieder Richtung Festland. Das erste Mal seid unserer Ankunft in Kaikoura können wir die Berge in ihrer vollen Pracht sehen. Es ist ein wunderschöner sonniger, wenn auch windiger Tag. Nachdem wir festen Boden unter den Füßen haben, geht es uns schon etwas besser. Wir frühstücken noch eine Kleinigkeit und lassen den Ausflug Revue passieren. Es war einfach nur Wahnsinn! Wir sind richtig froh, dass wir uns das gegönnt haben! Am Campingplatz angekommen packen wir unsere Sachen zusammen. Marjam ist immer noch schlecht und sie legt sich für ein paar Minuten aufs Ohr, bevor wir unsere Räder aus Kaikoura schieben. Relativ früh fällt mir auf, dass ich mein Handy in der Küche des Zeltplatzes vergessen habe und renne noch mal zurück. Als ich zu Marjam zurückkomme, liegt diese völlig fertig auf einer Bank. Ihr ist wieder schlecht. Als sie sich erhebt, übergibt sie sich am Straßenrand. Marjams Übelkeit wird nicht besser und so beschließen wir, am Strand eine Pause zu machen, bis es ihr wieder besser geht. Derweilen genieße ich die Sonne am Strand, sammele Muscheln und schnitze. Nach einer guten Stunde fahren wir langsam los – Marjam geht es etwas besser. Wir schieben ein Stück und planen den restlichen Tag. Ein paar Kilometer von hier liegt ein Campingplatz, zu dem wir noch fahren wollen. Mehr ist mit Marjam heute nicht zu schaffen. Fasziniert beobachten wir eine Gruppe, die ihre Lamas neben sich herführen. Wir laufen nebeneinander an der Küste entlang, quatschen und genießen das herrliche Wetter, bis wir nach einer Stunde an einer schönen abgelegen Seelöwenkolonie ankommen. Von einem Campingplatz ist hier weit und breit aber keine Spur. Ein Blick auf die Karte und wir stellen fest, dass sich dieser genau in der entgegengesetzten Richtung befindet. Etwas genervt und erschöpft fahren wir dann doch noch 20km. Der Zeltplatz liegt direkt am Strand und ist wunderschön! Wir bauen unser Zelt hinter einer Düne im dunklen Sand auf. Marjam ist völlig erledigt. Nachdem sie sich hingelegt hat, schläft sie sofort ein. Ich lasse den Tag mit schnitzen und Tagebuch schreiben ausklingen. Morgen gehts uns hoffentlich wieder so richtig gut!

Pausetag | Kaikoura

Wir stehen etwas knatschig auf. Heute ist der Tag, an dem wir vielleicht unseren Kindheitstraum erfüllen – mit Delfinen schwimmen. Etwas nervös gehen wir zur iSite, um Informationen einzuholen. Laut Goffredo scheinen die Bedingungen im offenen Meer zu schwimmen und Delfine zu sehen zur Zeit nicht gut zu sein. Außerdem sei wohl alles schon ausgebucht. Wir sind gespannt. Die Dame am iSite Schalter kann uns nicht wirklich weiterhelfen. Wir gehen also direkt zum Encounter Shop, dort wo das Schwimmen mit den Säugetieren angeboten wird. Goffredo hat recht. Die Wetterbedingungen sind nicht die Besten und zur Zeit gibt es wohl Schwierigkeiten mit der Ortung der Delfine. Wir könnten es trotzdem versuchen, doch für heute und morgen sind schon alle Plätze weg. Die einzige Möglichkeit ist, dass wir uns für morgen früh um Sechs auf die Warteliste schreiben lassen. Wer weiß, vielleicht springt noch jemand ab. Wir hinterlegen also unsere neuseeländische Handynummer und gehen zurück zum Campingplatz. Sie Sachen sind schon alle zusammengepackt. Der Plan war heute weiterzufahren, doch das hat sich jetzt ja erledigt. Wir suchen uns einen schöneren und helleren Zeltplatz und waschen erstmal zwei Maschinen Wäsche. Wir schlendern in der Innenstadt herum, machen einen Strandspaziergang und essen was. Es gibt Sushi, so lecker! Als wir zurückkommen ist die Wäsche fertig. Wir hängen sie auf eine Leine, die viel zu kurz ist für den riesigen Wäscheberg. Ich rege mich mal wieder darüber auf, dass wir keine eigene Wäscheleine mitgenommen haben. “Wo willst du denn jetzt die ganze Wäsche aufhängen?”. Ein älterer Maori kommt aus einer kleinen Hütte heraus. Er lebt hier auf dem Campingplatz. Mit einem Schmunzeln auf seinen Lippen hat er die Wäscheaktion beobachtet. Er gibt uns zwei Paletten aus seinem Garten, damit wir dort den Rest der Wäsche aufhängen können. Wie lieb! Wenn es heute Nacht zu kalt wird, sollen wir nicht zögern und in die leerstehende Hütte umziehen, die direkt gegenüber von unserem Zelt steht, so der Maori Dan. Aber wir sollen es keinem sagen. Ein herzensguter Mann. Wir checken das Handy – ein Anruf in Abwesenheit. Das waren bestimmt die vom Encounter. Na toll! Die Frau hat extra betont, dass sie nur einmal anrufen und dann den Platz anderweitig vergeben. Manno. Egal, wir rufen zurück! Nach der kurzen all zu bekannten Auseinandersetzung, wer jetzt anruft, nehme ich das Telefon in die Hand und wähle die Nummer. Wir haben Glück, die zwei Plätze für morgen früh gibt es noch. Fröhlich und gutgelaunt machen wir noch eine kleine Wanderung zum nächst größeren Supermarkt. Hier hat man sogar umsonst Wifi. Das nutzen viele Backpacker und Touristen aus und so schaut jeder Zweite vertieft auf sein Smartphone statt in die Einkaufsregale. Ein lustiges Bild. Leider hat weder Janina noch ich unseren Reisepass dabei und  so müssen wir auf Wein verzichten. Wir hätten zu gerne den Cloudy Bay gekauft, auch wenn der schon etwas teuer ist. Wir gehen früh ins Zelt, denn für das morgige Abenteuer wollen wir fit und ausgeschlafen sein. Wir trinken noch ein Abendbierchen, schauen Dan beim Enten füttern zu und lauschen seinem Gitarrenspiel. Irgendwann verstummen die Klänge und er zieht die Vorhänge zu und winkt uns zu. Kurze zeit später geht seine Tür auf und er kommt zu uns gelaufen. In seiner Hand trägt er ein Tablett, auf dem zwei heiße Schokoladen und ein Teller mit belegten Crackern stehen. „Winter is coming! „An so kalten Abenden sei diese Mahlzeit eine Tradition unter den Neuseeländern, erzählt er und wünscht uns einen schönen Abend. Es schmeckt einfach köstlich! Wir klopfen an Dans kleiner Hütte, bedanken uns und bringen ihm das Geschirr zurück. Er bittet uns herein, ist aber etwas verlegen, keine Stühle anbieten zu können. Wir setzen uns auf den Boden. “Ist sowieso bequemer” sage ich mit einem Lachen, der Beginn eines netten Gespräches. Er erzählt uns von seinem Leben, von seiner deutsch-jüdischen Mutter, die nach Neuseeland ausgewandert ist. Von seinem Sohn, der in England lebt und von seiner persönlichen Haltung zu der aktuellen Situation in Neuseeland. 2015 möchte er nach Europa zur Rugby Weltmeisterschaft. Zum Schluss stellt sich heraus, dass Dan sogar deutsch spricht und das wirklich gut! Wir hinterlassen ihm unsere Adressen und er verabschiedet uns mit den Worten “Be careful tomorrow! The sea is bloody cold at this time.” Wir huschen in unser Zelt und beim Einschlafen murmelt Janina noch vor sich hin: “Be who you are and say how you feel, because those who mind, don’t matter and those who matter don’t mind.” Es ist ein Spruch, den sie an Dans Wand hängen gesehen hat und der ihr nicht mehr aus dem Kopf geht.

Blenheim | Kaikoura

Heute starten wir früh in den Tag. Beim Frühstück lauschen wir den Alltagsproblemen eines Backpackers. Wir nutzen den Computer in der Küche für eine Überweisung, um unsere Geldprobleme zu lösen. Punkt halb neun sitzen wir auf unseren Rädern. Es soll wohl eine flache Strecke vor uns liegen. Das motiviert und wir fahren an wunderschönen Weinplantagen entlang. Das Wetter wird immer bewölkter, passend zu der Plantage namens “Cloudy Bay”. Auch die Strecke wird hügeliger und vor uns liegt mal wieder ein Berg “Von wegen flach, wo haste das denn gelesen, Janina?” “Man keine Ahnung. Im Internet stand, dass die Route an einem Tag machbar ist, aber von flach war nie die Rede. Das hast du dir dazu gedichtet.” “Na toll ey!”. Für eine längere Unterhaltung reicht unser Atem nicht, wir nehmen Schwung und fangen an zu strampeln. Vor uns sehen wir einen anderen Radfahrer. Scheint wohl ein Rennradler zu sein. Er hält an, um sich seine Jacke auszuziehen. Wir fahren an ihm vorbei. Er winkt uns zu, als ob er uns schon ewig kennen würde und schreit irgendwas von “Ciau Belllaa…”. Beiläufig zückt er sein Handy und schießt noch schnell ein Foto von uns. Wir lachen, was für ein lustiger Vogel. Genau wie wir es erwartet haben, werde ich – die fluchend und japsend einige Meter hinter Marjam radelt – vom Italiener eingeholt. Ein älterer braungebrannter und gutgebauter Typ, den wir auf Anfang 50 schätzen. Er wird langsamer und fährt ein Stück neben Janina her. Es ist Goffredo, der sofort ein Gespräch beginnt. Das verläuft durch die Auffahrt sehr eintönig. Ich habe mit der Atmung zu kämpfen und antwortet so kurz wie möglich. Er verabschiedet sich und fährt scheinbar mühelos und gut gelaunt den Berg hinauf. Bei Marjam angekommen wird er wieder langsamer und auch mit ihr hält er ein Pläuschchen. Seine gute Laune, seine positive Art und seine Liebe zu den Bergen stecken uns an. Wir sind motiviert und quälen uns das letzte Stück den Berg hinauf. Schnell die Windjacke anziehen und dann genießen wir die lange Abfahrt. “Lustiger Typ, wa?” “Ja total süß, er hat gesagt ihr habt euch schon auf einem Campingplatz verabredet?” “Hä nee, nicht das ich wüsste. Er meinte nur was von Kaikoura und Seelöwen und dass es irgendwo einen schönen Campingplatz in der Nähe geben soll.” “Mhh ach so. Naja vielleicht sehen wir ihn ja noch mal in Kaikoura. Da fährt er heute ja auch hin.” Es geht zwar hügelig weiter, aber landschaftlich ist es wieder eine komplett neue und beeindruckende Strecke. Wir fahren an einem kleinen Café vorbei, wo das Fahrrad des Italieners steht. Der gönnt sich wohl gerade einen Kaffee. Kurze Zeit später legen auch wir eine Pause ein, dehnen uns und essen Müsliriegel. Gleichzeitig halten wir Ausschau nach Goffredo. Tatsächlich fährt er an uns vorbei und diesmal sind wir es die winken. Als er uns sieht, kommt er zu uns. Er freut sich und erzählt, dass er gerade auch zwei Mädels getroffen hat, bis er Inne hält und ungläubig fragt: “Janinaaa? Ahhh du Janniina. Aber wie das möglich? Ihr mich überholt. Das verrückt ist.” Er hat uns sofort in sein Herz geschlossen und trotz unserer nicht vorhandenen Italienisch- und seinen wenigen Englischkenntnissen verstehen wir uns super. Die Fahrräder werden gegenseitig ausgecheckt. Wir lachen, als wir das leichtbepackte Titanrad von Goffredo neben meinem schwerbepacktem Reiserad stehen sehen. Marjam ist hin und weg von dem Rad: “Das nenn ich mal ein sexy Fahrrad! Hamma!”. Goffredo strotzt nur so vor Stolz “Ja, der Porsche unter den Rädern, das gönnt man sich im Alter!”. Bevor er weiterfährt, gibt er uns seine Nummer und seine Adresse. Wir sollen uns den heutigen Abend für ihn freihalten. Er will mit uns zusammen Essen gehen – wir freuen uns schon darauf! Bevor er sich endgültig verabschiedet, schenkt er uns noch zwei Schokoriegel. Perfekt um mit neuer Energie weiter Richtung Kaikoura zu fahren. Die Landschaft ist mal wieder traumhaft schön: Durch die grüne Hügellandschaft schlängelt sich die Eisenbahnlinie und nachdem wir einen Hügel nachdem anderen erklimmt haben, bietet sich uns ein Wahnsinns Anblick: Das türkis blaue wilde Meer. Es ist ein unglaubliches Gefühl den langen Berg runterzurollen und dem Meer immer näher zu kommen. Hier erwartet uns eine unglaubliche Atmosphäre: Das Rauschen des tobenden Meeres, die in Wassernebel eingehüllten Eisenbahnschienen und die sich auftürmenden Berge rechts von uns tragen dazu bei. “Wann machen wir Pause?” “Irgendwann demnächst. Nur noch 10km, dann haben wir die 100km erreicht. Das schaffen wir doch noch!” “Mmhh ich hab halt schon etwas Hunger” “Ach komm das hältst du schon aus” sage ich zu Marjam und checke leider den Ernst der Lage nicht. Marjam – vom Hunger getrieben – flippt komplett aus. “Was ist denn das für ne Kacke, warum müssen wir denn jetzt noch die 100km vor der Pause machen. Das ist doch nur so ne bescheuerte Zahl. Echt mal, und du sagst mir ich bin zahlenfixiert. Ich hab mega Hunger und ich kann einfach nicht mehr, Janina.”. Selbst die Aussage “Ist ja gut, wir suchen ja jetzt einen Pausenort” scheint sie nicht zu beruhigen, so dass wir notgezwungen auf einem Hügel am Straßenrand unsere Sachen auspacken und essen. Marjam meckert noch ne Weile vor sich hin, bis die Laune schlagartig besser wird und wir ohne Zickereien den Weg fortsetzen können. Ein weiteres Naturspektakel bietet sich uns wenige Kilometer weiter: Hunderte Seelöwen tummeln sich am Steinstrand. Wir kommen ihnen ganz nah. Einer liegt sogar im Gras neben der Straße und post richtig für die Kamera. Als wir die 100km auf dem Tacho stehen sehen, erscheint vor uns tatsächlich der perfekter Pausenort – eine Bank direkt mit Meerblick. Marjam darf sich noch ein “Hab ich doch gesagt”-Kommentar von mir anhören und weiter gehts. Die letzten Kilometer ziehen sich in die Länge und nun bin ich es, die einen Durchhänger hat. Die Muskeln sind erschöpft und selbst die atemberaubende Landschaft kann das nicht mehr ausgleichen. Wir halten an einer Bucht kurz vor Kaikoura und beobachten die Surfer, die in das wilde Meer hinaus paddeln – ein magischer Moment, der sich in meine Erinnerung festsetzt. Am frühen Abend haben wir es endlich geschafft. Wir kommen völlig müde und erschöpft in dem kleinen Touristenort Kaikoura an. Hier wird mit Whale Watching, Dolphin Swimming und anderen Touristenattraktionen Geld gemacht. Wir suchen den billigsten Zeltplatz auf und gönnen uns eine Dusche. Gerade als wir Goffredo auf morgen vertrösten wollen, kommt er mit seinem schicken Titanrad auf unseren Zeltplatz gefahren. Wir sind total perplex. Er ist tatsächlich jeden Campingplatz abgefahren, um uns zu finden. Dass ihm unser “Date” so wichtig ist, haben wir doch unterschätzt. Wir machen uns mit ihm auf ins Zentrum, essen leckeren Fisch und trinken einen von Goffredos Lieblingsweinen. Der beste neuseeländische Wein ist laut dem Weinliebhaber der “Cloudy Bay”, den müssen wir unbedingt mal kosten. Wir erinnern uns, dass wir an dem Gebiet vorbei geradelt sind und nehmen uns vor den auf jeden Fall noch zu probieren. Es ist ein wirklich schöner Abend und wir lauschen den Abendteuern des 63 Jährigen: Er hat bereits viele Länder mit seinem Fahrrad bereist, hat aber noch längst nicht genug. Südamerika und Afrika stehen als nächstes auf seiner Liste. Er ist leichtbepackt und schnell unterwegs und so kann es schonmal vorkommen, dass er über 200km am Tag fährt – für uns unvorstellbar auf so einer Tour! Neuseeland ist sein absolutes Lieblingsland, er ist schon das zweite Mal hier. Auch vom Iran ist er völlig begeistert. Die Iraner seien die gastfreundschaftlichsten Menschen, die er kennt. Wir müssen dort unbedingt mal hinreisen. Als er erfährt, dass wir halb Iranerinnen sind, ist er noch euphorischer! Seine Euphorie drückt er mit den Worten “incredible” und “beautiful” aus, die er in fast jedem zweiten Satz verwendet. Je später es wird, desto müder werden wir Drei und nach einem leckeren Desert bedanken wir uns ganz Herzlich für die Einladung und den wunderschönen Abend. Goffredo wird morgen wohl wieder abfahren. Aber wir hoffen alle drei, dass wir uns noch mal wiedersehen. Goffredo fährt eine ähnliche Route wie wir. Er ist zwar um einiges schneller, aber er beradelt die Pässe Neuseelands und so stehen die Chancen nicht schlecht ihn vielleicht noch mal zu treffen.

Saint Arnaud  | Blenheim

Ich verbreite schlechte Laune am Morgen. Ich weiß selber nicht genau warum, es könnte aber durchaus was mit der Routenabweichung zutun haben. Also packen wir stillschweigend unsere Sachen zusammen. Wir wollen frühstücken, doch es kommt kein Wasser aus dem Wasserhahn. Das sei wohl schon seid Gestern so – ein Rohrbruch ist die Ursache! Also benutzen wir die letzten Wasserreserven aus dem Kanister, um das all zu bekannte Frühstück vorzubereiten – Weet-Bix mit Milch. Wir kommen mit drei deutschen Jungs ins Gespräch. Die sind gerade mit dem Abi fertig, waren hier in der Gegend wandern und nach den 3 Wochen Neuseeland fliegen sie auf die Fijis. Nach dem Motto: Das ist ja ein Muss, denn so nah und günstig ist man den Fijis nie wieder. Wir überlegen scherzhaft, ob das nicht auch für uns eine Option wäre, eh wir uns auf den Weg zur Info machen, um dort zähne zu Putzen. Meine schlechte Laune ist wie weggeblasen. Der Kanister wird noch aufgefüllt, wir halten einen kurzen Plausch mit zwei Freiburgern, die unsere Räder bewundern. Dann machen wir uns mit Hupkonzert auf den Weg Richtung Blenheim. Es ist ein komisches Gefühl wieder in die Richtung zu fahren, von der man eigentlich gerade her kommt, doch die beeindruckende Landschaft und die flache Strecke zerstreuen meine Zweifel schnell wieder. Die Rainbow Berge neben uns, ein riesiges Flussbett auf der anderen Seite und diese Weite – unfassbar! Heute ist es endlich soweit, noch einen Kilometer, bis die Kilometerzahl auf der Tachoanzeige von 999 auf 1000 umspringt. Und da – 1000 Kilometer! Juhu! Das steigt die Motivation und es ist ein tolles Gefühl so viele Kilometer aus eigener Kraft gefahren zu sein. Durch die flache Strecke kullern die Kilometer heute und es macht richtig Spaß endlich mal wieder etwas schneller unterwegs zu sein. Nach 60km mitten am Straßenrand machen wir eine Pause. Die Lkws rauschen an uns vorbei, während wir unser labriges Käsetoastbrot essen. Als wir weiter fahren, haben wir wieder Gegenwind, der uns etwas abbremst und Janina fluchen und regelrecht ausrasten lässt. So übernehme ich das Vorfahren. 10Km vor Blenheim lassen der viele Verkehr, der starke Gegenwind und die industrielle Umgebung auch mich verzweifeln und wir kommen völlig erschöpft in Blenheim an. Dort werden noch schnell Brot und Sandflyspray eingekauft und die Räder aufgepumpt. Zu allem Überfluss merken wir, dass wir wieder nicht genügend Bargeld für den Campingplatz haben. Das Abheben von der Visacard geht komischerweise auch nicht mehr und der Backpacker Campingplatz ist ebenfalls überfüllt. Zitternd gehen wir zum teuren Holidaypark und hoffen, dass die Karte geht. Und siehe da, die Karte wird angenommen und wir ergattern uns ein wunderschönen Schlafplatz am Fluss. Heute gibt es Tortellini. Die Tortellinis werden abgezählt und gerecht aufgeteilt. Wir haben beide keine Lust und keine Kraft auf eine Diskussion. Essen ist bei uns immer ein großer Streitpunkt – immer hat der andere mehr auf dem Teller. Wir kriechen ins Zelt. Ich rufe noch mal die Hypovereinsbank wegen meines gesperrten Kontos an. Glücklicherweise konnte es ohne Probleme freigeschaltet werden. Zufrieden und müde lassen wir uns auf unsere Isomatten fallen und schlafen schnell tief und fest ein.

Takawera | St. Arnaud

Im Halbschlaf schalte ich den klingenden Wecker aus. Wir verschlafen und entscheiden uns den Tag gemütlich starten zu lassen. Wir quatschen mit unserem dänischen Zeltplatznachbarn, der ziemlich beeindruckt von unserer Tour ist. Er schenkt uns zwei Bananen, genau das richtige für Radler! Wir kaufen in dem kleinen Tante Emma laden noch das Nötigste ein und machen uns dann auf den Weg nach St. Arnaud. Marjam strotzt nur so vor guter Laune. Nach kurzer Zeit müssen wir kräftiger in die Pedalen treten, mal wieder einen Berg bezwingen. Zum Glück eine mäßige Steigung. Marjam fährt mal wieder vor. Doch das letzten steile Stück muss auch sie schieben. Marjam ist außer Sichtweite und ein Auto hält. Der Fahrer fragt, ob alles ok sei oder ob ich Hilfe bräuchten. Dankend schütte ich den Kopf. Marjam steht an der Ecke und wartet auf mich. Kurze Zeit später hupt ein Großraumauto und eine Frau schreit aus dem Fenster ”I’ve seen you before, girls” und weg war sie. Wir schauen uns verdattert an und schieben weiter. Oben auf dem Berg angekommen steht ein Rennradler, der sich ausgiebig dehnt. Wir starten ein kurzes Gespräch. Er gehört zu einer neuseeländischen Rennradgruppe, die gemeinsam zwei Wochen durch den Süden Neuseelands fahren. Das hupende Auto gehört ebenfalls zu ihnen. Es transportiert das Gepäck und hält immer wieder mal an, um zu schauen, ob die Truppe noch vollständig ist. Wir verabschieden uns und rollen den Berg runter. Ach wie ist das toll! Das erste Mal können wir die schneebedeckten Südberge sehen. Richtung bergabwärts rasen wir an einem Radtourenpärchen vorbei, die in der Sonne Kraft tanken für die nächste Bergetappe. Es geht hügelig weiter. Das hupende Auto überholt uns noch einige Male. Als wir es sind, die das Großraumauto einholen, nutzen wir die Gelegenheit und  sprechen die Fahrerin an. Sie erzählt uns, dass sie uns seit Picton immer wieder gesehen hat. Wir fahren wohl eine ähnliche Route. Wir erinnern uns an die Rennradtruppe die uns bereits auf der Queens Charlotte Street grüßend überholt hatte. Das war also die gleiche Truppe. So klein ist Neuseeland. Ein Feierabendbier haben wir uns heute auf jeden Fall verdient, sagt sie lachend und wir verabschieden uns. Nach der weiteren bergauf-bergab, bergauf-bergab Tortur, werden wir von der gesamten Rennradtruppe überholt. Sie wünschen uns noch viel Erfolg und fahren lässig an uns den Berg hinauf. Aus den Augenwinkeln sehen Marjam und ich die riesigen wunderschönen Berge und fahren bald darauf in St. Arnaud ein. Ein blauer See schimmert einladend hinter den Straßen und Büschen. Dort angekommen können wir seine Schönheit kaum fassen: Der perfekte Pausenort! Wir breiten uns aus, schauen den Rennradlern beim Schwimmen zu und versuchen die Hummeln und die Sandflies zu verscheuchen. Der DOC-Campingplatz direkt nebenan ist unsere Bleibe. Mal wieder haben wir nicht genügend Bargeld mit dabei und so flitzen wir in letzter Minute zu der Tankstelle und heben Geld ab. Die ehrenamtlichen Campingplatzguides – zwei Schwestern in ihren Sechzigern – begrüßen uns „Wieder zwei Deutsche! Deutschland muss ja ganz leer sein, ihr seid ja alle hier”. Wir hüpfen in den klaren kalten See und lassen die Abendstimmung auf uns wirken. Doch lange dauert das nicht an, denn Marjam rastet plötzlich aus. Wir sind jeder eingehüllt von einer Wolke aus Sandflies. Unsere Merinowolle mögen sie anscheinend besonders. Marjam fuchtelt wild um sich, bis wir uns entscheiden ins Zelt zu gehen. Unser Versuch schneller im Zelt zu sein als die Sandflies scheitert kläglich. Mit Feuchttüchern töten wir die meisten und planen in Ruhe unsere weitrige Route. West- oder Ostküste, das ist jetzt die Frage. Für die Westküste ist heftiger Gegenwind angekündigt und das in Kombi mit den Bergen könnte hart werden. Wir entscheiden uns also gen Osten weiterzufahren. So richtig glücklich ist Marjam nicht. Sie hatte die Route in Berlin geplant und obwohl sie haargenau weiß, dass die geplante Südroute viel zu lang ist für die verbleibende Zeit, kann sie nicht so richtig von ihr loslassen. Aber die Entscheidung ist gefallen: unser nächstes Ziel heißt Blenheim.

 

Marahau | Takawera

Duschen, frühstücken, Zelt abbauen, Räder bepacken – Mittlerweile geht alles viel schneller und es sieht gekonnt aus. Die SMS von dem Schweizer Philipp, die Gegenwind für unsere geplante Route ankündigt, löst Demotivation aus. Die Laune ist eher drückend – keiner von uns beiden will diesen traumhaften und wundervollen Ort verlassen. Zudem ist Marjam etwas schlecht und ich habe den Berg von der Hinfahrt im Kopf. Über diesen müssen wir wieder notgezwungen fahren, um nach Süden zu gelangen. So genießen wir noch ein letztes Mal den Anblick des spiegelglatten Meeres und der Berge am Horizont. Ich werfe einen letzten sehnsüchtigen Blick auf den goldenen Strand, wo der Kajakbetrieb schon voll im Gange ist. Heute fahren wir ganz ohne Tagesziel, erstmal einfach losfahren. Doch schon bald steige ich genervt ab und schiebe. ”Janina sollen wir das Rad tauschen? Vielleicht ist das angenehmer für dich und ist mal eine Abwechslung?” Angepisst antworte ich “Neeeeeiiiiinnn ist schon ok…”. Nach der gefühlten zwanzigsten Nachfrage von marjam, springe ich dann endlich über meinen Schatten: ”Ja gut, wenn du meinst, vielleicht ist ein Tausch ja doch ganz gut.” “Hab ich doch gesagt. Warum kannst du das denn nicht früher sagen. Das raubt doch nur unnötig Energie…” Natürlich bin ich nach dem Rädertausch sofort besser gelaunt, genau wie Marjam vorhergesagt hat. Wie gut, dass die Schwester einen manchmal besser kennt, als man sich selbst. Am Berg angekommen werden die Fahrräder wieder getauscht und wir genießen die Abfahrt, bevor es dann am Fluss entlang Richtung Süden geht. Die Straße ist traumhaft – endlich mal keine großen Hügel. Wäre da nicht der bereits angekündigte Gegenwind, der uns bremst. Wir kommen nur schleichend und mit viel Anstrengung voran. Es wird eine lange Pause am Motueka River eingelegt, der Hunger gestillt und ein Power Napping auf den Steinen am Fluß gemacht. Frisch gestärkt treten wir mit voller Kraft weiter in die Pedalen und schwups die wups haben wir endlich 50km auf dem Tacho stehen. “Oh man, heut kommen wir ja gar nicht voran! So ne kacke! Hätten die Pause mal doch später machen sollen.” Marjams leicht gereizte Stimmung lässt mich vorfahren. Die Landschaft verändert sich zunehmend. Bergzüge begleiten uns und der Fluss bleibt uns ebenfalls treu. Am Straßenrand finden wir einen super Platz fürs wild campen. Nach langem hin und her überlegen und anfänglicher Entscheidungsschwierigkeiten, einigen wir uns auf weiterfahren. Es ist noch Nachmittags und wir beide haben noch Lust weiter zu pedallieren. Als wir in Takawera einfahren benötigt es nur einen wortlosen Blickkontakt und die Entscheidung ist gefallen: Hier bleiben wir! Tiefblaue Berge, auf der Wiese die grasenden Schafe und das rauschen des Flusses im Hintergrund. Der Campingplatz macht einen familiären und niedlichen Eindruck und wir bauen unser Zelt auf. Heute gibt es Bier. Zwei Flaschen sind von dem gestrigen Abend übrig geblieben. Wir nehmen die die warmen Biere mit zum Fluss, stellen sie dort kalt und setzen uns auf die von der Sonne aufgewärmten Steine. Einen besseren Feierabend kann man sich doch gar nicht wünschen. Die gemütliche Küche nutzen wir um Knoblauchnudeln zuzubereiten. Bei einer Gemeinschaftsküche vielleicht nicht die allerbeste Idee. Ein Engländer kommt rein ”Wow, that smells like garlic…but it is good, it`s healthy”. Wir lachen verlegen. Aber die Nudeln schmecken köstlich und wieder sind wir uns einig; nichts geht über Knoblauch. Noch schnell die Zähne putzen und dann kriechen wir ins Zelt.

Marahau | Kajaktour

Wir packen den Rucksack, frühstücken und machen uns auf den Weg zum Abel Tasman Kajaking – denn heute gehts das erste mal für uns aufs Kajak. Dort lernen wir unseren Guide Darryl kennen – strohblonde Haare, knacke braun und mit Gesichtsbemalung aus Sonnencreme strahlt er uns an. Nach den ersten Worten wissen wir beide: Das wird ein Spaß heute. Der Mitte fünfzig Jährige versichert uns, das Kajaken längst nicht so gefährlich wie Fahrradfahren in Neuseeland sei. Er hält die Truckfahrer für eine tickende Zeitbombe. Wir sehen den Porschen unter den Kajaks; ein aus Hand angefertigtes Holzkajak! So ein sexy Kajak hat selbst der Kenner Darryl noch nie gesehen. Er ist tief beeindruckt! Zwei Schweizer, Anja und Michael , stoßen noch zu uns. Nun ist unsere Gruppe vollständig und wir fangen mit Trockenübungen an. Zu Darryls Freude sind wie alle vier “Virgins” auf dem Gebiet des Kajakfahrens und so erklärt er uns hochmotiviert die Paddeltechnik. Während wir in der Sonne auf das Wassertaxi warten, erzählt uns Darryl etwas über die neuseeländische Pflanze, die direkt neben uns steht: der Flachs (Harakeke). Er wurde von den Maoris u.a. zur Fasergewinnung für Körbe, Schuhe und Hüte verwendet. Ein Hupen bringt uns wieder in die Realität zurück. Das Wassertaxi ist abfahrbereit. Die Vorfreude und die Aufregung steigt. Wir werden mit Traktoren in das Meer reingezogen. Dann düsen wir über das blaue, klare Salzwasser. Der Wind weht durch unsere Haare, links von uns tauchen goldene Sandstrände auf und am Horizont schimmern die Berge. Traumhaft! Am Bark Bay warten die Kajaks schon auf uns. Nach einer kleinen Diskussion ist die Sitzordnung dann auch festgelegt: Ich und Michael sind die Lenkmeister und Anja und Janina sitzen vorne. Wir wollen starten, doch Darryl stellt mit Schrecken fest, dass er das erste Mal in seinen 25 Jahren als Guide die Spritzdecken vergessen hat. Aufgrund dessen und wegen des starken Gegenwindes entscheidet sich unser Kajakmeister für Freestyle. So starten wir am goldenen Strand Bark Bay und paddeln von dort in paradiesische kleine Lagunen. Das Wasser ist türkis blau. Wir paddeln an Wasserfällen vorbei. Dort wo sie im Meer münden, erkennt man unterschiedliche Schichten. Das Süßwasser schwimmt wie eine Ölschicht auf dem Salzwassser – tolles Bild. Besondere Lagunen Bewohner sind die Blue Eyed Shags. Sie sind nach ihren türkis blauen Augen benannt. Darryl nennt sie auch “fliegende Pinguine”. Ganz langsam und vorsichtig gleiten wir an dem Baum entlang, wo mindestens zehn solcher Vögel beisammen sitzen. Wahnsinn, diese Augen. Ich zücke meine Kamera und versuche einen der Vögel abzulichten.

Die anfänglichen Lenkprobleme bekomme ich schnell in den Griff und Sätze wie: “Ahhh Marjam LENKEN! Links! Links! Links, nee das andere Links. Oh oh das war zu weit…was machst du denn??!!!!” ”Huch, also wenn ich nach rechts zieh dann fahren wir auch nach rechts oder wie, hää? Oh man ey Janina, dann lenk du halt!” werden weniger. Auch das Schweizer Team hat am Anfang so seine Schwierigkeiten mit dem lenken. Auf dem Weg zurück aufs offene Meer sind sie plötzlich nicht mehr hinter uns. Darryl und wir warten, warten und warten. Darryl scherzt: ” It was maybe not a good idea to bring team swiss in one boat.” Tatsächlich musste er einmal ein Pärchen in unterschiedliche Boote setzen, weil sie ununterbrochen gestritten haben. Anja und Michael haben sich aber nur im Schilf verfangen und so kann es weiter gehen. Darryl erzählt uns von seinen vielen Abenteuern auf dem Meer – das er mit Orcas gepaddelt ist, ist nur eines davon. So verfliegt die erste Hälfte des Tages. Die Spritzdecken werden noch abgeholt, und dann sind wir schon am traumhaften Mosquito Bay. Trotz des Namens keine Mücken und sehr idyllisch. Darryl richtet uns ein super leckeres essen an. Es gibt Süsskartoffel Wraps mit Salat und Fleisch und Brownies zum Nachtisch. Wir ziehen uns warme Pullis an, es ist doch etwas kühl. Michael und Anja bekommen orangene und wir beide schwarze. “Ok then, Team Black and Team Orange, are you ready to go?!” Muntert uns Darryl zur weiterfahrt auf. Jetzt müssen wir kämpfen und unsere Mukkis benutzen, sagt er. Das offene Meer sei durchaus schwieriger zu bepaddeln. Und tatsächlich: Bei dem Profi sieht es zwar einfach aus – er macht viele Pausen – aber wir vier sind die ganze Zeit angestrengt am Paddeln. Wir fahren in Richtung der Seehund Insel Tonga Island. Der Ausflug wird noch perfekter, als neben uns im Wasser eine kleine Robbe rumtollt. Wir sehen den Pelzrobben mit ihren Jungen beim Faulenzen zu und haben dabei die besten Plätze. Dabei werden natürlich auch fleißig Fotos gemacht. Ich habe jedes Mal etwas Schiss, wenn ich die Spiegelreflexkamera raushole. Gestern ist wohl eine ins Wasser gefallen. Wir reden nicht viel aber es geht uns richtig gut! Wir haben beide ein Lächeln auf den Lippen und genießen es von einer solch überwältigenden Natur umgeben zu sein. Die Little Pinguins – die kleinsten Pinguine der Welt – zeigen sich uns leider nicht mehr. Und so paddeln wir über glücklich in Richtung Onetahuti Bay. Hier ist das Ende unsere Paddeltour. Wir haben noch ein bisschen Zeit bis das Wassertaxi uns abholt. 13km Paddeln liegen hinter uns und das lassen wir mit einem Strandspaziergang ausklingen. Die Boote werden auf das Wassertaxi getürmt und ausbalanciert. Es ist eng, wir quetschen uns in die letzte Reihe und genießen den Fahrtwind. Der Wind wird stärker, die Wellen klatschen an das Boot und spritzen uns nass. Aber es ist uns egal. Wir freuen uns und lehnen den Platztausch mit einem Wassertaxi-Boy fröhlich ab. Darryl ruft von vorne ”Yeah man! These are my tough Twins, you rock it!”. Wir lachen. In Marahau angekommen verabschieden wir uns von Darryl. Er hat mit dem Job seinen Traum verwirklicht und strotzt nur so vor Lebensfreude – ein Wahnsinns Kerl. Mit den Schweizern verabreden wir uns noch auf ein Bierchen. Nach einem kurzen Abendschmaus und einer Banküberweisung besuchen wir Michael und Anja bei ihrem Wohnmobil. Wir sitzen draußen, trinken neuseeländisches Bier, essen Chips und quatschen über Gott und die Welt. So lassen wir den perfekten Tag ausklingen. Es ist ein tolles Gespräch und wir sind froh, dass wir den beiden begegnet sind!

Nelson | Motueka | Marahau

Wie jeden Morgen schauen wir uns verschlafen an, bevor wir uns wortlos erheben, den Schlafsack in die Hülle knautschen, die Luft aus der Isomatte lassen, sie einrollen und auch die in die Hülle pressen. Wir ziehen uns an. Das Innenzelt wird ausgehängt und die Taschen nach draußen gestellt. Das nasse Zelt legen wir zum trocknen in die Sonne, bevor wir frühstücken. Heute gibt es das zweite mal Müsli. aber so richtig begeistert sind wir davon beide nicht. Das nächste mal holen wir wieder unsere heißbegehrten Weet-Bix. Wir versuchen das erste Mal unser Glück bei der Warmshower Community (Couchsurfing für Radreisende) und schreiben Chris, die in Marahau wohnt. Wir haben vor dort zu Kayaken. Die Abel Tasman Region ist bekannt für ihre paradiesischen Strände! Gegen Mittag verlassen wir Nelson. Ein Stück geht es auf dem Radweg entlang. Neben uns ist direkt das Meer, wir beobachten Vögelschwärme und einen Adler, der sich hoch über dem Meer vom Wind gleiten lässt. Am Horizont sind schwarze Wolken. Es wird heute also ein regnerischer Fahrradtag, denke ich mir. Und da fängt es auch schon an zu nieseln. Der Radweg endet und wir fahren auf die voll befahrene Straße. Ich bin genervt. Ein Auto hält am Straßenrand und ein Mann steigt aus. Er winkt uns zu. Er hat angehalten, um uns den Fahrradweg zu zeigen. Wie nett! Wir bedanken uns. Kurze Zeit später halten wir erneut an: die Regensachen werden raus gekramt! Es dauert eine Weile, bis wir sie in unseren Taschen gefunden haben. Marjams Regenbrille ist allerdings nicht aufzufinden. Die hat sie vor einigen Tagen beim Pausenplatz auf der Wanganui River Road vergessen, wie sich rausstellt. Aber die Sonnenbrille tuts auch. Es schüttet. Aber mir macht es Spaß im Regen zu fahren. Wir fahren an dem älteren Ehepaar von vorhin vorbei, die sich untergestellt haben und den gröbsten Regenschauer abwarten. Der deutsche Radreisende von gestern  steht ein paar Meter weiter und tut es dem Ehepaar gleich. Ich erzähle Marjam, dass da der Typ von gestern war. Die hat ihn gar nicht gesehen. Sie schaut hochkonzentriert auf den Weg. Vielleicht ist die Sonnenbrille doch etwas zu dunkel, denke ich mir schmunzelnd. Als uns der Fahrradweg wieder auf sie Straße führt, ist der Regen deutlich weniger geworden. Kurz vor Motueka fahren wir am Meer entlang. wir haben starken Seitenwind. So stark, dass ich fast auf die Fahrbahn geweht werde. Ich lenke mit aller Kraft dagegen, dann steige ich sicherheitshalber ab. Wir kaufen noch ein Brot und dann gehts ins Zentrum zur iSite. Zu unserem Glück scheint dort die Sonne, so dass wir uns draußen eine Bank suchen und erstmal was essen. Wir buchen die Kayak Tagestour für morgen und sind beide schon ganz aufgeregt. Darauf freuen wir uns beide schon die ganze Zeit! Nach Marahau sind es noch 15Km und uns erwartet mal wieder ein Berg. Die Km von gestern sitzen uns noch in den Knochen. Ich kann nicht mehr und halte an. Marjam schafft es nicht mehr mich zu überholen und muss ebenfalls anhalten. Das löst unsere allzu bekannte Streiterei aus: Marjam ist genervt, weil sie das schieben überhaupt nicht mag. Ich beschwere mich mal wieder über meine hohe Gangschaltung. “Dann fahr halt wieder Marjam. Dann treffen wir uns oben. Du bist ja richtig genervt.” “Ja jetzt komm ich auch nicht mehr aufs Rad. Man ey, hätten wir mal diesen blöden Shuttle genommen und in Motueka übernachtet.” „Du wolltest mit dem Rad fahren! Ich hab dich extra gefragt.” “Ich? Oh komm Janina, jetzt schieb das nicht auf mich..”
Beide genervt vom anderen schieben wir mit einigen Metern Abstand zwischen uns die Räder den Berg hoch. Als wir oben angekommen sind, ist so gut wie alles vergessen. Die Abfahrt kann ich diesmal aber nicht so wie sonst genießen. Der Gedanke, dass wir das alles wieder zurück fahren müssen, schwirrt mir die ganze Zeit im Kopf herum. In Marahau angekommen ist dann auch das vergessen: Die Sonne geht gerade unter, es ist Ebbe, die Schiffe liegen auf dem Sand und die Sonne spiegelt sich im Wasser. Eine unglaublich tolle Atmosphäre. Ich bin froh mit dem Rad gefahren zu sein und hier übernachten zu können. Für mich sind die Malborough Sounds untopbar gewesen, aber so langsam glaube ich, dass die Südinsel noch einiges Untopbares für mich bereithält, wie hier in Marahau!

Der Campingplatz ist zwar voll, aber trotzdem ganz nett. Er liegt ein paar Meter vom Strand entfernt und auch die Kayakstation ist per Fuß zu erreichen. Morgen müssen wir fit sein fürs Kayaking, also ab mit uns ins Bett.

Picton | Havelock | Nelson

Die Fähre schauckelt über die Wellen Richtung Süden. Mir ist etwas mulmig zu mute, hoffentlich muss ich mich nicht wieder übergeben. Aber richtig seekrank werde ich zum Glück nicht! Um 5.30h ist Land in Sicht. Noch ziemlich müde warten wir darauf die Fähre verlassen zu dürfen. An unseren rädern lehnen zwei Tourenräder. Sie gehören einem jungen Paar, dass wir gestern Abend schon kurz gesehen haben. Es sind Allen aus Irland und Jasmin aus Deutschland. Noch ist es dunkel, aber die Bäuche knurren. Zu viert suchen wir einen Frühstücksplatz. Direkt am Hafen und mit Blick auf die Malborough Sounds, die sich in der Dämmerung immer deutlicher vom Horizont abgrenzen, genießen wir das Müsli und den Kaffee, den Allen uns gekocht hat, beobachten den Sonnenaufgang und quatschen. Was für ein wunderbarer erster Morgen auf der Südinsel! Ich weiß jetzt schon, ich werde die Südinsel lieben! Dieser Blick vom Hafen auf die ankernden Schiffe, die vergoldeten Bergen und die morgendliche ruhige Atmosphäre haut mich um! Um Punkt Acht verabschieden wir uns von den Beiden. Sie bleiben hier und versuchen Arbeit zu finden. Ursprünglich sind sie als Backpacker nach Neuseeland gekommen und sind dann aufs Rad umgestiegen. Wie bei uns ist es ihre erste Radtour und sie lieben es! Es ist schön mal wieder so früh auf dem Rad zu sitzen. Auf der Queens Charlotte Road geht es Richtung Nelson. Der erste Berg ist geschafft und die Aussicht einfach atemberaubend. Das Morgenlicht vergoldet das Meer und die Malborough Sounds. Hier könnte ich ewign sitzen. Wie gerne hätte ich nun Stift und Zeichenpapier dabei um die Atmosphäre nach meinem Empfinden einfangen zu können. Die Berge sind heute für uns nicht ganz so anstrengend. Wir sind glücklich wieder in die Pedale zu treten. Mir ist durch die Fährenfahrt immer noch leicht schlecht und so wird in Havelock eine kurze pause gemacht. Wir holen und ne Cola und ein Wasser bevor es weiter geht. Nach knapp 70km und kurz vor einem weiteren Berg machen wir eine Mittagspause. Ein Radreisender, den wir heute schon mehrmals gesehen haben, hält an. Er ist Deutscher. Bevor er sich wieder verabschiedet erzählt er uns, dass uns heute noch ein 200m und 500m Berg erwartet. Na dann mal los. Mit jedem Tageskilometer mehr auf dem Tacho wird es anstrengender. Ich fahre vor. Ich fahre an den Straßenrand. Ohne ein Wort zu sagen stelle ich mein Fahrrad hin und beginne Dehn- und Feldenkraisübungen zu machen. Janina schaut mich verdattert an, dann prustet sie los. Ich lache mit. “Man, ich hab kein Bock mehr. Mein Rücken tut weh und meine Finger sind mal wieder eingeschlafen.” “Wem sagst du das, Marjam!” Nelson liegt an der Küste. Vom Meer ist aber noch gar keine Sicht. Stattdessen sind wir umgeben von Waldbergen und unsere Sicht wird von einem weiteren Berg versperrt. Da müssen wir rüber, da führt kein Weg dran vorbei. Wir sind beide ziemlich fertig, haben so gut wie gar keine Energie mehr und so quälen wir uns den langen Berg hoch. Unsere Muskeln wollen nicht mehr. Wir schieben das letzte Stück und genießen die Abfahrt. Die Berge werden weniger, bis wir sie hinter uns lassen und sich uns endlich das Meer zeigt. Nach weiteren 15km kommen wir erschöpft auf dem Campingplatz an. Mit 40NZ$ weniger im Geldbeutel versuchen wir das Zelt aufzubauen. Der Boden ist steinhart. Ich bin fertig mit den Nerven und fange an rum zu meckern. “Das kann doch nicht sein, dass wir jeder 20Nz$ für so was zahlen! Wie soll man denn hier bitte Heringe in den Boden kriegen? Kannst du mir das mal verraten?! So nen scheiß, echt! Und dazu ist es hier noch nicht mal schön!” Janina sagt dazu gar nichts. Ihr geht mein Gemeckere auf die Nerven. Mit riesigen Steinen kriegen wir die Heringe letztendlich soweit rein geklopft, dass das Zelt einigermaßen steht. Zur Verstärkung legen wir die Steine auf das Abspannschnüre des Zeltes. Dann wird gewaschen, geduscht und gekocht, bevor wir völlig erledigt von den 115km und dem wenigen Schlaf ins Bett fallen!

Wellington | Picton

Wir nehmen eine warme und ausgiebige Dusche. Was für ein Luxus die Dusche im Zimmer zu haben! Die Taschen kommen in Schließfächer, die Räder bleiben im Hostel und wir laufen los Richtung Botanischen Garten. Ich navigiere, was heißt, dass wir nicht den direkten Weg nehmen, sondern ungewollt Umwege laufen. So bekommen wir doch noch unseren Blick über die Stadt und das bei bomben Wetter. Gegen Mittag sind wir da. Marjam und ich machen einen kleinen Spaziergang und bewundern die neuseeländischen Pflanzen und den wilden Wald. Wir sehen unseren ersten Papageien, bevor es wieder heimwärts geht. Meine Laune wird unerträglich. Der Grund; ich bin mit Flip Flops unterwegs und meine Füße tun höllisch weh! Nach einem Schuhtausch ist die Stimmung gleich wieder besser. Zum Glück kennt Marjam mich und weiß, wie man mich wieder gut gelaunt kriegt. Wir laufen nach Newton zum Countdown und machen unseren Wocheneinkauf. Völlig fertig von dem 20km Stadtbummel, schleppen wir die Plastiktaschen zum Hostel. Heute gibt es Fastfood zum Abendessen. McDonalds ist um die Ecke und wir sind zu faul und zu erschöpft um noch mal in die Stadt zu laufen. Wir holen die Reisebegleiter aus der Garage. Ich freue mich schon wieder riesig auf das Radeln! Aber erstmal freuen wir uns auf unsere Kabine mit Bett. Wir haben die Nachtfähre gebucht, so sparen wir uns eine Zeltnacht. Der Einkauf ist verpackt und die Räder deshalb ziemlich schwer. Wir checken bei der Bluebridge ein. Die öffentlichen Räumlichkeiten werden hier für eine Stunde geschlossen, bevor wir auf die Fähre können. Wir setzen uns also raus und wollen ein bisschen am Blog schreiben. Der Fähren Mitarbeiter, der uns eingecheckt hat, bietet an uns mit seinem Auto in die Stadt mitzunehmen. Es ist Upenyu aus Afrika, der seid einigen Jahren in Neuseeland lebt. Wir essen Pizza, trinken noch ein Bierchen und plaudern ein bisschen. Er bekommt unseren vollen Respekt, als wir erfahren, dass er Vollzeit arbeitet, nebenbei seinen Uniabschluss macht und zwei Kinder hat. Wahnsinn! Es ist mal wieder eine sehr schöne Begegnung und wir sind von seiner Offenheit begeistert! Wer weiß, vielleicht sehen wir ihn im April wieder, wenn es Richtung Heimat geht. Der Gedanke, wieder zurück im Alltag in Marburg zu sein gefällt mir gar nicht und ich schiebe ihn schnell aus meinem Kopf. Mit etwas Verspätung gehts dann an Board. Wir fallen todmüde ins Bett unserer Kajüte.

Nach 15 Tagen, guten 670km auf dem Rad und einem Gesamtanstieg von ungefähr 9500 Höhenmetern legen wir um 2h Nachts mit der Fähre von der Nordinsel ab. Mal schauen, was die Südinsel so mit sich bringt.

Wanganui | Wellington

In der Morgendämmerung schieben wir die vollbepackten Räder über den Campingplatz. Die Worte des Campinplatzbesitzers „You got up early“ klingen noch in unseren Ohren, während wir uns auf unsere Räder schwingen und zum Busbahnhof radeln. Hier erwarten uns die Schweizer mit ihren auseinander gebauten und in Plastik gehüllten Mountainbikes. Wir hiefen die Räder so wie sie sind mit Hilfe des Busfahrers in das Gepäckfach. Die Landschaft rast an uns vorbei. Janina hört seid unserer Ankunft in Neuseeland das erste Mal wieder Musik und schreibt Blog, während ich etwas Schlaf nachhole und den Gesprächen der Mitfahrer lausche. In Palmerston North macht der Bus eine kurze Pause. Wir holen uns einen Kaffee, quatschen mit einer älteren Dame und tauschen uns mit den Schweizern über den Wanganui Trail aus. Es geht mit viel Verkehr bergauf und bergab und wir sind froh im Bus zu sitzen. An der Küste sehen wir, wie windig es in Neuseeland werden kann. Das Meer bäumt sich neben uns auf, während wir uns in die warmen Bussitze kuscheln. Und bums, da sind wir schon in der Hauptstadt Wellington. Das ging schnell, fast schon zu schnell. Wir quatschen noch mit den Schweizern, bevor wir uns den Weg durch den Wind zum Hostel erkämpfen – windy Welly! Nachdem unsere Räder sicher untergestellt sind, geht es in unser Zimmer. Völlig erledigt vom Nichts tun essen wir ein Brot und fallen in einen langen und tiefen Mittagsschlaf. Immer noch etwas knatschig, laufen wir los in die Stadt. Nach den ersten Schritten merken wir, dass es die Bewegung ist, die uns heute fehlt. In der Cuba Street findet man alles; von Secondhand Läden, Caffées und Restaurants bis hin zu Bars. Die Fußgängerzone ist perfekt, um Leute zu beobachten. Wir entscheiden uns trotz bewölktem Himmel auf den Mount Viktoria zu laufen. Dort soll man einen hervorragenden Blick über Welly haben. Wir schlendern die Straße bergauf. Leider meint es das Wetter nicht gut mit uns, es fängt an zu schütten! Oben angekommen sehen wir so gut wie gar nichts. Eine weiße Wolkenwand versperrt uns die Sicht. Aber immerhin sind wir hier oben alleine. Lange halten wir es hier allerdings nicht aus, der Wind ist zu stark und der Regen will nicht weniger werden. Wir laufen also pitschnass und durchgefroren die drei Kilometer zum Hostel zurück. Dort schlüpfen wir in warme Klamotten und haben keine Lust unser gemütliches Zimmer noch mal zu verlassen. Wir machen also ein Abendessen Picknick auf dem Boden. Ich rufe bei der HypoVereinsbank an, es scheint komplizierter zu sein als gedacht. Der zuständige Vertreter möchte in ein paar Stunden zurückrufen – bei uns also mitten in der Nacht. Wir dösen etwas vor uns hin. Aber die Müdigkeit siegt, so dass wir mit Licht einschlafen und den Deutschlandanruf von der Bank verpassen. Ich rufe um fünf Uhr Nachts noch mal an, aber man kann mir nicht helfen. Ich schimpfe vor sich hin, frage murmelnd Janina, warum wir das Handy nicht gehört haben, bevor ich sich wieder hin lege und weiter schlafe.

Pipiriki | Wanganui

Ein sternenklarer Himmel leuchtet uns den Weg zu den Toiletten. Am Morgen sind die Berge komplett in Nebel gehüllt, so dass wir sie nur erahnen können, eine tolle Atmosphäre. Während dem Frühstück können wir ein großartiges Naturschauspiel beobachten: Der Nebel zieht sich langsam zurück, die grünen Berge werden sichtbar und uns zeigt sich ein strahlend blauer Himmel. Heute wird ein schöner Tag. Wir schreiben noch einen Beitrag ins Gästebuch, verabschieden uns von Josephine und los geht’s auf die Wanganui River Road. Ein Mountainbiker steht am Wegrand, ein Grußaustausch und wir beradeln die ersten Hügel. Ab und zu zeigt sich uns der wilde Wanganui River und beide sind wir jedes mal begeistert. “Und Schwung holen, dann schaffen wir den auch…” Wir treten beide kräftig in unsere Pedalen, als wir ein “Hi, how are you” aus dem Off hören und zwei Mountainbiker an uns vorbei düsen.
“War klar, dass die uns überholen!”
Ja kein wunder, Marjam. Hast du die kleine Übersetzung gesehen?! Mit der wären wir auch so schnell.”
Langsamer und mit mehr Kraft kommen wir den Hügel letztendlich auch hoch. Es ist Wahnsinn, wie schnell sich die Landschaft verändert. Von Regenwald, über kahle Felsberge bis hin zu goldfarbenen Hügelriesen. Ab und zu kommen wir durch kleine Dörfchen, die mich an die Filmkulisse von Whale Rider erinnern. Diesmal sind es dann wir, die den beiden Mountainbikern ein “Hello” zurufen und sie überholen – zugegebenermaßen machen sie gerade Pause. Ein Adler erhebt sich vom Straßenrand in die Höhe und lässt sich vom Wind über den Fluss gleiten. Ein wunderschönes Bild. Es lässt den Wunsch in mir aufkommen, ebenfalls fliegen zu können. Unsere Mägen knurren und wir machen Mittagspause. Hier ist es so laut, dass wir uns kaum unterhalten können. Das Zirpen der Grillen übertönt unsere Worte. Janina bekommt Kopfschmerzen und schlechte Laune, also machen wir uns wieder auf den weg. Wir sehen unsere erste andere RadlerIN, zwar mit ihrem Partner zusammen, aber freuen tun wir uns trotzdem darüber! Wir nehmen den letzten Berg in Angriff. Josephine hat ihn uns schon angekündigt. Langsam radeln wir hoch. Marjam wartet nur darauf bis ich irgendwann absteige und schiebe, aber ich beiße die Zähne zusammen. Tritt für Tritt fahren wir langsam den steilen Berg hoch und kommen schließlich oben an. “Yes, der erste große Berg, den wir nicht schieben mussten, wie geil ist das denn!” “Wir sind fitter geworden!”. Euphorisch und etwas stolz genießen wir die atemberaubende Aussicht auf den Fluss. Ein Auto düst auf die Aussichtsplattform. Ein Kiwipaar steigt aus. Sie können es kaum fassen, dass wir den Berg mit dem Gepäck hochgefahren sind. Ein kurzer Schnack und dann sind sie auch schon wieder weg. Wir beobachten einen jungen Mann der mit seinem Hund und Mountainbike in den Wald radelt. Hier ist es bestimmt perfekt zum Mountainbiken. Es trennen uns nur noch 20km von Wanganui. Unsere Akkus haben den Geist aufgegeben, aber es ist alles ausgeschildert! Wir kommen um Fünf bei der iSite an und buchen für morgen den Bus nach Wellington, ein Hostel und die Fähre auf die Südinsel. Ich freue mich schon sehr auf die Südinsel. Jetzt ist es nicht mehr weit. Ich nutze den kostenlosen Computer mit Internet, um eine Banküberweisung zu machen. Die iSite schließt in wenigen Minuten. Marjam muss auch noch Geld auf unsere Neuseelandkonto überweisen, also schnell die Direct Banking Daten eingeben. Mist, das Passwort ist falsch. Marjam tippt gestresst erneut ihr Passwort ein. Wieder falsch. Noch einen Versuch. “Ihr Konto ist gesperrt, bitte nehmen sie Kontakt mit ihrer Filiale auf.” So ein Scheiß! Etwas genervt fahren wir zum Campingplatz. Dort heißt uns der Besitzer auf dem Rad mit seinem Hund Willkommen. Der Bereich zum Zelten ist zwar klein, aber süß hergerichtet und hat charm. Wir heben Bargeld ab, kaufen Bier und kochen Knoblauch-Oregano-Nudeln mit frischen Tomaten. Ein Träumchen! Wir beobachten den Sonnenuntergang am Fluss und kuscheln uns dann ins warme Zelt…

National Park Village | Raetihi | Pipiriki

Wir gehen noch vor dem Frühstück in den kleinen Supermarkt an der Tankstelle. Mit den Weetbix im Magen geht’s gut gelaunt Richtung Raetihi. Wir summen vor uns hin. Es macht wirklich Spaß mal wieder etwas schneller zu radeln..endlich mal keine großen Hügel! Mit unseren 35km/h fahren wir hintereinander her – ich vorne, Janina hinter mir. Einen richtigen Seitenstreifen gibt es mal wieder nicht. Plötzlich ein lautes aggressives Hupen eines Lkw Fahrers hinter uns. Alles geht sekundenschnell; ich erschrecke und versuche mich noch weiter nach links zu quetschen, als ich eh schon bin. Von hinten höre ich Janina rufen: “Hast dich voll erschrocken, wa?” Ich murmele noch etwas zurück, bevor ich die riesigen Lkw Räder direkt neben mir sehe und panisch versuche auszuweichen. Doch die Seitenplanke ist im weg. Der Reifen rutscht weg, das Fahrrad gerät außer Kontrolle und ich knalle samt Rad hin und schlittert über die Straße. Janina legt ne Vollbremse hin, schafft es nicht mehr auszuweichen und fällt ebenfalls hin. Im völligen Schockzustand stehe ich auf. Das T-Shirt ist komplett nass. Blut?! Ne, nur am Arm läuft es runter. Ein Blick nach hinten:
“Janina, alles gut?” „Jaja!” “Bist du draußen?” “Ja jetzt schon.” “Ok, ich nicht.” Janina realisiert, dass die Lage ernst ist und wir von der Straße runter müssen. Ein Auto kommt. Sie stellt ihr Rad ab und rennt zu mir. Ich bin mittlerweile vom Pedal losgekommen. Wir stehen neben der Planke. Das Auto hat uns rechtzeitig gesehen, abgebremst und Warnlicht angemacht. Es fährt langsam an uns vorbei.
“Du blutest ja!”
“Ja, ich weiß! Oh ne und mein Ring ist total verbogen.”
“Setz dich erstmal hin, du bist ja ganz blass.”
Das erste Hilfe Set wird ausgepackt und Janina verarztet mich. Das desinfizieren meines aufgeschürften Ellbogens tut höllisch weh. Aber die Räder haben nichts abbekommen, nur meine Wasserflasche ist zerplatzt. Das erklärt mein nasses T-Shirt. Das Auto hat angehalten, ein Mann steigt aus und vergewissert sich, dass wir ok sind. Wir lassen die Situation Revue passieren: Wir hatten wirklich mal wieder richtig Glück. Obwohl wir 30km/h gefahren sind, ist erstaunlich wenig passiert. Wir regen uns zusammen über den Lkw Fahrer auf und können schon wieder über die Situation lachen…das ist ein gutes Zeichen! Wir fahren weiter, viel vorsichtiger als davor und mit höchstens 20kmh.
In Raetihi biegen wir in Richtung Pipiriki ab. Von dort wollen wir auf dem Mountains to Sea Cycletrail bis nach Wanganui fahren. Die Straße nach Pipiriki ist wunderschön. Wir sind umgeben von riesigen Wiesenhügeln und machen am Straßenrand eine Essens- und Dehnpause. Wir haben interessierte Beobachter; die Kühe auf der gegenüberliegenden Weide. Als wir weiter fahren begleitet uns die komplette Herde, wie süß, also ob sie uns tschüss sagen! Wir halten unseren üblichen Smalltalk mit den gefleckten Tieren, bevor wir uns verabschieden. Die Hügelriesen verwandeln sich nach und nach in ein Dschungellabyrinth. Wir folgen der Straße ohne zu sehen, wo sie uns hinführt. Wir sind umgeben von tausend Palmen, Farnen und tollen Bäumen und genießen in der Hitze die Abfahrten. Heute haben wir viele davon. Die drei Mountainbiker die uns entgegen gestrampelt kommen tun mir leid, die müssen alles hoch. Durch das viele Bergab sind wir früher in Pipiriki als gedacht – ein kleines verträumtes Dörfchen das direkt am River liegt und umgeben ist von waldbedeckten Bergen. Als wir auf dem Campground ankommen heißt uns Josephine herzlich Willkommen. Sie ist Maori, in Pipiriki aufgewachsen und ihr und ihrem Mann gehört der Campingplatz. Josephine zeigt uns stolz das Campinggelände, das liebevoll hergerichtet ist. Tomaten aus dem Garten liegen auf dem Tisch, maorische Legenden hängen an den Wänden, es gibt Sofas, Bücher und ein Gästebuch. Hier kann man sich so richtig wohl fühlen! Nachdem das Zelt aufgebaut ist und meine Wunde noch mal verarztet wurde, geht es mit Bikini, Handtuch und Kernseife runter zum Fluss. Duschen gibt es auf dem Zeltplatz noch keine, aber der Fluss eignet sich mindestens genauso gut. Uns erwartet glasklares kaltes Wasser. Wir waschen uns und beobachten, wie Kanus aus dem Fluss gezogen werden. Es ist toll hier! Wir sind mit vier Holländern und zwei Engländern die Einzigen auf dem Campingplatz. Wir halten einen kurzen Tratsch mit den Holländern, die neben uns ihr Zelt aufgestellt haben, bevor wir unseren Gemüsereis essen.
Dann fallen wir müde ins Bett. Morgen wird es anstrengend. Laut Josephine erwarten uns drei Berge..

 

Whakapapa Village | Tongariro Crossing | National Park Village

Der Wecker summt leise. Es ist sechs. Ich drücke noch einmal auf schlummern, dann tippe ich Marjam an: „Wir müssen jetzt wirklich aufstehen! Sonst schaffen wir es nicht mehr zu frühstücken!“ Also raus aus den Schlafsäcken. Heute gehts mal nicht auf die Räder, denn Mordor ruft! Eine achtstündige Wanderung erwartet uns. Wir packen den Rucksack; Stativ, Kamera, Regensachen und ein Fleece stecken wir auch noch ein, denn da oben kann es kalt werden! Pünktlich um sieben sitzen wir im Shuttle Bus, der uns zum Startpunkt des Tongariro Crossing bringen soll. Doch keine fünf Minuten später stehen wir mit der bunt gemischten Truppe am Straßenrand. Der Bus qualmt. Keiner weiß so richtig warum und so steigen wir kurze Zeit später wieder ein.
Noch ein kurzer Sicherheitshinweis vom lustigen maorischen Busfahrer und dann kann es endlich losgehen. Das Wetter ist fabelhaft. Die Morgensonne breitet sich langsam auf den Vulkanen aus, während wir nebeneinander herlaufen und uns unterhalten. Mit uns laufen noch viele andere Leute den Track. Man überholt sich gegenseitig und nach und nach kennt man die Gesichter. Ein bisschen fühlen wir uns wie auf einer Klassenfahrt. Die ersten Höhenmeter sind geschafft und der Blick atemberaubend. Wir schauen ins Tal herab. Das Morgenlicht erzeugt eine atemberaubende Atmosphäre. Dann geht es weiter Richtung Krater. Gestern haben wir die drei Vulkane noch auf unserer Linse festgehalten, jetzt stehen wir zwischen ihnen. Wunderbar! Ich genießen die einzigartige Landschaft. Die Emerald Lakes, die sich uns mit ihrer smaragdgrünen Farbe kurz nach dem knapp 1900m hohen Red Crater offenbaren, sind der Höhepunkt des Crossing! Wir könnten nicht mehr Glück mit dem Wetter haben – kein Wölkchen am Himmel und den Fleece brauchen wir auch nicht. Auf dem Weg zurück nach unten laufen wir an dem aktiven Te Mari Krater vorbei. Ein beeindruckendes Bild. Langsam spüre ich meine Beine. Ganz andere Muskelgruppen kommen heute zum Einsatz als beim Radeln. Meine Schuhe drücken und Marjams Knie beginnt weh zu tun. Wir humpeln die letzten Kilometer hintereinander her. Minütlich werden wir von fast rennenden Wanderern überholt. Das steckt an. Wir hetzen eine Weile mit, bevor wir wieder auf unser Tempo umsteigen. Erschöpft, durstig aber glücklich lassen wir uns auf die Bussitze fallen. Wir preschen die Straße zurück ins Village. Genau diese Strecke sind wir vor einem Tag mit dem Rad gefahren. Doch hier im Auto nimmt man die Landschaft ganz anders war – für mich rauscht die Umgebung viel zu schnell an mir vorbei. Ich freue mich schon wieder auf das langsame Radfahrtempo.
Das Zelt von Philipp ist schon weg. Er ist heute schon Richtung Wahnganui gefahren. Auch wir packen schnell unsere Sachen. Wir wollen heute noch die 20km zum National Park Village fahren. Die Unterkunft ist dort nicht ganz so teuer, ein Supermarkt ist in der Nähe und wir müssen sowieso in die Richtung. Also dann; rauf auf die Fahrräder. Aber momentmal, wo ist der Schlüssel fürs Fahrradschloss? Wir packen alle Taschen wieder aus, suchen, suchen und suchen. Aber keine Spur vom Schlüssel! Scheiße! Ok, wo hatten wir diesen blöden Schlüssel das letzte mal?
„Wir haben den Schlüssel bestimmt auf dem letzten Campingplatz vergessen, als wir die Kette geölt haben.
Der liegt da jetzt irgendwo im Gras“

„Meinst du wirklich Marjam? Und was machen wir jetzt, trampen?“
„Nee, wir rufen da jetzt erstmal an!“
„Ich ruf da nicht an.“
„Man Janina!! Dann gib das Telefon her.“
Genervt ruft Marjam den Campingplatz an und versucht das Problem zu erklären. Warum erwähnt sie den Baum nicht, andem die Räder standen? Ich trau mich nicht sie darauf hin zu weisen, sie ist sowieso schon genervt von mir und ein „dann hättest du halt angerufen“ will ich mir gerade nicht anhören. Außerdem mach sie das wirklich gut! Der Rezeptionist schaut nach, aber da liegt wohl kein Schlüssel. Marjam legt auf.
“Das darf echt nicht wahr sein! Ist logisch, dass uns das jetzt noch passieren muss. Warum haben wir den blöden Ersatzschlüssel nicht mitgenommen?!”
“Man! Ich bin mir so sicher, dass der Schlüssel da noch liegt. Der Typ hat bestimmt wo anders geschaut oder nicht genau genug! Ich mein, wo sollen wir den Schlüssel sonst verloren haben? So ne Scheiße! Das ist wieder typisch Marjam und Janina, echt!”

Die Stimmung ist gereizt und der Hunger groß! Während ich in der Bar von gestern nach dem Schlüssel suche, fragt Marjam auf gut Glück beim Campground Office nach einem Bolzenschneider, der Plan B! Die haben zwar einen, der ist aber viel zu klein für unser dickes Abus Schloss. Wir rennen zur Isite, vielleicht kann uns da jemand helfen. Marjam erklärt das Problem. Wir kommen uns beide ziemlich blöd vor – es klingt einfach nur absurd. Aber tatsächlich; uns kann geholfen werden! Hier im Village gibt es zwar sonst nichts, aber einen Bolzenschneider und der ist im Auto schon auf dem Weg zu uns. Der kräftige Maori steht mit dem riesigen Bolzenschneider vor unseren, an einer Laterne angeketteten, Rädern. Es knackt laut und wenige Sekunden später ist das 40€ Abus Schloss dahin. Das stört uns im Geringsten, wir sind beide einfach nur glücklich! Wir bedanken uns tausendmal und packen erneut alles zusammen. Nur noch weg hier, denke ich und ich weiß, dass Marjam jetzt genau das gleiche denkt! Das ganze Schlüsselbrimborium hat uns die letzte Kraft geraubt. Wir gönnen uns nach dem Schreck einen Burger im Restaurant bevor es endlich los geht. Die Strecke ist super. Wir fahren viel bergab und genießen das goldene abendlicht. Ein zweiter Schockmoment folgt mit unserer Ankunft: wir stellen fest, dass es hier gar keinen Campingplatz gibt. Na toll!Wir fragen in den Hostels, aber durch das schöne Wetter sind alle Zimmer ausgebucht. Doch auch diesmal steht das Glück auf unserer Seite: Wir finden ein Hostel, das uns einen Zeltplatz im Garten anbietet.
Wir trinken noch einen Kakao in der Küche, schreiben Blog und fallen k.o. ins Zelt. Was für ein Tag!

Tongariro | Whakapapa Village

Durchgefroren schnappe ich mir den Kulturbeutel und Janina und ich nehmen eine heiße Dusche. Das tut gut! Das Zelt dampft, der Frost taut langsam und wir packen wie jeden Morgen alles zusammen. Ein Fahrradcheck folgt: Die Kette wird geölt und die Gangschaltung überprüft. Wir schwingen uns auf unsere Räder. Mit voller Blase fahren wir los. Die Toiletten waren tatsächlich ab Check-Out Time geschlossen, dass hatten wir auch noch nicht…
Der Gegenwind hat zwar etwas nachgelassen, aber dafür gehts nur bergauf. Ich hab das Gefühl meine Blase platzt gleich und so machen wir schnell ne Toilettenpause bevor es weiter geht. Links neben uns ragen die Vulkane vor einem strahlend blauen Himmel empor. Wir sind gut gelaunt. Singend fahren wir hintereinander her. Janina fährt vor. Ich entdecke eine wunderschöne Stelle, die sich als perfektes Fotosession Motiv herausstellt. Es dauert einige Zeit, aber dann schaffen wir es tatsächlich die Räder so zu stellen, dass sie auch ohne Ständer stehen bleiben. Das Stativ wird aufgebaut, ich drücke auf den Auslöser, renne lachend in Windeseile zu Janina und den Rädern und nehme die vorher besprochene Pose ein. „Und, ist das Bild gut geworden?“ „Ach komm, lass uns noch eins machen. Diesmal machen wir beide Handstände!“ Und das Spiel beginnt von Vorn.
Wir biegen in die Straße, die ins Whakapapa Village führt. Durch den Wind und dem permanenten Anstieg kriechen wir die letzten 6km auf der Straße entlang. Das Schloss von Whakapapa und der Vulkan kommen immer näher – ein wunderschönes Bild und eine gute Motivation. Endlich sind wir da. Schnell springen wir in die ISite. Dort wird uns empfohlen morgen den Shuttle Bus zu nehmen und dann das Tongariro Crossing zu starten, die Vulkanüberquerung. Das klingt für uns nach einem guten Plan, denn das heißt, wir haben den Nachmittag frei! Als wir auf dem Zeltplatz ankommen, treffen wir überraschender Weise auf den Schweizer Philipp, den wir in Rotorua getroffen haben. Wie klein Neuseeland doch ist! Wir bauen das Zelt auf während wir uns über unsere Routen und Erlebnisse austauschen. Die Räder werden gegenseitig begutachtet. Janina bekommt von ihm die Bestätigung, dass ihre Gangschaltung wirklich ganz schön heftig für das bergige Neuseeland ist. Ich kann ihr ansehen, wie gut es für sie ist diesen Satz aus einem anderen Mund zu hören und dann noch von einem Mann. Wir essen und dann kommen wir zum genüsslichen Teil des Nachmittags: nen Käffchen in der Sonne im Schlosscafé mit Blick auf den Vulkan. Was gibt es Schöneres! Wir schreiben etwas an unserem Blog bis sich Philipp irgendwann noch zu uns gesellt. Wir steigen auf Bier um, quatschen und lassen den Abend ausklingen.

Motutere Bay | Tongariro

Während wir in unserem Zelt schlafen verwandelt der Wind den ruhigen, spiegelglatte See zu einem Wellenmonster. Der Regen der auf das Zelt trommelt, macht das Durchschlafen noch schwieriger.
Und trotzdem, es hat etwas gemütliches! Und das Zelt ist durch den starken Wind das erste Mal komplett trocken, als wir aufstehen! Nach den Weet Bix mit Kakao sind wir startbereit um weiter Richtung Vulkanlandschaft zu radeln. Wir packen alles zusammen. Neugierig werden wir von unserem Camping nNachbarn dabei beobachtet, bis er zu uns geschlendert kommt. Es ist der Australier von Gestern, der uns mit netten Worten auf dem Campground willkommen geheißen hat. Er fährt mit seiner Frau im Campervan durch den Norden – eine Reise zurück in seine Kindheit (er ist in Neuseeland aufgewachsen) auf der er seine Mutter und seinen besten Freund besucht. Als ehemaliger Motorbike Reisender zeigt er großes Interesse an unserer Fahrradtour. Am Ende noch ein kurzer, enthusiastischer Smalltalk über Hobbyfotografie und wir verabschieden uns und bepacken die Räder zu Ende. Wir sind schon auf dem Sprung, als der Australier noch mal zu uns kommt und uns seine Visitenkarte in die Hand drückt: Falls wir mal in Australien sind, sollen wir uns melden, wir sind bei ihm herzlich Willkommen. Was für eine nette Begegnung!
Auch nach Tongariro gibt es zwei Routen. Wir entscheiden uns für die etwas flachere Strecke. Das erste Mal haben wir richtigen Gegenwind. Bis nach Turangi kommen wir trotz dem Wind ganz gut durch, denn es ist ziemlich flach. Ich und Marjam beneiden die uns entgegenkommenden Radreisenden, die haben den Wind auf ihrer Seite. Nach der kurzen Toilettenpause geht es weiter, diesmal wieder mit Hügeln. Wir strampeln einen Berg hoch. Schafe mähen. Gut gelaunt mähen wir zurück. Die Schafe schauen etwas verdutzt drein, was mich zum Lachen bringt. Der Blick auf die Vulkane, die sich uns nähern ist wunderbar! Die vielen Hügel und der starke Wind lassen uns das Lachen allerdings schnell vergehen. Wir schleichen mit 10km/h die Straße entlang und das obwohl wir stark in die Pedale treten. Selbst die Abfahrten radeln wir mit höchstens 13km/h. Es ist wahnsinnig anstrengend. Jetzt würden wir zu gerne in einem der uns überholenden Campervans sitzen und einfach das Gaspedal ein bisschen mehr durchdrücken. Aber wie sagt man so schön “Gegenwind formt den Charakter!”, das Tagesmotto für heute! Kurz vor der Mittagspause fällt Marjam mal wieder samt Rad um. Der Schuh hängt noch am Pedal, als sie die Straße überquert. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, es ist ein lustiges Bild. Die Käse und Nutella Brote schmecken heute dafür besonders gut. Wir dehnen uns bevor es mit neuer Energie weiter durch den hügeligen und windigen National Park geht. Die Vulkanlandschaft ist einzigartig. Nachmittags kommen wir an einem Zeltplatz vorbei. Wir entscheiden uns spontan hier zu bleiben und nicht mehr die 30km bis nach Whakapapa Village zu radeln. Stattdessen genießen wir den freien Nachmittag, der wie im Flug vergeht. Wir haben unsere eigene kleine Zeltwiese, die für Radler reserviert ist. Wir waschen Wäsche – diesmal mit Waschmaschine und Trockner. Was für ein Luxus und wie gut die Wäsche wieder riecht!
Heute gibt es Nudeln mit Karotten, Tomaten und Knoblauch. Wir teilen uns die Küche mit einer 8-köpfigen deutschen Campervan Truppe. Die tischen allerdings kaltes Bier, Wein und deluxe Essen auf. Hach wie gerne würde ich davon was ab haben! Noch ein Vorteil des Campervans: Das Gewicht spielt keine Rolle! Wir lassen die Deutschen lachend und plaudernd zurück und kuscheln uns in unser Zelt.
“Heute werden wir bestimmt richtig gut schlafen!”
“Ich weiß nicht. Ich wette heut ist es irgend etwas anderes, was uns nicht durchschlafen lässt.”
“Psst, jetzt mal den Teufel nicht an die Wand! Gute Nacht!”
Aber ich soll recht behalten. Wir frieren! Es ist die erste richtig kalte Nacht. Natürlich müssen wir beide Nachts auf Toilette. Wir quälen uns in die eisige Kälte. Der wunderschöne, klare Sternenhimmel den wir zu Gesicht bekommen, lässt uns warm ums Herz werden. Wir machen ein imaginäres Foto, hüpfen zurück ins kalte Zelt und schlafen weiter..

Wairakei Thermal Valley | Taupo | Motutere Bay

Morgens um Sieben rennt Janina aus dem Zelt und holt die Wäsche rein – es regnet. Ich schaue Janina verschlafen an. Sie murmelt “Oh ne, jetzt ist die Wäsche nass” bevor sie sich zur Seite dreht und weiter schläft. Ich tu es ihr gleich.
Trotz Krähen des Hahnes stehen wir erst um 9 Uhr auf. Wir flüchten uns in die trockene Küche und genießen dort unsere Weet-Bix mit Kakao. Ein Mann mit seiner Frau und seiner Schwester aus Dunedin gesellen sich zu uns. Sie reisen mit einem Campervan durch den Norden. Als sie aus der Küche gehen, verabschieden sie sich mit: “Wir sehen uns in Taupo” – Sie fahren nämlich gegen Mittag in die Stadt, um ihren Neffen anzufeuern, der den Marathon um den See mitläuft.
Das erste Mal packen wir unsere Sachen im Regen. Als wir losfahren nieselt es nur noch. Die Regenhose wird also wieder ausgezogen, sie ist sowieso viel zu warm. Ein winkender Abschiedsgruß vom Dunedin Mann und es kann los gehen! Unsere stylischen, durchsichtigen Plastikbrillen bewähren sich bei der Abfahrt im Nieselregen und dem Spritzwasser der Autos zum ersten Mal! Taupo heißt uns dann mit Sonnenschein Willkommen. Wir schließen unsere 7 Ortliebtaschen im Superloo Center ein und ab geht’s in die Library. Dort checken wir Mails und laden alle Akkus wieder auf. Eine lustige Atmosphäre hier: Die komplette Wifi Area ist voll mit Touris. Wir sind umgeben von Deutschen, die skypen, Fotos auf ihrem Rechner anschauen und Facebook checken. Irgendwann haben wir genug und gehen unserer Lieblingsbeschäftigung nach; wir schlendern zum Supermarkt und kaufen ein. Der wunderschöne blauen See ist der perfekte Picknickort, auch wenn ich mich etwas schlecht fühle, wenn die Marathonläufer schwitzend hinter unserer Bank vorbeirennen. Obwohl wir gerade gut gegessen haben, können wir nicht widerstehen und kaufen uns noch Chicken McNuggets. Der Plan ist für heute wild zu campen. So füllen wir den Wasserkanister auf und suchen verzweifelt nach einem geöffneten Laden, der Feuerzeuge verkauft. Wir brauchen eins für unseren Kocher, aber da es mittlerweile nach sechs ist, finden wir kein Geschäft. Keine von uns hat Lust in der Bar nach Streichhölzern zu fragen und so schwingen wir uns – beide leicht genervt voneinander – auf die Räder und fahren los. Die Straße führt uns am See entlang bis schließlich der Campingplatz auftaucht mit einem wunderschönen Blick auf den ruhigen Lake Taupo, der im Abendlicht schimmert. Großartig! Aber Zelte sehe ich hier keine, nur Campervans stehen auf der Wiese. Die Neuseeland Campingplatz App bestätigt meine Befürchtung: Self-contained vehicles only! Wir fragen noch mal nach, doch zelten scheint hier nicht erlaubt. Wir überlegen hin und her, was ungefähr so aussieht:
“Toll was machen wir jetzt?”
“Keine Ahnung, musst du sagen. Wir können auch einfach hier bleiben und es versuchen.”
“Warum soll ich das jetzt entscheiden?! Ich weiß es doch auch nicht. Man, keine Ahnung.”
“So ne Scheiße, da fährt man schon mit dem Rad und dann dürfen wir hier an dem schönsten Campingspot unser Zelt nicht aufschlagen. Ich könnt kotzen!”
Der Hering unfreundliche Boden hat uns die Entscheidung noch zum nächsten Zeltplatz zu fahren erleichtert. Die Laune ist trotzdem nicht die Beste.
Als wir dort ankommen ist das Erste was mir auffällt, dass das Zeltpiktogramm auf der Willkommens Tafel fehlt! Ok, jetzt bloß keine Panik schieben, vielleicht wurde es auch einfach vergessen. Wir fragen. Tatsächlich, keine Tent Sites. Das Einzige was uns die Dame anbieten kann: Ein Doppelzimmer für 85 Nz $! Auf Janinas Frage, wo der nächste Zeltplatz sei, antwortet sie: „10-15min mit dem Auto und ein riesiger Berg.“ Also noch mal ca. 15 anstrengende Kilometer. Der Berg hat es in sich, dafür ist die Abfahrt einzigartig. So was habe ich noch nie gesehen und die Stimmung ist traumhaft. Ein riesiger Felsen ragt rechts vor uns empor, davor der dunkelblaue spiegelglatte See der vom Abendlicht beleuchtet wird. Einfach wunderbar! Ein Auto hupt, ein Mädchen lehnt sich heraus und winkt – unsere Motivation für die letzten Kilometer! Die Straßen werden kurviger und steiler, wir sind froh, dass wir die Strecke mit wenig Verkehr fahren. Endlich ist da der Zeltplatz. Wunderschön am See gelegen kann er fast mit dem freien Zeltplatz konkurrieren. In der Dämmerung bauen Janina und ich direkt vor dem See das Zelt auf. Wir reden kurz mit unserem Zeltnachbarn, kochen, essen, machen noch ein paar Fotos und fallen erschöpft auf unsere Isomatten. Heute können wir bestimmt super schlafen, denke ich, bevor ich in den Schlaf falle.

Rotorua | Wairakei Thermal Valley

Wir stehen vor der Rezeption, bereit loszufahren. Die ältere Rezeptionistin und ihre Freundin kommen zu uns. Bewundert fragen sie, wo es heute hingeht. Als wir mit Taupo antworten, fangen sie an uns einen Weg zu beschreiben. Gerade das letzte Stück soll ziemlich flach sein. Aufgeregt rennt die Rezeptionistin rein und schreibt uns die Route noch mal auf. Wir bedanken uns, fahren ein paar Meter und halten an, um die Route zu besprechen. Wir entscheiden uns trotz einem 20km weiten Umweg und ein paar mehr Hügeln für den Cycletrail! Gespannt auf die kommende Strecke fahren wir dann endlich los. Die Ampel wechselt auf Grün und noch bevor wir zum Stehen kommen hören wir von hinten; ” Hi Ladies”. Zwei typisch neuseeländische Mountainbiker stehen ein paar Meter vor uns, beide lässig mit einem Kaffee in der Hand schauen sie interessiert unsere Räder an. Wir schnacken kurz und dann wechselt die Ampel auch schon wieder auf Grün. Ein herrliches Bild, wie die zwei Männer auf ihren Rädern einhändig fahren, den Kaffee schlürfen und sich unterhalten. Da soll noch jemand sagen, Männer seien nicht Multitasking fähig.
Der kleine Umweg zum See, den wir machen wollten, fällt wegen Straßensperrung ins Wasser – Durch die Hitze besteht Brandgefahr im Wald! Wir fahren entlang der State Highway 5 auf dem Radweg entlang, bevor wir uns spontan entscheiden die Tumunui Road zu radeln, bis wir wieder auf den Cycletrail stoßen! Die Strecke erscheint uns schöner, sieht nicht so befahren aus und ist dazu noch eine kleine Abkürzung. Umgeben von riesigen Hügeln, weiß ich, dass wir beide an unsere körperlichen Grenzen stoßen könnten. Das wissen, dass wir heute über 80km radeln müssen bis zum nächsten Campground und die immer noch klemmende Bremse, lassen Marjam explodieren. Sie meckert rum, während ich sie bewusst ignoriere und versuche den Hirsch auf einem der Hügel zu fotografieren, den ich gerade entdeckt habe. Irgendwann reicht mir Marjams Gemeckere, ich nehme die Kamera Lenkertasche auf meinen Gepäckträger. Die ist nämlich der Attentäter, sie drückt die ganze Zeit auf den einen Bremshebel.
Obwohl die Hügel in der Mittagshitze mal wieder ziemlich anstrengend sind, ist es ein Wahnsinns Gefühl von den riesigen Grashügeln umgeben zu sein. Egal wo man hinschaut sieht man in der Ferne Tiere. Von Hirschen, Rehen, Pferden, Kühen bis hin zu Adlern – großartig der Natur so nah zu sein!
Mit 10km weniger in der Tasche radeln wir wieder auf dem Cycletrail. Ein Auto hält, ein Mann steigt aus und fragt, wo es denn langgeht. Als wir ihm erzählen, dass wir via dem Cycletrail nach Taupo fahren, lacht er: “Da habt ihr euch definitiv den längsten Weg rausgesucht!”. Er beschreibt uns noch kurz die weitere Strecke – es komme noch ein größerer Berg und nach 19km gehe auf eine Schotterpiste. Er wünscht uns viel Spaß! Die Straße führt an einem riesigen Berg entlang, der in tolle Farben in der Mittagssonne glänzt. Die Sonne knallt auf unsere schwarzen Langarm Merino Hemden. Wegen dem Sonnenbrand haben wir uns heute gegen ein TShirt entschieden. Ich bereue es schon etwas, doch ich weiß es ist vernünftiger! Nach 40km machen wir dann die langersehnte Pause! Wir haben den perfekten Ort gefunden: Hier is es schön schattig und unsere Räder können wir an einem Zaun anlehnen. Wir essen mal wieder Brot, bevor es mit neuer Energie weiter geht. Die Schotterpiste verwandelt sich kurze Zeit später zu einer Steinpiste! Wir schieben die Hügel hoch und versuchen runter zu radeln. Keine gute Idee, beide liegen wir nicht mal eine Minute später mit unseren Rädern auf den Steinen. Also müssen wir Wohl oder Übel die Hügel auch wieder runter schieben. Die Kilometeranzahl auf dem Tacho steigt so langsam, dass wir das Gefühl haben gar nicht mehr anzukommen. Wir schwitzen und fluchen, dass wir nicht den vorgeschlagenen Weg von der Rezeptionistin gefahren sind.
Ein VW Bus hält und ein Mann schlägt uns vor etwas zurückzufahren, um dort zu campen. Er kommt gerade aus Taupo und berichtet uns, dass die Schotterpiste noch mindestens 6km geht und danach die Strecke ziemlich hügelig weiter verläuft. Wir wollen es trotzdem versuchen, umdrehen kommt für uns überhaupt nicht in Frage! Wir schieben die Räder von Schatten- zu Schattenplatz, trinken und schieben weiter. Endlich sehen wir die asphaltierte Straße! Soviel besser wird es ab hier aber leider nicht, auch wenn wir beide noch nie so glücklich waren eine ganz normale Straße zu sehen. Durch das Schieben sind wir körperlich schon so erschöpft, dass wir kurze Zeit später nicht mehr wissen, welche Straße wir mehr verfluchen sollen: Die Schotterpiste oder die hügelige asphaltierte Straße. Meine Nerven liegen blank und ich bitte um eine Pause. Ich esse ein Energie Müsliriegel und berate mich mit Marjam. Sollen wir versuchen wildzucampen oder weiter fahren? Beide entscheiden wir uns für Letzteres. Schnaufend schleichen wir die berge hoch bis wir endlich auf die State Highway 1 abbiegen. Eine lange Abfahrt ist unsere Rettung. Noch 9km bis nach Taupo. Kurz spielen wir mit dem Gedanken doch noch heute in die Stadt reinzufahren, verwerfen ihn aber schnell und biegen rechts in den Wald. Wir fahren eine gefühlte Wwigkeit, bis endlich die Lichtung mit dem Campground auftaucht.
Hier ist es wie bei bei Findus und Petterson, etwas chaotisch aber es herrscht eine netten und lustige Stimmung. Hühner und Pfauen spazieren froh und munter zwischen den Zelten und Campervans umher. Es gibt Schweine, Hasen und Katzen. Erschöpft stehen wir vor der Rezeption. Der Besitzer ist gut gelaunt, scherzt mit uns rum und schenkt uns einen Marshmallow. Wir dürfen uns einen Stellplatz aussuchen und so tragen wir unser Zeug zu dem ausgesuchten Stück Wiese. Der Besitzer kommt: Ich und marjam haben uns natürlich die Wiese rausgepickt, wo man nicht zelten darf. Die Bäume könnten hier durch den Wind umfallen, so der Besitzer. Sein scherzhaftes Angebot den Baum für uns die komplette Nacht zu halten, lehnen wir lachend ab.
Wir genießen die warme Dusche und kochen das erste mal Uncle Ben’s Fertigreis. Hierbei wird uns bewusst, dass wir ganz schön viel essen..von der zwei Personenportion werden wir nicht ansatzweise satt. Trotz der Höchstanstrengung an diesem Tag, bin ich im Nachhinein froh, die Schotterpiste gefahren zu sein. Ich denke Marjam geht es genauso.

 

Tauranga | Rotorua

Heute stehen wir mal wieder früh auf, packen die Sachen und frühstücken. Ein Motorradfahrer spricht uns an. Er hat sein Haus auf der Südinsel verkauft und bevor er nach Indien zieht fährt er mit seinem Motorbike die Nordinsel ab. Zum ersten Mal werden wir gewarnt: Der Verkehr soll Richtung Süden ziemlich heftig sein. Vor allem die Truck Fahrer fahren wohl sehr aggressiv. Genau wie Joe, rät er uns vorsichtig zu sein und nicht jedem zu vertrauen. Wir nehmen seine Worte ernst und ich fahre ab sofort mit Warnweste. Jetzt heißt es wieder: “Lasst die Hügelspiele beginnen”. Marjam und ich erahnen schon die nächste steile Strecke und machen am einzigen Schattenplatz eine ordentlich Pause. Mit Avocado- und Käsebroten im Magen, versuchen wir uns im Powernapping. Irgendwann wird mir zu kalt und so nehmen wir den Berg in Angriff.

Mit noch einem Berg mehr auf dem Buckel, genießen wir bremsend die ziemlich kurvige Abfahrt. Während wir Sonnencreme auf unsere verbrannte Haut schmieren, begrüßt uns ein Kiwi Bauer mit den Worten “You are tough girls, aren’t ya?!”. Wir lachen verschmitzt bevor er uns erzählt, dass wir die größten Berge schon hinter uns haben. Optimistisch fahren wir weiter. Mit einer langen Abfahrt und einem tollen Blick auf die am See liegende Stadt Rotorua werden wir belohnt. Auf der Suche nach einem Campground, sichte ich knall orange Fahrradtaschen. Kurze zeit später stehen wir neben dem Radreisenden: Es ist Philipp aus der Schweiz. Ein kurzer Smalltalk, die Nummern werden getauscht und dann trennen sich unsere Wege wieder. Wir wollen den billigeren campground aus checken. Hier ist es zwar recht klein aber ganz nett. Das erste mal kämpfen wir mit Mücken und ein paar Sandflies und erleben die typische Backpacker Atmosphäre. Wir flüchten in die Stadt. Marjams Laune zeigt: Es ist Essenszeit! Auf dem Markt von Rotorua gönnen wir uns einen Chickenspieß und Seafood Pancakes. Ein Festessen! Gut gelaunt schlendern wir durch die Stadt. Fast jeder Dritte spricht hier deutsch, irgendwie komisch. Zufällig entdecken wir auf dem Rückweg einen Park mit Thermal Pools, die hier eingezäunt sind. Das war der Park, von dem uns Ben erzählt hatte. Hier in Rotorua sind die Thermal Pools Touristenattraktion. Man kann also unmengen an Geld für eine Führung durch einen der Parks ausgeben. Ben hatte uns damas erzählt, dass es einen kostenlosen Park gibt, indem man auch diese Pools besichten kann. Wir sind froh ihn noch gefunden zu haben. Die untergehende Sonne lässt eine mystischen Atmosphäre entstehen. Ein Ast hängt in einen dampfenden kleinen See – zauberhaftes Bild. Die Dämpfe vom brodelnden Schlamm und dem kochenden Wasser im Boden entspannen uns und machen müde. Wir machen uns auf den Heimweg. Während das Handy noch aufgeladen wird, genießen wir unser erstes neuseeländisches Bier (Tui). Das macht den Abend perfekt. Heute Nacht werde ich wie ein Baby schlafen, denke ich mir als wir uns im Ba fertig machen.

Mount Manganui | Tauranga

Als ich aus dem Zelt schielen, ist es grau und bewölkt. Anstatt wie vorgehabt an den Strand zu gehen, schlafen wir lieber weiter. Auch heute gibt es mal wieder Porridge zum Frühstück. Der Sonnenbrand auf den Armen, den wir uns beide die letzten Tage geholt haben, brennt immer noch höllisch. Zum Glück habe ich die Après Sun Lotion doch mitgenommen, die tut jetzt gut! Heute müssen ein paar Erledigungen gemacht werden:
1. Einkaufen
2. Zum Fahrradladen, um uns nach einer kleineren Übersetzung für Janinas Fahrrad zu erkundigen und um nach einer fahrradfreundlichen Route nach Rotorua zu fragen
3. Ein neuer Steckdosen Adapter muss her. Unseren hab ich in Tairua vergessen, was mal wieder zu einer kleineren Streiterei führte, als wir es bemerkt haben

Wir radeln also mit den unbepackten Rädern los. ein komisches, ungewohntes Gefühl. Mit Flip Flops fahre ich tatsächlich unsicherer als vollbepackt. Es geht als erstes zum Countdown. Wir entscheiden uns dafür von Porridge auf Weet-Bix umzusteigen, das spart morgens Zeit. Es wird noch Salami und Reis gekauft und schon stehen wir im riesigen Einkaufszentrum und suchen den Elektroladen. Glücklich über den Adapter – unsere Geräte müssen dringend mal wieder aufgeladen werden – geht’s zum Fahrradgeschäft. Eine kleinere Übersetzung ist für Janinas Rad nicht so leicht zu kriegen und würde außerdem um die 200 NZ$ kosten. Das heißt für Janina also Augen zu und fit werden.
Wir kriegen noch einen wertvollen Tip zur bevorstehenden Etappe nach Rotorua: Nehmt die längere Route, die ist zwar hügeliger, aber nicht so befahren! Das heißt für uns erstmal zurück nach Tauranga. Die 15km wollen wir heute noch machen. Zumal der Zeltplatz dort auch nicht so teuer sein soll! Unsere Sachen sind gepackt, doch bevor es ins Landesinnere geht, wollen wir nochmal an den Strand. Als wir hin und her überlegen, wo wir dir Räder stehen lassen wollen, ruft uns ein Mann aus seiner Strandvilla zu, dass wir die Räder gerne bei ihm im Garten unterstellen können. Wir nehmen das Angebot dankend an und genießen das letzte Mal die Meerluft! Nebeneinander sitzend, beobachten wir die durchtrainierten Surfer und einen Vater, der mit seiner kleinen Tochter zusammen eine Sandburg baut. Sie warten bis eine Welle sie zerstört und beginnen von Vorne. Eine Sisyphusarbeit, die beide mit voller Leidenschaft und Spaß machen. Tolle Szene!
Ausgerüstet mit einer Karte stürzen wir uns in den Stadtdschungel. Heute müssen wir ohne Joe irgendwie nach Tauranga kommen. Nachdem ich erstmal rechts abbiege und mich plötzlich auf der falschen Straßenseite befinde, überfordert mich als nächstes ein riesiger Kreisverkehr. Ich steige ab und suche genervt eine Stelle zum Überqueren.

Es dauert eine gefühlte Ewigkeit bis wir endlich die Fußgängerbrücke nach Tauranga erreichen, die uns Joe gestern aus der Ferne gezeigt hat. Der Verkehr überfordert auch Janina, wir haben das Gefühl den Linksverkehr das erste Mal so richtig wahrzunehmen. Die gereizte Stimmung wird nicht besser, als Marjam mit Rad umfällt und sich die Bremse verhakt. Es liegt zum Glück nur an der vorderen Ortliebtasche, dessen Halterung sich verschoben hat. Ich schaue mich nach Janina um. Keine Spur von Ihr. Als ich zurück radele sehe ich sie mitten auf dem Bürgersteig stehen, mit einem Fuß hängt sie noch am Pedal. Sie hat mal wieder Ärger mit ihrem Cleat. Genervt von der ganzen Situation bitte ich Janina vorzufahren. Ein nächster Kreisverkehr, Janina macht eine Vollbremsung. Ich versuche zu reagieren, doch es ist zu spät. Ich knalle mit Fahrrad auf den Bürgersteig. Da lieg ich nun, mit den Füßen an den Pedalen und versuch aufzustehen. Das ist zuviel des Guten. Ich schreie Janina an: „Du kannst doch nicht einfach so bremsen. Hast du nen Knall!” Natürlich trägt Janina überhaupt gar keine Schuld, aber es dauert noch eine Weile, bis Marjam sich das eingestehen kann.

Endlich sind wir da und die Laune wird deutlich besser! Der Campground hat Charakter und strahlt eine nette Atmosphäre aus. Die Besitzer sind sehr freundlich. Wir gönnen uns nach dem ganzen Stress eine Cola an der Tankstelle um die Ecke. Eigentlich wollten wir ein Bier, aber das verkaufen sie zu unserer Überraschung hier nicht. Wir sind nun mal nicht in Deutschland. Wir waschen Wäsche und kochen. Auch wenn das Fleisch von zwei Australiern schon sehr verlockend riecht, die Nudeln mit Möhren und Knoblauch tuns auch! Obwohl wir nur 26km gefahren sind, war das für mich fast der anstrengendste Tag bisher. Ich freue mich auf Morgen, einen ganz normalen Fahrradtag!

Waihi Beach | Tauranga | Mount Maunganui

Der Drang auf Toilette zu gehen wird immer größer. Marjam quält sich aus dem Schlafsack in die Kälte. Es lohnt sich: Die Sonne geht gerade über dem Meer auf und vergoldet die Berge, atemberaubend. Sie weckt mich und wir starten den Tag mit einem Spaziergang am menschenleeren und wilden Strand. Was für ein herrlicher Morgen! Jetzt schnell die Solarpaneel auf den Gepäckträger schnallen und los gehts. Heute bis nach Mount Maunganui. Die Straße führt uns flach an der Küste entlang bevor wieder das altbekannte Hügelspiel beginnt. An einer Baustelle halten wir ein kleines Pläuschchen mit den Bauarbeitern und hören das erste mal so richtigen neuseeländischen Slang. Das Hügelspiel macht heute richtig spaß. Wir nutzen bei der Abfahrt die Geschwindigkeit um den nächsten Hügel soweit es geht hoch zu rollen! Wir schaffen es tatsächlich noch an einem Gemüse und Obststand anzuhalten und kaufen uns für 2 NZ Dollar je eine Tüte Avocados und Tomaten. Das Wissen, dass es bald leckeres Mittagessen gibt, ist unsere derzeitige einzige Motivation. Das Wasser läuft mir im Mund zusammen und ich kann Marjam davon überzeugen eine Pause einzulegen. Am Straßenrand umgeben vom Lärm der Autos und trotzdem schmecken die Avocado-Tomaten- Knoblauch Brote besser als ich es mir ausgemalt habe! Gestärkt geht es weiter, noch hügeliger als bisher und mit noch mehr Verkehr. Zum Glück ist auf dem Highway ein großer Seitenstreifen, den wir uns zum Fahrradweg zu eigen machen. An einem riesigen Berg wieder eine Baustelle. Alle Autos fahren an uns vorbei, dann sind wir dran. Der Bauarbeiter winkt uns durch. Was für ein Akt aufs Fahrrad zu kommen mitten am Berg. Jetzt bloß nicht hinknallen. Ich strample was das Zeug hält, aber die Autos auf der gegenüberliegenden Straße müssen trotzdem alle auf uns warten. Die Lkw Fahrer winken und hupen zum Abschied und wir rasen mit 60km/h den Berg runter. Die Mittagssonne wird unerträglich und wir machen noch mal eine kurze Pause. Diesmal im Schatten eines Avocadobaumes. Vor uns liegen nicht mehr all zu viele Km bis Tauranga. Wir fahren weiter. In Tauranga angekommen suchen wir mit Hilfe unserer App nach einem geeigneten Campingplatz. Wir wollen in Mount Maunganui unser Zelt aufschlagen. Es sind noch knapp 10km. Sie bergige Stadt und ihr Berufsverkehr überfordern mich und Marjam etwas. Wir überqueren schiebend eine befahren Straße. Ein Rennradler überholt uns und hält kurze Zeit später an. Der 70 jährige Engländer Joe spricht uns auf unsere Schalthebel an. Er ist total fasziniert. In Neuseeland gibt es die nicht mehr zu kaufen. Wir nutzen die Gelegenheit und fragen nach dem Weg. Er versucht uns den fahrradfreundlichsten Weg zu beschreiben. Wahrscheinlich ließt er an unseren Gesichtern ab, dass wir schon jetzt die Hälfte vergessen haben. Nach kurzer Überlegung beschließt er uns noch ein Stück zu begleiten, um sicherzugehen, dass wir auch den richtigen Weg fahren.
Wir bedanken uns und weisen ihn noch daraufhin, dass wir mit dem ganzen Gepäck nicht so schnell unterwegs sind. Geduldig fährt er vor uns her und bringt uns sicher durch den Stadtdschungel. Er macht keine Anstalten umzukehren und so fahren wir weiter, zu dritt. Wir unterhalten uns und erfahren, dass der Rennradprofi Joe mehrmals für England Rennen gefahren ist, verschiedenste Kontinente mit dem Fahrrad bereist hat und vor einiger zeit nach Neuseeland ausgewandert ist. Wir kommen zur Autobahn. Eigentlich steht hier ein großes „Fahrrad verboten“ Schild. Joe fährt trotzdem drauf. Es scheint nicht unüblich, denn wir werden von mehreren Rennradlern überholt. Der Seitenstreifen ist breit genug, so dass ich neben Joe herfahren kann. Ich fühle mich um einiges sicherer als auf den engen kurvigen Coromandel Straßen. Der Blick ist traumhaft. Das Meer und der Berg Maunganui erheben sich vor uns. Und dann stehen wir auch schon vor einem der Zeltplatze. Hier ist was los: Überall Surfer, Radler und Jogger. John gibt uns noch ein paar wertvolle Tips bevor er uns verlässt und die ganze Strecke wieder zurück Nachhause fährt. Eine tolle Begegnung. Joes Hilfsbereitschaft und Geduld haben mich berührt. Hier ist es uns doch etwas zu touristisch und voll. Wir fahren noch 5Km zu einem etwas ruhigeren und günstigeren Zeltplatz, bauen das Zelt auf und gehen zum wundervollen Strand. An dieser Stelle ist es um einiges leerer und so genießen wir das Abendlicht und lassen das Treffen mit Joe Revue passieren.

Tairua | Whangamata | Waihi Beach

Als die ersten Sonnenstrahlen auf unser Zelt fallen, wache ich auf. Was für ein schöner Tag! Das morgendliche Ritual beginnt: packen, essen, fertig machen. Ich beobachte zwei ältere Radreisende, die das wohl schon deutlich öfter gemacht haben. Sie fangen später als wir an und sind trotzdem schneller fertig. Das müssen wir wohl noch ein paar mal üben..Vielleicht ist unsere Reihenfolge auch nicht die Beste. Sollte man erst frühstücken und dann erst zusammenpacken? Macht das einen Unterschied? In Gedanken versunken schnalle ich die Ortliebtaschen ans Rad und es kann losgehen. Wieder ein Stück weiter Richtung Süden, der Hauptstadt entgegen. Die ersten Kilometer vergehen wie im Flug. Das gute Wetter und die flache und verkehrsarme Strecke tragen dazu bei, dann der erste Berg des Tages. Wir kommen ein bisschen weiter als gestern, bevor wir unsere Räder wieder schieben. Heute stört uns das gar nicht, denn wo es hoch geht, geht’s mit Sicherheit auch bald wieder bergab! Oben angekommen genießen wir wieder einen wahnsinns Blick, ziehen uns warme Sachen an und schlängeln uns den berg hinunter. Es geht hügelig weiter, aber wird nicht mehr ganz so steil. Die Avocadostände am Straßenrand sind so versteckt, dass wir sie immer zu spät sehen. Aber wir hoffen auf den Nächsten. Whangamata erreichen wir am Mittag – ein süßes Städtchen direkt am Meer. Am Strand beobachten wir einen Surfer, der hinaus in das schäumenden Meer paddelt. Das Rauschen der Wellen, der Wind und der wundervolle Strand lassen die Mittagspause schnell vergehen, so dass wir in der Mittagshitze wieder auf den Rädern sitzen und weiter Richtung Waihi fahren. Mittlerweile zeigt das Display unseres Tachos über 100 Gesamtkilometer an. Unser Gesprächsthema ist eine SMS von Ben. Er ist gestern mit dem Auto hupend an uns vorbei gerauscht. Wir versuchen uns zu erinnern, bis mitten auf der Straße plötzlich ein Schild auftaucht: “Road closed”. Alle Autofahrer drehen um, ich und Janina stehen ratlos davor. Was tun? Versuchen weiterzufahren, oder einen riesengroßen Umweg in Kauf nehmen?! Keiner von uns will die Entscheidung treffen und so schreiben wir Ben eine SMS. Tatsächlich schreibt er uns wenige Minuten später: Fahrt weiter! Im schlimmsten Fall müsst ihr nach 2km wieder umdrehen. Nach guten 2km sehen wir dann auch was los ist: Mitten auf der Brücke sind Bauarbeiten und ein dicker Lkw versperrt den Durchgang. Wir quetschen uns an den lachenden Bauarbeitern vorbei, die sich über das vieles Gepäck auf unseren Fahrrädern lustig machen. Wir lachen mit. Ein riesengroßer in den unterschiedlichsten Grüntönen schimmernder Berg erhebt sich aus dem Nichts vor uns. Ich bin völlig angetan und so halten wir. Das Stativ wird aufgebaut und ein Selfie geschossen. Etwas enttäuscht pack ich alles wieder ein. Auf dem Foto entspricht der Berg überhaupt nicht meiner Wahrnehmung, trotzdem hat das Shooting spaß gemacht! Die kommende Strecke hält ebenfalls einige steile Herausforderungen für uns bereit. Der Seitenstreifen wird immer schmaler, die Kurven nehmen zu und die Straße wird immer steiler. Das macht müde und Janina ist genervt. Also wird noch eine Pause eingelegt, bevor wir die Bergspitze erreichen. Eine Aussichtsplattform auf der rechten Seite lädt dazu ein. Ich werde beim Überqueren der kurvigen Straße fast überfahren. Der Wind ist so laut, dass ich das Auto nicht kommen höre. In letzter Sekunde springe ich von der Straße und der Schock sitzt mir in den Knochen. Nicht ungefährlich solch eine kurvenreichen Strecke. Die Aussicht, der Müsliriegel und die Fotosession steigern die Laune und geben Energie. Also wieder auf die Räder. Wir fahren an Waihi vorbei, denn wir wollen zum Strand! Obwohl die Laune nach 90km Höchstanstrengung ziemlich unten ist und wir uns anzicken, wollen wir beide heute noch den Strand erreichen, von dem ein Kumpel so geschwärmt hat. Wir radeln einen Berg hinunter, doch die Straße vom Campground kommt und kommt nicht. Nun bin ich es die schlecht gelaunt ist. Janina sollte sich um die Navigation kümmern und dass wir diesen blöden Zeltplatz nicht finden nervt mich. Janina befürchtet, dass wir zu weit gefahren sind. Das würde bedeuten den gerade heruntergefahrenen Berg wieder hoch zu müssen. Wir halten an. Zum dritten Mal an diesem Tag falle ich mit samt dem Rad hin. Diese blöden Klickschuhe! Meine Laune ist nun wirklich am Boden. Zum Glück hält eine nette Autofahrerin neben uns an. Auf der Rückbank liegt ein Rennrad. Sie fragt, ob sie uns helfen könne. Sie bietet uns an, dass wir gerne bei ihr unterkommen können. Sie wohne allerdings in der Stadt oben am Berg. So lehnen wir dankbar ab und suchen mit ihrer Wegbeschreibung den Zeltplatz auf. Dieser ist überschaulich und nett, wenn auch ziemlich teuer. Durch die abendlichen Erledigungen geht der Tag ziemlich schnell zu Ende und wir verschieben den Strandspaziergang auf den nächsten Morgen.

Cooks Beach | Tairua

Auch beim Campingplatz am Cooks Beach haben wir Radelrabatt bekommen! So könnte es weiter gehen..den Morgen starten wir mit einem wundervollen Strandspaziergang. Ich bin total baff wie leer dieser Traumstrand ist..
Es geht wieder auf die Räder mit dem Tagesziel Whangamata. Aber wir unterschätzen Coromandel. Es geht genauso hügelig weiter wie auf der 309. Absteigen, schieben, aufsteigen und so weiter. Das raubt Kraft. Dazu kommt der Verkehr und die kurvigen Straßen, auf denen es so gut wie keinen Seitenstreifen gibt. Etwas mulmig ist mir da schon, als ein Lkw ganz nah an mir vorbei rauscht. Da ist das Schieben mal nicht so schlimm. Lieber schieben, als wackelig den Berg hochzufahren, das ist meine Devise. Die unglaublich tolle Landschaft macht alles wieder gut und die meisten Autofahrer sind sehr rücksichtsvoll!
Jeden Tag lernen wir was dazu, heute: die Radschuhe dürfen nicht vertauscht werden, oder doch? Nach einer hitzigen Diskussion am Straßenrand in der es darum ging warum ich mich mal wieder nicht mehr einklicken kann, werden die Schuhe getauscht. Ich will Marjam beweisen, dass das Cleat kaputt ist. Aber siehe da, es funktioniert plötzlich wieder! Wir hatten heute morgen also aus Versehen die falschen Schuhe angezogen. Wir lachen über die Situation, fahren gut gelaunt weiter und begegnen unserem ersten Radreisenden – ein Weltenbummler aus Wales. Ein kurzer Smalltalk und weiter gehts zum nächsten Aussichtspunkt.
Nach einer langen Abfahrt kommen wir in Tairua an, eine kleine verträumte Stadt direkt am Strand. Obwohl das Tagesziel ein anderes war, bleiben wir hier auf einem kleinen netten Campingplatz, waschen Wäsche, kochen und lernen unsere ersten Deutschen kennen. Ich montiere gekonnt mein Schutzblech ab, da es durch den Flug eine Schraube verloren hat und trotz einiger Improvisationen nicht aufhört zu schleifen.  Die Ketten werden noch geölt und dann gehts ab an den Strand, mal wieder einen wunderschönen Sonnenuntergang genießen!

Coromandel Town | Whitianga | Cooks Beach

Der sonnige Start in den Tag wird noch besser, als die Dame an der Rezeption für den Schlafplatz deutlich weniger verlangt als üblich. „Vielleicht ist es ein Radelrabatt“ raune ich Janina zu „Oder sie macht es aus Mitleid“. Sie betont nämlich mehrmals, wie steil der Berg ist, der vor uns liegt.
Wir sitzen am Meer in der Sonne, trinken Instantkaffee und genießen unser erstes Frühstück aus unseren Plastikschüsseln – es gibt Porridge zubereitet mit Milkpowder. Schmeckt besser als gedacht!
Nun packen wir alle Sachen zusammenpacken, das erste Mal dauert es eine gefühlte Ewigkeit. Ich freue mich auf den Tag, an dem das durch die tägliche Übung ratz fatz gehen wird. Und endlich starten wir gut gelaunt. Mit 25km/h radeln wir euphorisch die Straße entlang, bis uns ein älterer Mann mit einem E-Bike einholt.
Wir werden langsamer, jetzt bloß das ausklicken nicht vergessen…zu spät. Janina kippt in Zeitlupe mit ihrem Fahrrad um und bringt noch ein “Hopala” raus. Der Herr hilft mit das Fahrrad hochzuhieven. Nach einem kurzen Gespräch weißt er uns freundlich daraufhin, dass wir in die falsche Richtung fahren. Außerdem rät er uns nicht so schnell zu fahren, wir könnten die Landschaft doch sonst nicht genießen. Dank seiner Hilfe finden wir also die 309 – eine Schotterpiste, die einmal quer durch Coromandel führt. Manche erzählen die Straße sei nach der Kurvenanzahl benannt worden, andere behaupten man hätte früher 309min gebraucht, um die Straße mit Pferd und Kutsche zu befahren. Mit einem vollbepacktem Fahrrad ist sie allemal anstrengend. Schon nach den ersten paar Minuten müssen wir absteigen und schieben, der erste Hügel. Ein Mountainbike-Pärchen überholt uns. Kurze Zeit später steigen aber auch sie ab und schieben. Auf dem Schotter ist das schieben sehr mühsam, mit der ganzen Körperkraft stemmen wir die in etwa 25kg beladenen Räder den Berg hoch und achten darauf, dass sie uns unter den Steinen nicht wegrutschen. Der nächste Hügel erstreckt sich vor uns. Ein Auto kommt uns entgegen. Wir versuchen auszuweichen und zack, Janina hat sich wieder hingepackt. Hilflos liegt sie am Boden. Marjam steht dahinter, kann aber auch nicht viel machen, als zu fragen, ob alles gut ist. Der Autofahrer hält sofort an, steigt aus und vergewissert sich das nichts passiert ist. Auch er hilft das Rad hochzuhieven und wünscht uns eine gute Weiterfahrt. Wir kommen an unsere Grenzen. Hungrig und schweißgebadet von der Mittagshitze schieben wir die Räder einen erneuten berg hoch. Camper und Autos hupen zum Gruß und winken, das motiviert zu mindestens etwas.

Nach einer Mittagspause gehts weiter und die schier endlos wirkende steile Strecke nimmt ein ende und es kommt die Abfahrt! ein Traum! Wir bereuen es ganz und gar nicht den steilen Weg gewählt zu haben, er ist einmalig! Dann; das Ende der Road 309. Wir fahren auf dem flacheren Highway mit mehr Verkehr weiter Richtung Whitianga. “Ihr habt’s geschafft!” so spricht uns ein älteres Pärchen an, die wohl an uns vorbeigefahren sind. Sie sind beeindruckt und scheinen über unser Ankommen erfreuter zu sein als wir selbst. Wir nehmen die kleine Fähre Richtung Cooks Beach und suchen dort einen Campingplatz auf.

Auckland | Coromandel Town

Noch schnell die Simkarte vom Vodafonshop am Flughafen geholt (falls jemand Interesse hat, hier die neuseeländische Nummer +64 211.40 29 79.  Wir sind über WhatAapp darüber erreichbar) und dann ging es mit dem Super Shuttle zum Ibis Hotel ins Stadtzentrum von Auckland. Wir haben unsere erste Begegnung mit einem netten Pärchen aus Kanada, die gerade aus Australien kommen und nun 3 Wochen mit dem Camper in Neuseeland unterwegs sein werden. Nachts um Drei stehen wir dann völlig erschöpft vor der Rezeption und vor einem weiteren Hindernis: das Reisebüro hat die Zeitverschiebung bei der Buchung nicht berücksichtigt – es ist also schon der 14.2.. So bleiben uns von den gebuchten zwei Nächten auf die wir uns schon so gefreut haben, nur noch sieben Stunden bis zum Check Out. Sieben Stunden in denen wir die Räder fertig machen, die Wäsche waschen, uns duschen und alle Akkus aufladen müssen! Nach zwei Stunden Schlaf sitzen wir mit den bepackten Fahrrädern in der Lobby und telefonieren alle Hostels ab. “Wir sind für heute ausgebucht”, das ist der einzige Satz den wir zu hören bekommen. Also Planänderung: wir nehmen heute Abend schon die Fähre nach Coromandel. Dort gibt es einen Campingplatz von dem wir dann unsere Radtour starten wollen. Die Ortliebtaschen können wir für 30$ am Hafen unterstellen und so in Ruhe unsere Besorgungen machen. Wir suchen die Library auf, denn dort hat man umsonst Wifi und Strom! Während wir am Hafen auf unsere Fähre warten, führen wir zwei nette Gespräche über das Radeln, unsere Route und unseren Rädern. Der eine ein Rennradler, der zweite der Engländer Ben, den wir etwas besser kennen lernen dürfen. Wir fahren mit ihm bis nach Coromandel. Er lebt seid einem knappen Jahr mit seiner Frau in Auckland. Die Idee nach Neuseeland auszuwandern entwickelte sich aus einer zweimonatigen Radtour. Ben gibt uns wertvolle Tips uns steckt uns mit seiner Radwander-Euphorie an. Als wir ihm erzählen, dass wir erst heut früh angekommen sind, morgen los radeln wollen und das wir das erste mal mit Gepäck und Klickschuhen fahren werden, erklärt er uns lachend für verrückt. Aber er ermutigt uns in unserem Vorhaben. In Coromandel angekommen dämmert es bereits. Ben steigt in den Shuttle Bus, wir steigen das erste mal auf unsere bepackten Räder. Im Dunkeln und etwas unsicher auf den schweren Rädern versuchen wir uns links zu halten. Der wenige Verkehr vereinfacht uns die Umgewöhnung. Müde aber mit den ersten 12km auf den Reifen bauen wir das Zelt auf – auch hier eine Premiere im dunkeln!

Marjam und ich reden noch kurz über die nette Begegnung mit Ben, bevor wir todmüde das erste Mal in unsere Schlafsäcke kriechen, die Stirnlampe ausmachen und die Augen schließen.

Endlich sitzen wir im Nachtzug nach Frankfurt, endlich können wir schlafen…oder auch nicht! Neben uns schnarcht ein Mann so dermaßen, dass die ohnehin schon kurze Nacht im Zug zu einem zweistündigen Power Napping. Also immer noch völlig übermüdet hiefen wir die Räder aus dem Nachtzug und suchen die SBahn Richtung Flughafen. Doch zu unserem Pech wechselte die SBahn noch zweimal das Gleis – kommt uns irgendwie bekannt vor! Dank einer netten bunt gemischten Männertruppe haben wir es doch noch geschafft. Sie müssen auch zum Flughafen – Kuba, Delhi und Bangladesh. Es ist 5 Uhr Morgens als wir am Flughafen ankommen.

“Do you speak german?” ein junger, korpulenter Mann stellt uns die eher ungewöhnliche Frage.
“Ja!”
“Ich hab mal ne Frage, wie lang seid ihr schon unterwegs?”
“Noch gar nicht. Wir fliegen nach Neuseeland und fahren erst da.”
“Mmhh. Mit den Rädern? im Flugzeug?”
“Ja genau, die nehmen wir mit.”
“Die kann man mitnehmen? Schiebt man die dann mit rein oder wie?”
“Nene, die geben wir schon auf.”
“Ahja. Dann geht’s ins Auenland…und dann noch als Zwillinge. eineiig?!”
“Ne eher zweieiig.”
“Du bist älter und du die jüngere!”
“Krass, das stimmt. Woher weißt du das so genau?”

Ein Augenzwinkern muss als Antwort reichen, denn er ist genauso schnell wieder weg, wie er gekommen ist. Er lässt uns verdutzt zurück. Vielleicht ist es die Müdigkeit, die mir diesen Mann wie ein Zauberer erscheinen lässt. Die nächsten 5min rätseln ich mit Janina darüber, wie er das so genau wissen konnte.
Auf der Suche nach dem Terminal 2 besorgen wir uns erstmal was zu Essen. Dass der Frankfurter Flughafen andere Bestimmungen bezüglich der Fahrradverpackung hat, als die Malaysia Airline nehmen wir in unserem tranceartigen Zustand einfach so hin. Um zum Terminal 2 kommen zu dürfen, hätten wir Kartons benötigt und für den Shuttle zum Flugzeug müssten die Pedalen ab. Wir haben weder einen Karton, noch schaffen wir es die Pedalen abzumontieren. Es klappt trotzdem, die Räder sind auf dem weg ins Flugzeug. Ein letzter Kaffe auf deutschem Boden, ein Abschiedsgespräch mit Sophie – die extra aus Marburg angereist ist, um uns zu verabschieden – und zwei Talismane finden auch noch den Weg zu uns. Die zwei Eulen sind auch aus Marburg von unseren lieben Freunden und werden mit uns Neuseeland entdecken! Jetzt kann es losgehen. Aus den Augenwinkeln sehen wir Sophie winken, ein Flugkuss geht zurück und schon sind wir im Gate 2 und warten.
Wir heben ab. Ein tolles Gefühl zu wissen, dass wir ans andere Ende der Welt fliegen. Der Flug bis nach Kuala Lumpur ist lang, aber wir schlafen ja überall gut. Mit dem schauen aktuellster Filme und dem essen vergehen die ersten elf Stunden wie im Flug. Während des kurzen Aufenthaltes in Kuala Lumpur wird was getrunken und ein Iphone Ladekabel besorgt – unseres haben wir doch tatsächlich in Berlin vergessen. Kaum sind wir fertig liegen schon die nächsten elf Stunden vor uns. Unsere Füße werden immer dicker, und auch hier ist unser Durchhalte-Manöver schlafen, schlafen, schlafen.
Und dann: Auckland by night. Wir landen. Ziemlich fertig aber auch voller Vorfreude schlängeln wir uns zu der Gepäckausgabe. Da stehen sie, unsere Räder und warten auf uns. Das Abenteuer kann beginnen!

Nach Frankfurt – der Startpunkt unserer Neuseelandreise – schaffen wir es heute zwar noch nicht, aber dafür gleich zweimal zum Südkreuz!

Es klingelt und wir sind auf die Minute mit dem ganzen Orgazeug fertig geworden. Noch schnell die Radtaschen ans Rad, den Kaffe exen und im Kopf noch einmal die To-Do-Liste durchgehen. Derweilen sehen Marjams Wohnungswände zum ersten mal fremdes Gepäck; der Zwischenmieter räumt seine Sachen rein. Momo schnuppert skeptisch aber auch neugierig, völlig überfordert vergisst sie sogar aus der Wohnung zu laufen, trotz offener Tür. Wir wissen es wird ihr gut ergehen in den zwei Monaten, auch ohne uns. Nun heißt es Abschied nehmen von den vertrauten vier Wänden. Rad und Gepäck werden runtergehieft und dabei machen unsere Räder die beste Figur. Tja, da hat sich der Matthi mal wieder selbst übertroffen.
Am Bahnhof wartet unser Abschiedskomitee: Lena u Stella, die uns verabschieden wollen.
Doch Berlin will uns noch nicht gehen lassen…trotz Pünktlichkeit am Gleis fährt uns der Zug unwissend vor der Nase weg. Die Durchsage ist so leise und unverständlich, dass wir in unserer Gelassenheit und Aufregung zugleich den Gleiswechsel nicht hören, keiner von uns vier.
Der Zug ist verpasst und so sehen wir unsere Wohnung und Schmomo doch schneller wieder als erwartet. Gepäck und Räder bleiben da und wir setzten uns ins Mokalola, machen letzte Erledigungen und der Stress lässt langsam nach. Beide vertieft im schreiben und mit roten Wängchen warten wir darauf, dass es Abend wird und wir erneut zum Südkreuz fahren können. Wir haben ein neues Ticket für den Nachtzug gekauft und kommen, wenn diesmal alles gut geht, um 5h am Frankfurter Flughafen an!

Ein schöner stressiger aufregender und doch entspannter Beginn unserer 2 monatigen Reise nach und durch Neuseeland!

Die Räder sind fertig! Tausend Dank hier noch mal an Matthias…

Wir kommen in den Radladen und da stehen sie, unsere Reisebegleiter. Ich bin sprachlos. Die Räder passen perfekt zu uns, da hat sich der Meister mal wieder selbst übertroffen.

Matthias gibt uns noch letzte Tips zu unseren Räder, deren Einstellungen und den Reperaturen. Wären wir nicht so in Zeitnot, hätten wir ihm noch viele weitere Stunden interessiert zugehört. Das Rad bis ins kleinste Detail zu kennen ist eine tolle Vorstellung, aber dafür bräuchten wir wohl doch noch einige Privatstunden…

Wir fahren Probe – das erste Mal mit Cleats (Klickschuhe). Funktioniert besser als gedacht und den von uns gefürchteten Sturz lassen wir auch weg. Das zweite Paar Schuhe mitzuschleppen bereuen wir schon jetzt nicht mehr. Der Runde tritt hat es uns angetan.

“Ich komm überhaupt nicht rein, bist du schon drin Janina? Janinaaaa?”

“Also rechts komm ich super rein. Links ist irgendwie schwieriger…kommst du rein?”

“Also ich habs jetzt einmal mit beiden geschafft. Ist nen komplett anderes Gefühl mit links. Versuch mal nen bisschen zu wackeln.”

“Marjam. Es rastet ja ein, aber trotzdem bin ich nicht richtig drin.”

“Okay, wir rufen jetzt Matthias an. Oder weißt du was, wir tauschen erstmal Schuhe, vielleicht hast du die Cleats ja nicht richtig eingestellt, den rechten hat ja Matthi gemacht. Jetzt versuch noch mal.”

”Ja super. Und ZACK..bin ich auch mit links drin.”

Zum Glück ist Matthias noch mal vorbeigekommen und hat das problem beseitigen können – es lag tatsächlich an den Cleats und nicht an mir, wie ich es erst gedacht habe.

Da das unsere erste Fahrradtour wird, haben wir keine richtige Vorstellung, wie viel km wir schaffen können. So haben wir unsere Route nicht nach km geplant sondern danach, was wir in Neuseeland sehen wollen. Je nachdem wie wir voran kommen fahren wir Strecken mit dem Bus/Zug, kürzen die Route oder verändern sie komplett. Sie dienst uns als Anhaltspunkt…

Wir starten in Auckland und fahren mit der Fähre nach Coromandel. Von hier fahren wir mit dem Rad über Matamata, Tuaranga, Rotorua, Taupo, National Park und Raehiti. Dann geht es entlang dem Whanganui River bis nach Whanganui. Da die Strecke bis nach Wellington nicht sehr spektakulär sein soll, fahren wir das Stück mit dem Bus bzw. mit dem Zug. Mit der Fähre geht es dann nach Picton auf die Südinsel. Die Westküste runter über Nelson und Westport. Von da fahren wir über den Lewis Pass und die Molesworth Route Richtung Blennheim. An der Ostküste geht es runter nach Kaikoura und wieder Richtung Westen auf dem Arthurs Pass nach Greymouth. Von hier fahren wir weiter in den Süden über queenstown, Te Anau, Dunedin. Wir fahren auf dem Lindis Pass Richtung Christchurch. Von hier treten wir den Heimweg an: der Zug bringt uns nach Picton, mit der Fähre geht es weiter nach Wellington und mit dem Overlander (Zug) zurück nach Auckland.

Da Wildcampen in Neuseeland leider nicht mehr erlaubt ist, werden wir hauptsächlich campen, versuchen bei Warmshowerleuten unterzukommen oder in Hostels übernachten. Dafür waren folgende Seiten sehr hilfreich:

Warmshower, eine tolle Community – Couchsurfing für Radfahrer

Rankers – hier findet man alle Campingplätze und die wichtigsten Informationen (Kosten etc.)

DOC – von Unterkünften über historische Orte bis hin zu den tollsten Spaziergängen, hier findet man alles

Topo Map – eine tolle Karte mit allen Infos, die man braucht

 

Für unsere Fahrradreise haben wir vor entweder Räder in Neusseland zu mieten oder vor Ort neue zu kaufen, um sie nach unserer Tour wieder zu verkaufen. Letzteres wird in mehreren Fahrradläden in Neuseeland angeboten.

Mit der Recherche denken wir in Ruhe über diesen Plan nach. Das Fahrrad wird unser Fortbewegungsmittel für gute zwei Monate sein. Das heißt, wir brauchen ein gutes und stabiles Rad und müssen es in und auswendig kennen. Hier in Berlin haben wir unseren persönlichen “Fahrradmeister”, der uns schon unsere Rennräder zusammengebaut hat und sich sehr gut auskennt. Vielleicht wäre es doch sinnvoller die Räder bei ihm hier in Berlin zu kaufen und sie mit nach Neuseeland zu nehmen. Dann hätten wir genügend Zeit unsere Räder kennenzulernen und sie Probe zu packen. Außerdem hätten wir anständige Tourenräder und könnten auch nach der Neuseelandreise ohne großen Aufwand weitere Touren machen.

Aber wie sieht der Transport aus? Mit wie viel Kosten müssten wir zusätzlich rechnen, wenn wir die Räder mit in den Flieger nehmen? Lohnt sich der Aufwand überhaupt?

Nach dem ich mal wieder das Internet durchstöbert habe, komm ich zu folgender Antwort: die Transportkosten variieren von Airline zu Airline. Wir müssen mit 50 – 200€ pro Flugstrecke rechnen. Es heißt, die Malaysia Airline verrechnet das Fahrrad mit dem zugelassenen Gepäck (30kg). Aber so richtig trauen tue ich dieser Aussage noch nicht. Ich frage meinen zuständigen Reiseverkehrskaufmann von Travel Overland. Die Antwort ist unerwartet: das würde sich kaum lohnen, man müsse mit ca. 600 – 800€ rechnen. Das hätte er letztes Jahr recherchiert, als zwei Sportfanatiker einen Marathon auf Neuseeland mitfahren wollten und genau die gleiche Frage hatten. Na super! Der Thorsten fragt aber trotzdem noch mal bei der Malaysia Airline nach. Wie nett!

Zwei Tage später die positive Rückmeldung von Thorsten: das Fahrrad wird tatsächlich mit dem vorgegebenen Gepäckgewicht (bei uns 30kg, mit Handgepäck 35kg) verrechnet. Anmelden muss man die Räder nicht. Sie müssen natürlich vorschriftsgemäß verpackt werden und etwas früher beim Check In zu sein wird auch nicht schaden. Zahlen würden wir dann nur für das entstandene Übergewicht. Das wären pro 5kg dann ca. 52€. Mehr als 5kg Übergewicht werden wir bei einem Fahrradgewicht von ca. 15kg wohl nicht haben. Also knappe 50€ pro Flugstrecke. Perfekt – was für eine tolle Nachricht! Die Internetrecherche hat doch gestimmt.

Also, das steht! Jetzt werden noch unsere Räder fertig gemacht und dann kann es los gehen..

Zu Beginn haben uns die Räder von Tout Terrain überzeugt – schicke, robuste und stabile Trekkingräder. Aber wenn man die Möglichkeit hat ein eigenes, ganz individuelles Fahrrad aufgebaut zu bekommen, entscheidet man sich natürlich dafür!

Wir sind gespannt, was uns Matthias in seinem Radladen wieder tolles zaubern wird!

In den Herbstmonaten versammeln sich im Storchendorf Linum hunderttausende Kranichen, bevor sie gen Süden weiterfliegen. Es liegt nordwestlich von Berlin und ist von meiner Wohnung knapp 60km entfernt. Eine perfekte Tagestourstrecke!

Ich fahre am späten Morgen los. Es ist ein Mittwoch, der Berufsverkehr ist schon vorbei und ich fahre mit wenig Verkehr durch Spandau. Endlich bin ich aus Berlin raus und es geht auf der Landstraße weiter. Sie führt mich durch einen wunderschönen Wald. Rehe springen an mir vorbei und die Bäume strahlen in ihren herbstlichen Farben am Wegesrand. Das Wetter ist heute auf meiner Seite. Es ist zwar kühl, aber die Sonne lukt immer mal wieder durch die Wolken – perfekt zum Radeln! Ich komme an einem Grundstück vorbei, auf dem hunderte von Reifen gelagert sind. Ein tolles Bild. Ich kann es nicht lasse, steige ab und klettere über den Zaun, um ein paar Fotos zu schießen. Irgendwie lustig auf den Reifen rumzuturnen.

  

Kurze Zeit später bin ich da. Eine Apfelbaumallee führt mich zur Storchschmiede. Ich nutze die Gelegenheit und pflücke einen großen, roten Apfel! Mmmhhh, wie gut so ein Apfel doch schmecken kann!

Es ist halb zwei, als ich das Nabu-Haus betrete und die Dame frage, wo denn die Kraniche sind. Sie erzählt mir, dass zu dieser Zeit die Vögel auf den riesigen Feldern 3-4km außerhalb des Dorfes sitzen. Also noch einen Apfel gegessen und dann rauf aufs Rad. Kurze Zeit später sehe ich auch schon die Ersten. Wow, das sind wirklich viele! Und wie Groß die Vögel sind. Ich fahre langsam an den Feldern vorbei und beobachte das Naturschauspiel. Einige Autos stehen am Wegesrand und auch ein paar Hobbyfotografen sehe ich. Sie stehen an den Stativen, wärmen sich die Hände, unterhalten sich aber sind jeden Moment bereit abzudrücken. Ich fahre weiter. Ob da noch mehr Vögel kommen? Aber irgendwann kann man die Felder nicht mehr sehen und so drehe ich um. Ein Mann spricht mich an: „Und wieviele sinds?“ Ich schaue ihn fragend an. „Na du fährst hier so auf und ab, da könnte man meinen du zählst die Kraniche.“ Ich lache: „Na viele sinds!“ Wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir, dass viele der Vögel schon losgeflogen sind. Es gab einen Tag im Herbst, als er in den Himmel schaute und dachte, dass ein riesiges Unwetter heranziehen würde; der Himmel war schwarz. Aber es war keine Gewitterwolke, sondern hunderttausende Kraniche, die den Himmel für sich belagerten. Das muss ein tolles Erlebnis gewesen sein!

    

Mittlerweile ist es Viertel vor Drei. Ich habe kein Licht und selbst wenn, der Gedanke alleine im Dunkeln auf der Landstraße zu fahren gefällt mir nicht. Außerdem ist mir doch etwas kalt geworden. So beschließe ich nach Oranienburg zu fahren und dort in die S-Bahn zu steigen. Das sollte ich vor Dunkelheit schaffen! Die 30km fahre ich einer guten Stunde. Das schnelle Radeln macht spaß! Das Schloss Oranienburg heißt mich Willkommen. Ich trinke noch einen Kaffee bei Tschibo, bevor ich in die S-Bahn steige und zurück nach Schöneberg fahre. Ich bin erschöpft aber glücklich! Es war ein rundum schöner Tag und das obwohl ich ganz alleine war!

 

 

Natürlich sind wir nicht die ersten, die mit dem Rad durch Neuseeland fahren. Man findet viele Berichte im Netz mit Routenvorschlägen und Tips, die uns bei der eigenen Planung helfen.

Hier ein paar schöne Beispiele:

Beispiel1 – 2 Frauen | 6 Monate | gute Tips | spannende Reiseberichte | 2012/13

Beispiel2 – detaillierter Reisebericht mit Streckenkarte (Gpsies) | 2011/12

Beispiel3 – 1 Paar | 5 Wochen | Südinsel | spannende Reiseberichte | 2010

Beispiel4 – 1 Paar | 4 Wochen | Südinsel | Reisebericht mit Route (1,2,3) |2010

Beispiel5 – 1 Mann | 7 Wochen | genaue Etappen | 2007

Beispiel6 – 1 Mann | 7 Wochen | sehr informativ | tolle Route | 2006/2007

Beispiel7 – 4 Radreisen à 4 Wochen | route in Etappen | 1998-2004

Zwei Monate können so lang sein und doch viel zu kurz. Wir müssen uns von dem Gedanken alles sehen zu wollen schnell verabschieden. Die letzten Tage habe ich mir unterschiedlichste Routen angeschaut und über unsere eigene nachgedacht. Aber ohne Janina komm ich da gerade nicht weiter. Am Wochenende ist sie in Berlin, vielleicht schaffen wir es ein bisschen an der Route zu feilen!

Eins ist klar; wir dürfen die Gesamtkilometer nicht zu hoch ansetzen, denn sonst wird es eine reine Hetzerei durch Neuseeland. Wir werden also auf jeden fall Strecken mit dem Zug und/oder Bus zurücklegen. Darauf freuen wir uns aber auch schon sehr. diese zweiteilige Dokumentation über Neuseeland (Teil1, Teil2) hat uns das Zugfahren durch Neuseeland schmackhaft gemacht..

Wir liegen auf meinem Bett vorm Laptop, der die Neuseelandkarte zeigt. Nachdem die Route durch den Norden soweit geplant ist, kommt die Südinsel:

“Also von Picton die Westküste runter Richtung Greymouth auf dem Highway 6 soll man angeblich Rückenwind haben. Außerdem soll das landschaftlich nen Traum sein.”

“Marjam, das soll da wirklich total viel regnen. Auf dem einen Blog stand, dass die kaum voran gekommen sind wegen des Gegenwindes und dem Regen. Das macht doch dann auch kein Spaß.”

“Na deswegen sag ich doch, dass wir die Westküste runter fahren. Ich hab jetzt schon mehrmals gelesen, dass man da Rückenwind haben soll. Und das Paar, was du meinst ist ja die Westküste rauf gefahren, oder nicht?”

“Ja, na dann fahren wir die Westküste runter. Also ich will auf jeden fall ganz in den Süden. Te Anau darf auch auf gar keinen fall fehlen.”

“Ok. Mmh, aber dann fahren wir nur einmal um die Südinsel rum – gegen den Uhrzeigersinn. Ich will aber unbedingt auch den Lewis Pass fahren. Quasi einmal quer rüber. Das muss wohl echt toll sein. Auf der anderen Seite fahren wir die Strecke dann zweimal, ist auch quatsch.”

“Man Marjam, wir müssen auf jeden fall auf was verzichten, anders wird das nichts. Ich hab echt keine Lust mich jeden Tag abhetzen zu müssen, ich sag nur Berlin Dresden.”

“Also den Pass will ich wirklich gerne fahren. Da verzichte ich dann lieber im Norden auf was.”

“Gerade hast du noch gesagt, dass wir die Strecke dann zweimal fahren müssen und das rausgeschmissenes Geld ist. Was denn nun?”

“Ok, also ich hab die Idee. Wir fahren einfach von Christchurch mit dem Tranzalpine nach Greymouth. Die Zugstrecke muss der hammer sein. Von da fahren wir mit dem Rad über den Lewis Pass nach Kaikoura. Was sagst du?

“Ja klingt gut!”

“Super. Siehst du, gut, dass wir darüber gesprochen haben. Warte ich schreib das jetzt noch mal kurz auf, damit wir das nicht vergessen. Hoffentlich sind das jetzt nicht viel mehr als unsere angesetzte Gesamtkilometerzahl, sonst müssen wir noch was streichen.”

“Also Marjam, was ist nun…wollen wir das jetzt machen morgen? Weil dann buch ich jetzt und nehme in zwei Stunden den Bus nach Berlin. Ich muss Sonntag halt wirklich wieder in Dresden sein, ok?!”

Schnell noch Bananen, Müsliriegel und Salami gekauft und da klingelt es auch schon und Janina steht in der Tür. Naviki schlägt uns eine Route vor: 185km von Berlin bis nach Dresden. Das letzte Stück von Meißen ist sogar an der Elbe lang. “Joa, klingt doch gut. Dann lass uns das ausdrucken und zur Sicherheit noch mal die Dörfer aufschreiben zur groben Orientierung. Das hab ich damals auch gemacht, als ich nach Kassel gefahren bin. Dann kann nichts schief gehen!” Einen neuen Schlauch haben wir durch die spontane Aktion nicht mehr bekommen, dafür aber Flickzeug. Das muss reichen! “Also wenn wir morgen um halb Sieben los fahren, sollten wir das doch schaffen. Mit Pause, verfahren und so weiter sind wir dann vor Dunkelheit da. Du hast dein Rad in Dresden und den Sonntag zum auskurieren. Ist doch perfekt! Stellst du den Wecker?” Ich freue mich schon sehr auf unseren Tagesausflug!

Natürlich verschlafen wir beide! Es ist halb Acht, als wir aufwachen. Wir beschließen es trotzdem zu versuchen und im Notfall das letzte Stück mit der Bahn zu fahren.

Mit gepackten Rucksäcken schwingen wir uns um halb Neun auf unsere Rennräder.

  

Wir fahren am Tempelhofer Feld vorbei und auf die 96 über Zossen Richtung Dahme/Mark. Wir sind beide gut gelaunt und froh, dass wir trotz des verspäteten Aufwachens einfach los geradelt sind! Nachdem wir Zossen schon ein ganzes Stück hinter uns gelassen haben, sollen wir laut Naviki eine kleine Straße durch den Wald nehmen. Janina freut sich schon besonders darauf, denn Landstraße wird auf Dauer ziemlich langweilig. Leider ist die kleine Straße ein Waldweg – mit den Rennrädern kein großes Vergnügen. Wir sind ziemlich schnell bedient vom ständigen im Sand wegrutschen, absteigen schieben, neuer Fahrversuch etc..”Man ey, warum haben wir nicht einfach den Umweg über die Landstraße genommen, da wären wir trotzdem 10x schneller gewesen!”Wir können ja auch wieder zurück.” “Ne, auf keinen Fall! Da fahr ich lieber weiter, als das ganze Stück wieder zurück zu fahren. Man zum kotzen! Ich hab das Gefühl ich verschwende meine ganze Energie für nichts! Nervt dich das nicht Janina?” “Doch, also so langsam hab ich auch die Schnauze voll. Das hört ja nie auf!” Naja, dafür war die Strecke schön schattig.

  

Endlich sind wir in Dahme/Mark angekommen. Nach der kalten Cola, die Janina beim Bäcker holt, gehts uns doch gleich viel besser! Und es geht weiter Richtung Dresden. Durch die Waldaktion, das ständige auf die Karte schauen und den Trink. und Esspausen haben wir ziemlich an Zeit verloren. Bis nach Dresden werden wir es vor Dunkelheit leider nicht mehr schaffen. Jetzt gehts zum Elbradweg. Die Natur ist wahnsinnig schön! Da wird man gleich wieder motiviert – zu mindestens Janina! Ich bin weiterhin frustriert, dass wir es heute nicht nach Dresden schaffen werden.  So schön die Natur auch ist, diese unebenen Straßen bremsen einen unglaublich ab und so kommen mir die 3km bis zum Elbradweg wie gefühlte 20 vor. Das nervt! Aber es lohnt sich. Die Sonne steht schon sehr tief, als wir endlich an der Elbe entlang radeln. Ein wahnsinniger Blick! Da tut der Popo nicht mehr ganz so doll weh und die Kopfsteinpflaster fahren sich auch nicht mehr so schlimm. Trotzdem, die Kilometer wollen nicht weniger werden. Immer noch 20km bis Meißen.

    

 

Endlich um 20h kommen wir ziemlich fertig in Meißen an. Die letzten Kilometer sind ein Wettrennen mit der Dunkelheit gewesen. Aber pünktlich zur Dämmerung sind wir in Meißen. Schon von Weitem hat sich uns die beleuchtete Albrechtsburg gezeigt, die majestätisch und elegant in Dunkelheit steht! Ich und Janina sind beide schon am Verhungern. Wir wollen essen gehen, bevor wir in die Bahn steigen. Das haben wir uns verdient! Während wir auf die Bestellung warten: “Sag mal, wollen wir die 25km nach Dresden nicht doch noch fahren? Wir haben doch Licht und auf ne volle, helle Bahn hab ich grade so gar keine Lust” “Ja also ich glaub, wenn ich was gegessen habe, könnt ich die restlichen Kilometer noch fahren. Hast schon recht, du musst morgen ja auch wieder nach Berlin und das kostet ja auch schon. Aber wir fahren gemütlich, ok?” ”Ja, ich kann auch nicht mehr schnell, bin echt erledigt.” 

  

Endlich um 22.45h kommen wir dann völlig erledigt in der Wohnung vonJaninas bester Freundin in Dresden an. Wir sind heute tatsächlich gut 200km gefahren heute. Und das ganz ohne Training. Unsere Popos brennen, ich hab etwas Knieschmerzen und beide haben wir überhaupt gar keine Energie mehr übrig. Wir springen unter die warme Dusche und fallen nur noch Tod ins Bett. Es war eine tolle, wenn auch anstrengende Tagestour! Wir freuen uns schon auf unseren Muskelkater morgen!

View Map Berlin 2 Dresden

 

Das Internet ist voll von guten Radreiseblogs und Abenteuerberichten. Hier einige Favoriten:

Alastair Humphreys ist jemand, der das Abenteuer liebt: von Radreisen über Wandertouren bis hin zu Seegeltrips findet man hier alles. Toller Blog!

Tom Allen, ein Liebhaber von abenteuerlichen Fahrradtouren durch die Welt. Er gibt nützliche Tips und hat beeindruckende Touren gemacht.

Mit der Baby-Ritschka durch Asien, eine sechsmonatiges Radabenteuer mit Baby.

Mit dem Rad die Welt entdecken, auch hier gibt es gute Tips, tolle Fotos und genaue Berichte.

Einmal um die USA, eine Radreise von Dirk Rohrbach.

Eine Weltreise, knapp 600.000km, Heinz Stücke bereist die ganze Welt.

Noch eine Weltreise, hier gibt es wertvolle Tips.

Aquarelle als Reisedokumentation, der Künstler Jens Hübner skizziert seine Fahrrad-Weltumrundung.

Tierfilmer Andreas Kieling zeigt atemberaubende Bilder, spannende Geschichten und interessante Reisen.

Ein Sessel auf Reisen, die andere Art einer Radreise.

Shanghai2Berlin, ein Abenteuer der Zwillinge Paul und Hansen. Von Fotos, Tagebucheinträgen und einem Dokufilm findet man hier alles. Hut ab!

Ich habe heute die Flüge gebucht! Am 12. Februar geht es von Frankfurt über Kuala Lumpur bis nach Auckland. Dann heißt es 63 Tage Neuseeland. Wie aufregend!